Wenn die Yuccapalme fliegttammysdiaries

„Und alles nur wegen dir!“, brüllt Yannik (7 J.) und schlägt mit einer Yuccapalme auf mich ein. Ja, richtig: mit einer Yuccapalme! Nach sechs Jahren als Erzieherin dachte ich, ich hätte schon einiges erlebt – aber das war neu.
Bis dahin war der Mittag gewöhnlich verlaufen. So normal, wie es eben sein kann in der zweiten Woche nach den Sommerferien mit einer neuen Hortgruppe von zehn Erstklässlern. Ich war damit beschäftigt, die Kinder an unseren Tagesrhythmus zu gewöhnen und wir lernten uns alle erstmal kennen. War das turbulent? Ja! Aber alles im Rahmen. Das Chaos brach erst aus, als ich die Gruppe bat, aufzuräumen. Ich hatte noch einen Sitzkreis geplant. Mehr oder weniger motiviert räumten die Kinder die Spielsachen weg – außer Yannik. Er schoss trotz mehrfacher Aufforderung weiter mit einem Stoff all durch den Raum. Als der Ball vor meine Füße rollte, hob ich ihn auf. Von diesem Moment an eskalierte die Situation.
Yannik war sauer auf mich, weil wir aufräumen mussten und ich den Ball hatte. Er ballte die Fäuste und rannte in den Flur. Ich wartete und hoffte, dass er sich beruhigen würde, sodass ich mit ihm sprechen konnte. Doch als ich ihn ruhig ansprach, wurde er nur noch wütender. Plötzlich ging alles ganz schnell: Yannik riss die Blätter der Yuccapalme ab – und schlug mit diesen auf mich ein. Ich sagte „Bitte hör auf!“, aber er reagierte nicht und schlug weiter. Ich rief seine Mutter an und sie holte ihn daraufhin ab.
Als ich die Situation kurz reflektieren konnte, kam mir die Aussage einer Kollegin in den Sinn: „Mich hat noch nie ein Kind geschlagen. Kinder spüren, wenn du dich schlagen lässt.“ Und plötzlich war er da, dieser nagende Gedanke: Liegt es an mir? Bin ich nicht die richtige Fachkraft für dieses Kind? Doch abends im Büro, mit etwas Abstand, wurde mir klar: Diese Situation war neu für mich gewesen. Ich hatte so reagiert, wie ich es für richtig hielt – aufgrund meiner Erfahrungen und meines Wissens. Und ich wusste: Ich muss Yannik und seine Reaktionen besser verstehen lernen. Wir kennen uns kaum. Morgen spreche ich mit ihm.
Am nächsten Tag kam Yannik direkt zu mir. Er entschuldigte sich. An diesem Nachmittag verbrachten wir gemeinsam viel Zeit am Maltisch. Wir malten uns gegenseitig einen Drachen. Das war unser Schlüsselerlebnis und der Grundstein für unsere enge Bindung. Manchmal beginnt Bindung eben mit einer fliegenden Yuccapalme.

Hast du so etwas auch schon einmal erlebt?
Falls ja, schreibe mir!
Deine Tammy

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