Evangelische Liturgie bezeichnet die gottesdienstliche Ordnung und Feiergestalt der evangelischen Kirchen. Ihre Wurzeln liegen in der Reformation des 16. Jahrhunderts. Martin Luther (1483–1546) und andere Reformatoren wollten den überlieferten Gottesdienst nicht grundsätzlich abschaffen, sondern im Licht des Evangeliums erneuern. Deshalb blieben viele traditionelle Formen erhalten, wurden jedoch neu akzentuiert: Die Verkündigung des Wortes Gottes, die Feier in der Volkssprache und die aktive Beteiligung der Gemeinde rückten stärker in den Mittelpunkt. Aus der lateinischen Messe entwickelten sich so evangelische Gottesdienstordnungen mit Predigt, Gemeindegesang, Gebet und – je nach Anlass – Feier des Abendmahls.
Kennzeichnend für die evangelische Liturgie ist die enge Verbindung von Freiheit und Ordnung. Einerseits entstanden feste Gottesdienstbücher (Agenden), die Ablauf, Gebete, Lesungen und Sakramentsfeiern ordnen. Andererseits betont die evangelische Tradition, dass liturgische Formen dem Hören auf das Evangelium dienen und daher veränderbar bleiben. In vielen Kirchen gehören Eröffnung, Psalm, Schriftlesungen, Predigt, Glaubensbekenntnis, Fürbitten und Segen zum Grundbestand. Musik und besonders der Gemeindegesang spielen traditionell eine wichtige Rolle im evangelischen Gottesdienst.
Heute zeigt sich evangelische Liturgie in großer Vielfalt. Neben klassischen sonntäglichen Gottesdiensten nach der Agende (z. B. Abendmahl oder Predigtgottesdienst) gibt es Familiengottesdienste, musikalische Feiern, Jugendgottesdienste, meditative Formen, digitale Gottesdienste, Tagzeitengebete und experimentelle liturgische Formate. Auch regionale Traditionen und konfessionelle Prägungen – etwa lutherisch, reformiert oder uniert – wirken sich aus. „Evangelische Liturgie“ ist daher kein starres Schema, sondern ein lebendiger Rahmen, in dem Wortverkündigung, Gebet und gemeinschaftliche Feier jeweils neu Gestalt gewinnen.
Manuel Uder, Trier