Benz, Kathrin: Antoni Gaudí. Der Architekt Gottes. Die Biographie.
Freiburg: Herder 2025. 384 S. Gb. 30,–.
Antoni Gaudí (1852-1926), der berühmte Schöpfer der Sagrada Familia in Barcelona, war eine sehr eigene Persönlichkeit: Aus einer Handwerkerfamilie eines kleinen Dorfes in Katalonien stammend, fand er dank seiner offenen Eltern doch früh Zugang zu Bildung. Er studierte Architektur, seine ungewöhnliche Begabung fiel früh auf. Gesellschaftlich kämpfte er sich hoch, auch dank einiger großbürgerlicher Mäzene, und bekam bald große Aufträge, von denen nicht alle vollendet wurden. Seine Verehrung für den heiligen Josef und für die Heilige Familie führte dazu, dass er in einem damals neuen Stadtviertel mit der Kirche Sagrada Familia beauftragt wurde, sein Lebenswerk, an dem er jahrzehntelang arbeitete und von dem bei seinem Tod nur ein kleiner Teil vollendet war – bis heute wird an der Kirche weitergebaut.
Gaudí war zeit seines Lebens hoch verehrt und zugleich sehr umstritten. Er war ein Nationalheld Kataloniens. Nach seinem dramatischen Tod – er war von einer Straßenbahn angefahren worden und wurde nicht erkannt und nicht ausreichend medizinisch behandelt – trauerte ganz Barcelona. Als Architekt war er sowohl ein großer Techniker, der sehr viel Neues und Kühnes erfand und ausprobierte, wie auch ein großer und innovativer Künstler – wohl alle bedeutende Architektur verbindet beides. Gaudí war ein Einzelgänger, menschlich und künstlerisch, und zugleich war er sehr vernetzt, sehr kooperativ. Er war umfassend gebildet und hinterließ ein breites Œuvre, nicht nur die bei uns fast ausschließlich bekannte Sagrada Familia, sondern auch Wohnhäuser, Fabrikgebäude, Parkanlagen, Kirchenrestaurationen. Einige Werke gehören zum UNESCO-Weltkulturerbe. Seine asketische und streng religiöse Lebensweise beeindruckt; ein Seligsprechungsprozess wurde schon vor Jahren begonnen.
Gaudís Kunst überwältigt: Die Sagrada Familia ist in der Bauform etwas wie eine riesige gotische Kathedrale, ausgestattet in einer sehr eigenen Mischung aus Neobarock und Jugendstil – Gaudí ist Hauptvertreter von dessen katalanischer Spielart, Modernisme genannt. Gaudí war ein Solitär und Rechthaber, aber vor allem in der Skulptur und Farbgebung unglaublich bunt und kreativ, auch voller religiöser Symbolik, mediterran verspielt, bisweilen manieriert, grotesk. Manche halten seine Kunst für Schwulst und Scharlatanerie, andere bezeichnen Antoni Gaudí als letzten wahren Architekten und als künstlerisches Genie. Im deutschsprachigen Raum ist Gaudí wohl besonders umstritten, denn die hiesige Ästhetik ist sehr vom Bauhausstil geprägt – in manchem glatt das Gegenteil.
Kathrin Benz’ Biografie, Ergebnis langer und gründlicher Recherchen, ist zumindest deutschsprachig eine Neuheit, denn es gab noch kaum Literatur über Gaudí. Das Buch ist detailreich, gut lesbar und vermittelt ein lebendiges Bild von Gaudís Persönlichkeit – deren eher schrulligen wie auch deren beeindruckenden Anteilen – und der komplexen und dramatischen Zeitgeschichte. Die Frömmigkeit und die Theologie Gaudís werden gut gewürdigt, auch sein sozialer Einsatz für die verarmte Arbeiterschaft. Politisch hielt Gaudí sich gut zwischen den verhärteten Fronten und konnte daher mit Unterstützung vieler Seiten künstlerisch wirken. Benz würdigt Gaudís Kunst zustimmend, bisweilen enthusiastisch; Kritiker werden zwar zitiert, aber die Autorin selbst bleibt ihrem Helden immer loyal – eine lohnende Lektüre ist das Buch freilich auch für Gegner der Kunst Gaudís.
Stefan Kiechle SJ
Daufratshofer, Matthias / Fischer, Moritz / Volkmann, Peer Oliver (Hgg.): „Wir leben in einer Zeitenwende“. Michael Kardinal von Faulhaber und die katholische Kirche zwischen Monarchie, Diktatur und Demokratie (Münchner Kirchenhistorische Studien. Neue Folge 14).
Stuttgart: Kohlhammer 2025. 364 S. Kt. 69,–.
Es erinnert an die Heftigkeit mancher Emotionsausbrüche in heutigen innerkatholischen Grabenkämpfen, wenn man auf eine Schlüsselszene aus der Zeit der Anfänge der Weimarer Republik blickt: Der Eklat zwischen Kardinal Michael von Faulhaber und dem Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer am Ende des Katholikentages in München im August 1922. Auf dem Königsplatz, und nicht nur dort, hatte der Münchner Kardinal (*1869, 1917-1952 Erzbischof von München und Freising) vor Hunderttausenden zum Schlag gegen die Weimarer Verfassung ausgeholt: „Wehe dem Staat, der seine Rechtsordnung und Gesetzgebung nicht auf den Boden der Zehn Gebote Gottes stellt, der eine Verfassung schafft ohne den Namen Gottes … Die Revolution war Meineid und Hochverrat und bleibt in der Geschichte erheblich belastet.“
Damit positionierte er sich gegen das katholische Zentrum, das die Weimarer Verfassung als legitim ansah. Der katholische Reichskanzler Joseph Wirth (1879-1956) hatte sich in Erwartung heftiger Auseinandersetzungen und wegen Befürchtungen eines Attentats auf seine Person von rechts-nationaler Seite her erst gar nicht nach München begeben. So blieb es dem pro-republikanischen Präsidenten des Katholikentages, Konrad Adenauer, vorbehalten, in seinem Schlusswort dem Kardinal zu widersprechen. Applaus blieb aus, ein Vertreter der Bayrischen Volkspartei, die sich 1918 von Zentrum abgespalten hatte, rief: „Schmeißt den Kerl doch einfach raus!“ Faulhaber war über Adenauer empört. Er hatte dessen Rede nicht zuletzt als Angriff auf das Wittelsbacher Herrscherhaus verstanden und „wollte den Saal demonstrativ verlassen, fand jedoch seinen Hut nicht – Augenzeugen zufolge hatte ihn jemand bewusst versteckt. Das gab Adenauer die Chance, schnell zum Schluss zu kommen und den Erzbischof um den Schlusssegen zu bitten, den dieser nicht verweigern konnte und wutschnaubend erteilen musste“ (Hubert Wolf, 25; Elke Seefried 141 ff.).
Der vorliegende Sammelband geht vor dem Hintergrund der inzwischen edierten Tagebücher Faulhabers von der Frage aus, wie der Münchner Kardinal und die katholische Kirche mit den Zeitenwenden ihrer Zeit umgingen: Krieg, Weimarer Republik, Nationalsozialismus, Zusammenbruch und Neubeginn nach 1945. Offensichtlich ging es nicht einmütig zu. Faulhabers Beitrag ist dabei in den vergangenen Jahren deutlicher in die Kritik geraten: Distanz zur Republik, Haltung zum Nationalsozialismus, Gespräche mit Hitler, Indifferenz gegenüber der Demokratiegründung nach 1945. Faulhaber stand nicht für sich allein mit seiner lebenslang durchgetragenen antiliberalen Grundüberzeugung von einer Ordnung, die in unveränderlichen göttlichen Wahrheiten gründet. Vielmehr repräsentierte er als „überragendste Bischofsgestalt ihrer Zeit“ (Karl Otmar von Aretin) durchaus das gesamte „Amtsbrüdermilieu“ (Olaf Blaschke, 89-110). Jedenfalls: Um die Fülle des Materials zu bewältigen, untergliedern die Herausgeber die Beiträge in vier Kapitel: „Katholische Kirche und Demokratie“ (89-154), „Neuordnung des Gewissens?“ (155-254), „Christliche Weltanschauung im Wandel“ (255-302), „Geschlechterordnungen“ (303-352). Jedes Kapitel wird mit einem Kommentar abgeschlossen, der den Blick weitet.
Der Sammelband kommt zur rechten Zeit. Wieder befindet sich der Katholizismus in einer gesellschafts- und sicherheitspolitischen Wendezeit; er reagiert darauf nicht einmütig – wie könnte es auch anders sein? Geschichte wiederholt sich zwar nicht; heutige post- und antiliberale Tendenzen im Katholizismus (vgl. Patrick Deneen u. a.) stehen unter dem Vorzeichen des Zweiten Vatikanischen Konzils und seiner Anerkennung von Demokratie, Gewissensfreiheit und allgemeinen Menschenrechten. Und dennoch sind die großen Fragen, um die der Katholizismus im letzten Jahrhundert rang, keineswegs ein für alle Mal erledigt. Der Blick auf Faulhaber hilft, sich für die aktuellen Fragestellungen neu zu ordnen. Denn, so Faulhaber 1932: „Wir leben in einer Zeitenwende.“
Klaus Mertes SJ