Früher waren Kerzenweihe und Prozession zentrale Bestandteile des Festes. Mit gutem Grund: Sie erschließen die Liturgie als Begegnung.

Vierzig Tage nach Weihnachten kehrt die Liturgie noch einmal zur Geburt Jesu zurück und lässt sie im Tempel von Jerusalem in neuem Licht erstrahlen. Jesus wird nach dem Gesetz Israels "dargestellt", das heißt als Erstgeborener vor Gott gebracht und ihm geweiht.

Gerade in dieser rituellen Treue tritt hervor, wer er ist. Der Herr begegnet hier zum ersten Mal seinem Volk: Das Prophetenpaar Simeon und Hanna erkennt in dem Kind den Messias und bekennt ihn als das Heil und als Licht für die Völker (Lk 2,22–40).

Name und Gestalt

Das Fest hat viele Namen; sein ganzer Reichtum lässt sich nicht in einem Begriff fassen. Früher hieß es "Mariä Reinigung" (Lev 12), im Volksmund wird es "Mariä Lichtmess" genannt, offiziell heißt es heute "Darstellung des Herrn" (Ex 13). Im Osten nennt man es "Hypapante", das Fest der Begegnung.

Wer den Faden aufnimmt, merkt, dass sich dieses Fest nicht zuerst durch Begriffe erschließen lässt, sondern durch die ihm eigene Gestalt, in der es liturgisch begangen wird.

In der Feiergestalt vor der Liturgiereform des 20. Jahrhunderts kam der Prozession am 2. Februar ein besonders hohes Gewicht zu. Wenn das Fest verlegt werden musste, fand die Prozession dennoch statt. Damit war klar, dass sie kein austauschbares Beiwerk ist, sondern den inneren Kern dieses Tages berührt.

Gefeiert wird eine Begegnung: das Entgegenkommen Christi und das Entgegengehen seines Volkes. Genau das bringt die Liturgie in der Prozession zum Ausdruck.

Der Festinhalt erschließt sich nicht bloß durch Erklärung, sondern im Vollzug des Entgegengehens. Gefeiert wird eine Begegnung: das Entgegenkommen Christi und das Entgegengehen seines Volkes. Genau das bringt die Liturgie in der Prozession zum Ausdruck. Sie ist nicht bloß ein feierlicher Auftakt, sondern Vollzug dessen, was im Zentrum steht, indem die Gläubigen mit brennenden Kerzen in den Händen Christus entgegen eilen.

Kerzenweihe: Aus der Liturgie in das Leben

Und darum beginnt diese Liturgie auch mit der Kerzenweihe. Hier geht es nicht um Zierde, sondern um Licht, das aus der Liturgie in das Leben der Gläubigen hineinreicht.

Traditionellerweise werden an diesem Tag Kerzen gesegnet, die nicht nur in der Feier selbst, sondern im ganzen Jahr gebraucht werden. Denn keine Liturgie kommt ohne Kerzen aus; zugleich aber ist das Licht, das hier geweiht wird, nicht auf den Kirchenraum begrenzt. Es soll mitgenommen werden in den Alltag, in das häusliche Gebet, in Krankheit und Bedrängnis, an die Schwellen des Lebens.

In der alten Form der Feier war diese Verbindung von Liturgie und Leben rituell klar markiert. Die Kerzensegnung begann vor dem Altar; von dort aus wurden die Kerzen vom Priester an die Gläubigen weitergegeben.

Liturgie und Leben werden nicht getrennt, sondern bewusst aufeinander bezogen.

Die ursprünglichen fünf Orationen zur Segnung sprechen eine auffallend konkrete und lebensnahe Sprache: Sie erbitten den Segen über Kerzen, die "zum Gebrauch der Menschen und zur Gesundheit des Leibes und der Seele, für alle, seien sie zu Land oder zu Wasser" bestimmt sind. Zugleich wird das sichtbare Licht, das die Dunkelheit vertreibt, mit dem inneren Licht zusammengedacht, das der Heilige Geist im Herzen entzündet. Außen und Innen, Liturgie und Leben werden so nicht getrennt, sondern bewusst aufeinander bezogen. In dieser Perspektive ist die Kerze nicht nur Zeichen, sondern Sakramentalie: geweihtes Licht, das die Kirche den Gläubigen in die Hand legt.

Prozession und Gesang

Gerade weil dieses Fest vom Entgegengehen lebt, braucht es auch einen Gesang, der diesen Vollzug trägt. "Hypapante" bezeichnet in der spätantiken Jerusalemer Liturgie ursprünglich nicht nur die biblisch überlieferte Darbringung im Tempel, sondern einen Occursus, einen liturgischen Empfang: Das gläubige Volk geht dem ankommenden Kyrios entgegen und geleitet ihn festlich in die Stadt hinein.

Einen solchen Empfang kannte man in der Antike beim Adventus, beim Einzug eines Herrschers. In diese Logik gehört die Prozessionsantiphon Adorna thalamum tuum, Sion. Sie ist ein spätantikes Zeugnis der Jerusalemer Liturgie und findet sich in ihrer lateinischen Fassung auch im modernen Missale Romanum. In der deutschen Ausgabe des Messbuchs ist sie nicht mehr abgedruckt. Damit fehlt eine Stimme, die das Festgeheimnis in knapper, poetischer Form verdichtet.

Adorna thalamum tuum, Sion,
et suscipe Regem Christum:
amplectere Mariam,
quae est coelestis porta:
ipsa enim portat Regem
gloriae novi luminis:
Subsistit Virgo,
adducens manibus Filium
ante luciferum genitum:
quem accipiens Simeon in ulnas suas, praedicavit populis
Dominum eum esse vitae et mortis
et Salvatorem mundi.
Schmücke dein Brautgemach, Sion,
nimm Christus auf, den König;
umarme Maria,
die die himmlische Pforte ist;
denn sie trägt den König der Herrlichkeit, das neue Lichts.
Da steht die Jungfrau,
in den Händen den Sohn herbeiführend,
gezeugt vor dem Morgenstern.
Simeon nimmt ihn auf seine Arme,
verkündete den Völkern,
dass er ist der Herr über Leben und Tod,
der Heiland der Welt.

Gleich zu Beginn wird Sion angeredet. Gemeint sind das Jerusalem der Verheißung und zugleich die Kirche, die sich in dieses Sion hineinnehmen lässt. Die Antiphon spricht sie nicht als Zuschauerin an, sondern als die, die empfängt.

Die Kirche umarmt, was sie selbst nicht hervorbringen kann: Gottes Menschwerdung durch eine konkrete Person.

Darum setzt sie sofort mit drei Imperativen ein, die nicht nur gehört, sondern vollzogen werden wollen: adorna – suscipe – amplectere. Schmücke das Brautgemach: Das hat eine äußere Seite, den Raum der Feier, und eine innere, das Herz, das bereit wird. Empfange den König Christus: nicht als abstrakte Idee, sondern als den Kommenden selbst. Und dann die überraschende Wendung: amplectere Mariam. Nicht zuerst "umarme das Kind", sondern "umarme Maria", die Himmelspforte, durch die der König der Herrlichkeit eintritt.

Eine Schule des Empfangens

Die Kirche umarmt, was sie selbst nicht hervorbringen kann: Gottes Menschwerdung durch eine konkrete Person. Genau an dieser Schwelle entscheidet sich, ob das Fest bloße Erinnerung bleibt oder zum Ereignis wird, das uns tatsächlich in Empfang nimmt.

Dann entfaltet die Antiphon ihre Theologie nicht in Begriffen, sondern in Körpergesten. Auf die Imperative folgen Verben des Tragens und Aufnehmens, und damit wird sichtbar, was der Ritus zuvor schon eingeübt hat. Hände und Arme werden zum Bildfeld des Glaubens. Maria führt den Sohn mit den Händen herbei (adducens manibus), und Simeon nimmt ihn in seine Arme auf (accipiens in ulnas).

Was sich hier ereignet, ist kein privates Geschehen, sondern rituelles Handeln, eine konkrete Kette von Gabe und Empfang. In diese Kette gehört auch das Licht. Die Kerze in der Hand ist nicht Dekoration, sondern rituelle Entsprechung dessen, was die Antiphon besingt, denn das "neue Licht" ist Christus selbst.

Er wird uns in den Händen der Menschen anvertraut, um getragen, bewahrt und weitergegeben zu werden. Genau damit schließt sich der Bogen zur Kerzenweihe, die den Menschen als Ganzen meint, mit Leib und Seele, in Krankheit und Bedrängnis, an den Schwellen des Lebens.

Wird die Kerzenprozession wirklich zum Weg, der das Fest erschließt, oder schrumpft sie zu einem kurzen Vorspiel, das man rasch hinter sich bringt, während die innere Gestalt dieses Tages kaum mehr wahrgenommen wird?

Lichtmess ist nicht bloß ein frommes Kerzenfest, sondern eine Schule des Empfangens. Gerade deshalb stellt es eine Frage an unsere heutige Feiergestalt: Wird die Kerzenprozession wirklich zum Weg, der das Fest erschließt, oder schrumpft sie zu einem kurzen Vorspiel, das man rasch hinter sich bringt, während die innere Gestalt dieses Tages kaum mehr wahrgenommen wird?

Die Rubriken des heutigen Messbuchs nennen zwei Möglichkeiten: In der ersten Form versammeln sich die Gläubigen mit dem Priester in einer Nebenkirche, bei einer Kapelle oder an einem anderen geeigneten Ort außerhalb der Kirche; von dort ziehen sie mit brennenden Kerzen in die Kirche hinein. In der zweiten Form verbleiben die Gläubigen in der Kirche; nach der Kerzensegnung folgt der feierliche Einzug. Lichtmess als Occursus meint Entgegengehen und Begleiten dessen, der uns entgegenkommt; dafür ist die erste Form ungleich sprechender.

Dieses Fest führt die Kirche auf ihre elementare Form zurück. Sie ist nicht zuerst Verwalterin des Heils, sondern eine, die empfängt: den König, der kommt; das Licht, das geschenkt wird; den Weg, der gegangen werden will.

Gerade hier liegt die Pointe von Lichtmess: Dieses Fest führt die Kirche auf ihre elementare Form zurück. Sie ist nicht zuerst Verwalterin des Heils, sondern eine, die empfängt: den König, der kommt; das Licht, das geschenkt wird; den Weg, der gegangen werden will.

Darum enden die Imperative nicht bei einem anschaulichen Bild, sondern bei einer geistlichen Übung: adorna – schmücke den Raum; suscipe – nimm Christus auf; amplectere – umarme Maria, die Himmelspforte, durch die er kommt. Vielleicht ist das die nüchternste, aber auch die wichtigste Frage dieses Tages: ob unsere Liturgie dieses Empfangen ermöglicht oder am Ende bei einem bloß äußeren Vollzug stehen bleibt.

Wo die Prozession wirklich Weg wird und das Licht zur Gabe, dort geschieht Hypapante auch heute: Begegnung.

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