In der Vorbereitungsfalletammysdiaries

Der Ateliertisch war vorbereitet wie aus dem pädagogischen Bilderbuch: Alle Gestaltungsutensilien und Materialien lagen griffbereit parat. Am Vorabend hatte ich zu Hause noch eine Vorlage gestaltet. Schließlich wollte ich heute mit den Kindern direkt mit unserem neuen Fensterbild loslegen. Ein Vogel. Bunt und durchdacht. Stolz hielt ich im Gruppenkreis meine Vorlage in die Höhe und fragte: „Wer möchte mit mir diesen Vogel gestalten?“ Stille. Kein Arm. Kein Zucken. „Ich will lieber ein Bild malen“, platzte es aus dem fünfjährigen Lukas heraus. „Ich auch!“, riefen Tim und Lea im Chor. „Na toll“, dachte ich. „Da gestalte ich am Abend extra noch eine Vorlage, mache mir Gedanken und jetzt möchten die Kinder ein Bild malen. Da hätte ich mir die Arbeit doch sparen können.“
Dabei war ich so stolz auf mich gewesen: Endlich hatte ich mal wieder ein Angebot vorbereitet – trotz Stress und Krankheitswelle im Team. Seit Wochen hielt ich meine Gruppe fast allein am Laufen. Elterngespräche, Fallarbeit, Planung, Organisation und To-dos in Endlosschleife. Statt eine Aktivität für den Mittag bei den Kindern vorzubereiten, saß ich häufiger vor dem Computer und tippte Protokolle oder erstellte Gesprächsvorlagen. Mein Ziel war klar: freitags eine abgearbeitete To-do-Liste. Die Realität? Überstunden und nicht eingehaltene Pausenzeiten. Denn: „Ich muss doch alles schaffen!“
Und irgendwann stand ich da: Batterien leer. Jonglierend mit Terminen, Aufgaben und meinem eigenen Anspruch. Der hing höher als jeder Fensterschmuck. „Worum, oder besser, um wen geht es hier eigentlich?“, fragte ich mich. „Den Kindern ist es doch egal, ob ich etwas vorgestaltet habe oder ob auf meiner Todo-Liste jedes Häkchen sitzt. Ich bin Erzieherin geworden, um für Kinder da zu sein. Und was sie brauchen, ist nicht der perfekte Papiervogel. Sie brauchen eine schöne Zeit, Geborgenheit, Spiel, Lernen, Beziehung. Und Erwachsene, die auf ihre Bedürfnisse eingehen. Ich muss meinen Alltag nicht bis ins letzte Detail durchplanen – er kommt sowieso anders. Also sollte ich mir weniger Stress und Druck durch Ziele machen, die unerreichbar bleiben. Und mal ehrlich: Ein selbst gemaltes Bild ist nicht weniger pädagogisch wertvoll als ein gestalteter Vogel.
Meinen Papiervogel hing ich schließlich an die Pinnwand. Dort baumelte er. Vergessen, aber nicht verloren. Fast drei Wochen lang. Bis Lukas eines Tages vor mir stand und fragte: „Tamara, kann ich auch so einen Vogel basteln?“

Hast du so etwas auch schon einmal erlebt? Falls ja, schreibe mir!

Deine Tammy

Hefte & Artikel

Die Entdeckungskiste im Abo

  • 6 Ausgaben pro Jahr
  • Impulse für die Umsetzung der frühkindlichen Bildungspläne für Kinder im Alter von 1 bis 10 Jahren
  • Leicht umsetzbare und aktuelle Praxisideen
  • Pädagogisch fundiert und erprobt – von Fachkräften aus der Praxis für die Praxis
  • Kostenlose digitale Zusatzmaterialien wie Kopiervorlagen, Bild- und Fotokarten, Checklisten u.v.m.
Jetzt gratis testen