Erste Hilfe in der KitaKeine Angst vorm Notruf

Ein 20 Jahre alter Rettungswagen, zwei Sanitäter, eine Handpuppe und ein Ziel: Kita-Kindern die Grundlagen der Ersten Hilfe zu vermitteln. Dafür brauchen sie nur eins – Mut.

Zwei Männer mit FFP2 Masken zeigen zwei Jungen eine rote Tasche, in der Material für erste Hilfe befindet.
© Ursula Katthöfer, Bonn;

Um Punkt 13 Uhr fahren Ben Fabry und Florian Licht, bei der Kita „Steinbüchel“ in Meckenheim vor. „Sie werden schon sehnlichst erwartet“, empfängt Erzieherin Daniela Zeising den Besuch. Die beiden Männer haben blaue TShirts an, einer trägt eine schwere Rettungsdiensttasche über der Schulter. Ben Fabry ist Leiter der Notfallausbildung beim Arbeiter-Samariter-Bund Bonn/Rhein-Sieg/Eifel e. V. (ASB), Florian Licht ist ehrenamtlicher Fahrer. Begleitet werden sie von Dr. Tom. Dr. Tom ist eine 80 Zentimeter große Handpuppe mit braunem Haarschopf in roter Jacke mit Reflektorstreifen. Die Puppe nimmt auf dem Oberschenkel von Fabry Platz. Der Sanitäter übernimmt nicht nur die Aufgabe des Puppenspielers, sondern leiht ihr auch seine Stimme: „Darf ich die Maske abnehmen?“, fragt er die Kinder im Turnraum. Hier und da ist ein leises „Ja“ zu vernehmen, sodass Dr. Tom sich den Mund-Nasen-Schutz vom Gesicht zieht. Zum Vorschein kommt ein dichter brauner Schnurrbart. „Wie viele Kinder seid ihr denn?“, fragt er weiter und beginnt zu zählen: „Eins, zwei, drei ...“ Bei 40 hört er auf. „Habe ich 40 Kinder gezählt?“, fragt Dr. Tom. „Nein“, rufen die Kinder jetzt schon deutlich lauter. „Dann zählen wir jetzt alle zusammen.“ Im Chor zählen sie bis 15. Schusseliger Dr. Tom – hat er doch seine Brille vergessen und kann die Kinder gar nicht richtig erkennen. Marek traut sich, ihm die Brille aufzusetzen. Das Eis ist gebrochen. Was wie ein spontanes Kennenlernen wirkt, folgt einem festen Drehbuch. Eineinhalb Stunden wird Dr. Toms Visite dauern, um den Kindern die Grundlagen der Ersten Hilfe zu vermitteln. In den ersten Minuten baut das ASB-Team Vertrauen auf. 
Der 20 Jahre alte Rettungswagen des Trios wurde vor wenigen Jahren aus dem aktiven Rettungsdienst ausgemustert. Parkt er nicht im Bonner Zentrum im Hof des ASB neben den anderen Rettungsfahrzeugen, steht er ganz im Dienst von Dr. Tom. Er ist kein bisschen digitalisiert, bietet dafür jede Menge analoge Medizintechnik zum Anfassen. Prominent in der Mitte befindet sich die orange Behandlungsliege auf einem hochfahrbaren Tragetisch, rechts und links davon zwei Notarztsitze mit hoher Lehne und Anschnallgurten. An einer Wand hängen Beatmungsbeutel in drei Größen, für Babys, Kinder und Erwachsene. Darüber ein mobiles Sauerstoffgerät, das an die Sauerstoffversorgung in einem der Schränke angeschlossen werden kann. In den Schubladen Verbandmaterial, Kochsalzlösung, Pflastermäppchen und ein Stethoskop, das an diesem Nachmittag noch durch viele kleine Hände gehen wird.

Zum Anfassen und Abhören

„Woran habt ihr mich erkannt?“, fragt Dr. Tom die Kinder im Turnraum. „An meiner Brille? An meinen großen Füßen?“ – „Nein!“, schallt es ihm entgegen. Die Kinder haben endgültig ihre lauten Stimmen gefunden. „Am T-Shirt“, sagt Moritz. „Das ist eine Feuerwehr-Rettungsdienst-Uniform“, erläutert Dr. Tom, greift nach dem Stethoskop, das um seinen Hals hängt, und fragt: „Und was ist das?“ – „Ein Stethoskop“, weiß Lucca. „Was macht man damit?“ – „Da kann man das Herz abhören“, antwortet Oskar. Die Kinder wissen auch, dass sie nicht in den Rettungswagen dürfen. Der ist Ärzt*innen, Sanitäter*innen und Menschen vorbehalten, die ganz dringend Hilfe brauchen. „Wie Frau Zeising, als sie im Mund von einer Wespe gestochen wurde“, kommt es aus der Gruppe. „Dann wird der Hals dick“, ruft ein Kind. „Da kann man nicht mehr atmen“, ergänzt ein anderes. Einen Weg kennt Dr. Tom aber doch, um gesunden Kindern den Zugang zum Rettungswagen zu erlauben. Er bildet sie zu Mini-Sanitäter*innen aus und fängt gleich damit an, indem er ihnen die Nummer vom Notruf beibringt. „Wie kann man sich die Nummer merken? Ganz einfach“, meint Dr. Tom. „112: Wir haben einen Mund, eine Nase und zwei Augen.“ Während er das sagt, tippt er sich an Mund, Nase, Augen und fordert die Kinder auf, es ihm gleichzutun. „112“, wiederholen alle gemeinsam.

Ein Verband für jedes Kind

Teil zwei der Sanitätsprüfung ist schon schwieriger. Die Kinder lernen, einen Verband anzulegen. Der besteht aus drei Teilen: Wundauflage, Mullbinde und Klebeband. Wie lang so eine Mullbinde ist, merkt Finja, als sie eine durch den halben Turnraum spannen darf. Anschließend verbindet sie gemeinsam mit Marta Dr. Toms Nase. Nachdem Finja eine Schicht um die nächste gewickelt hat, gleicht Dr. Toms Nasenverband einem spitzen, weißen Schnabel. Klebeband drauf. Fertig.
Vlad verteilt Wundauflagen, jedes Kind bekommt eine eingeschweißte Mullbinde und los geht’s: Paarweise verbinden sie sich gegenseitig an Hand, Arm, Knie oder Fuß. Die Kinder entscheiden selbst. Dominic verbindet Susanne Hemme, Assistenzkraft in der Kita „Steinbüchel“, das Handgelenk. Die Wundauflage hat Hemme sich noch selbst aufgelegt, nun wickelt Dominic – still, aufrecht und konzentriert. Eliana lässt sich von Moritz den Knöchel verbinden. Lucca und Ole zeigen stolz ihre Knieverbände.
Es gehört zum Konzept des ASB, die Kinder auf spielerische Art für Erste Hilfe zu begeistern. „Solange ein Rettungswagen nur vorbeifährt, stehen Kinder interessiert am Zaun“, sagt Ben Fabry. „Doch sobald der Rettungsdienst im Einsatz ist, haben viele Kinder Angst. Und es geht ja auch um Leben und Tod.“ Sein Ziel ist, den Kindern spielerisch zu vermitteln, dass der Rettungswagen etwas Positives ist: „Es ist gut, wenn er kommt. Dann wird einem verletzten oder schwer erkrankten Menschen geholfen.“
Dass hinter den roten Uniformen mit ihren Reflektoren Menschen stecken, erfahren die Kinder am Beispiel der leicht schusseligen Figur des Dr. Tom. Ja, er weiß viel. Aber nein, er weiß nicht alles. Ein Sanitäter wie Florian Licht muss ihn unterstützen. Florians Aufgaben gehen weit darüber hinaus, den Rettungswagen zu fahren und Dr. Toms Tasche zu tragen. Er scheint auch Zauberkräfte zu haben. 

Magisches Kühlpack, knisternde Decke

„Was legt man denn aufs Knie, wenn sich jemand beim Fangenspielen stößt?“, fragt Dr. Tom. „Kühlpack!“, rufen mehrere Kinder. „Und wo ist das?“ – „Im Kühlschrank!“ Aber Dr. Toms Kühlpack fühlt sich kein bisschen kalt an. Er lässt es durch den Kreis gehen, jedes Kind darf es einmal in die Hand nehmen. Manche greifen fest zu, andere legen nur die Hand darauf. Zimmertemperatur. Unspektakulär. Bis Zaubersanitäter Florian das Kühlpack in die kräftigen Finger bekommt, es auf den Boden legt, geheimnisvoll die Hände darüber schweben lässt und seinen Zauberspruch murmelt: „Schwimme rum, Aquarium.“ Danach macht das Kühlpack wieder die Runde. „Uh, ist das kalt.“ – „Eisekalt.“
Bleibt nur noch das Thema Wärme, um 15 Mini-Sanitäter*innen fertig für ihren ersten Rettungswageneinsatz auszubilden. Der Charakter des Spielerischen erreicht seinen Höhepunkt, als die Kinder die knisternde Rettungsdecke ausbreiten. Auf einer Seite schimmert sie silbern, auf der anderen glänzt sie golden. So eine Rettungsdecke ist zwar nicht so kuschelig wie eine wollige Sofadecke, schenkt aber Verletzten mindestens genauso viel Geborgenheit. Denn sie ist warm, wind- und wasserdicht und passt dazu in jede Rettungstasche. „Lucca, darf ich dich in ein Fischstäbchen verwandeln?“, fragt Dr. Tom. Das Vertrauen der Kinder in Dr. Tom ist inzwischen so stark, dass Lucca dem sofort zustimmt. Er legt sich auf die silberne Innenseite der Rettungsdecke. Oskar und Felix wickeln ihn so fest ein, dass nur noch Luccas Gesicht aus der goldenen Außenhülle herausblickt. Tatsächlich knistert es wie die Fischstäbchen in der heißen Pfanne, sobald Lucca sich nur ein kleines bisschen bewegt. Und bewegen möchte er sich jetzt. Denn alle haben die Mini-Sanitätsprüfung bestanden. Schuhe an und raus zum Rettungswagen.

Blauer Knopf statt LED 

Da steht er. In Orange, Weiß und mit unübersehbaren Blaulichtern. Auf der Motorhaube prangt ein großes Dr.-Tom-Logo. Für die Arbeit mit Kindern sei ein 20 Jahre alter Rettungswagen perfekt, meint Fabry: „Ein haptisches Blaulicht mit Knopf oben auf dem Dach ist für Kinder viel einfacher zu erfassen als die stromlinienförmigen LEDs, die heute in die Karosserie verbaut werden.“
Noch hat keines der Kinder den Rettungswagen von innen gesehen. Wo ist eigentlich Dr. Tom? Auf der orangen Rettungsliege, mitten im Wagen, da sitzt er. Fabry setzt Dr. Tom an die Seite und holt die Rettungsliege aus dem Fahrzeug. Wer traut sich denn, sich auf die Liege zu legen? Eliana macht’s, obwohl ihr etwas mulmig ist. Als Fabry sie anschnallt, hält sie sich die Augen zu.
Auch Dominic ist ängstlich und möchte sofort nach Hause. Während Eliana auf der Liege in den Rettungswagen geschoben wird, gelingt es Susanne Hemme, Dominic zu beruhigen und wieder an die Hand zu nehmen. Als alle Kinder sich hintereinander aufstellen, um der Reihe nach auf die Liege im Rettungswagen zu klettern, stellt auch Dominic sich ganz hinten an. Wer die Liege ausprobiert hat, darf sich im Rettungswagen weiter umsehen. Die Kinder öffnen Schubladen, Oskar nimmt den schweren Notfallrucksack auf die Schultern und läuft einmal ums Auto. Vlad kann es gar nicht abwarten, dass Ronja ihn mit dem Stethoskop abhört. Er drückt sich das Ende an die Brust, damit Ronja sein Herz schlagen hört. Auch Finja will es ausprobieren, doch die Ohrbügel rutschen immer weg. Sanitäter Florian hilft.
Während die meisten Vorschulkinder der Kita „Steinbüchel“ den Rettungswagen geentert haben und ihre Aufmerksamkeit langsam nachlässt, ist ein Kind noch ganz bei der Sache: Dominic ist in der Warteschlange inzwischen so weit vorgerückt, dass auch er auf die Liege im Rettungswagen klettern könnte. Doch er hat andere Vorstellungen. Wo ist denn Dr. Tom schon wieder? Dominic fragt nach ihm. Ben Fabry findet die Handpuppe und übergibt sie an Dominic, der Dr. Tom liebevoll auf die Liege legt. Fabry: „Es gibt fast immer ein Kind, das erst nicht in den Rettungswagen möchte und nachher nicht mehr rauszukriegen ist.“ In der Kita „Steinbüchel“ bestätigt Dominic diese Regel. 

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