Vergebung, um zu leben – Vergebung, um sterben zu könnenDie heilsame Kraft von Vergebung

Vergebung überfordert – und befreit. Warum ist sie so heilsam? Vieles bewegt Menschen dazu, sich auf Vergebung einzulassen, etwa der Wunsch,einen Neubeginn zu wagen oder sich auf einen letzten Lebensabschnitt einzustimmen. Doch man muss dranbleiben.

Brauchen Menschen Vergebung? Müssen wir überhaupt erst lernen, vergeben zu können? Und wem? Meine Arbeit als Therapeutin an einem großen Spital lehrte mich viel über die Bedeutung von Vergebung im Zugehen auf den Tod. Und die Arbeit mit Menschen draußen in der Welt und mit mir selbst öffnete mir die Augen für die Abgründigkeit, aber auch für die riesige Bedeutung solcher Prozesse für uns selbst, für Gemeinschaften und für unser Bezogensein auf ein äußerstes Geheimnis, nenne man es Gott oder anderswie. Vergebung geschieht oft nicht in einem einmaligen Entschluss, sondern in Schritten individueller Reifung, Thema um Thema.
Vergebung ist etwas anderes als Sich-Versöhnen. Sie ist „Gabe“, ein tiefes Loslassen und Anheim-Geben von etwas, was immer noch schmerzt, etwa eine alte Wunde oder ein nie verdanktes jahrelanges Zudienen. Einfach so vergessen geht schlicht nicht, verdrängen noch weniger. Was dann?

Den Impuls zur Vergebung wahrnehmen

Als hartnäckiges Thema taucht Vergebung kaum in jungen Jahren auf, wo vieles sich ums Mithalten in der Gesellschaft, um den Aufbau einer Karriere und Familie dreht. Und spirituelle oder gar religiöse Bedürfnisse sind eh aus dem Radar unserer Aufmerksamkeit gefallen, bis sie sich irgendwann ungewollt Gehör verschaffen, etwa unter äußerem Leidensdruck, in einer Krankheit, einer Sinnkrise oder inmitten der Sorgen um heranwachsende Kinder. Dann, irgendwann, steht oft ein Entschluss im Raum, sich ‚tiefer einzulassen‘. Doch worauf? Auf eine weise Ratgeberin im Umfeld? Auf eine Intuition oder einen Traum, auf ein besonderes Pfarreiangebot, eine Fastenwoche? Die Bibel (Mk 1,15) spricht von Umkehr und dass das Reich Gottes nahe sei.
Eine Frau Mitte 60 brachte einen Traum in ein Seminar mit: „Ich stand am großen Fenster unserer Stube mit Blick über unser Dorf, dessen Bewohner mir schlimmes Leid zugefügt hatten. Wo in Realität Häuser stehen, war im Traum ein dunkler Teich. Menschen standen am Ufer. Plötzlich war da eine übergroße Hand. Sie ergriff einen der Umstehenden am Schopf, tauchte ihn in langsamer Gebärde bis über den Kopf ins Wasser ein, zog ihn – triefend nass und dunkel – wieder heraus und stellte ihn am Ufer ab. Eine nächste Person kam dran, eine dritte usf. Da standen sie nun wie Ölgötzen, und ich dachte, das sei ihre Strafe. Doch, oh Schreck: Nun wurde ich ergriffen, untergetaucht und abseits an Land gestellt, ohne meine Papiere und Rechnungen, welche mir unter Wasser offenbar aus der Hand gefallen waren.“ Der Traum beschäftigte die Frau über Jahre und wies sie ein auf einen langen Weg der Vergebung.
Ja, Vergeben bedeutet Loslassen und beginnt mit Offen-Werden. Diese Träumerin schien nicht nur tief verletzt, sondern darin auch verhärtet zu sein. Auf die Idee, selbst der Vergebung zu bedürfen, kam sie vorerst nicht. Womöglich waren ihre Verletzungen zu groß, als dass sie von sich aus hätte hinschauen können. Eine tiefere Erlösungsbedürftigkeit schrie nach Heilung. Doch wie geht das? Der Traum spricht von Eingetaucht-Werden und vom Verlust einer alten Identität (Papiere). Und der Weg führt vorerst in die Tiefe.

Was bedeutet das Wort Vergebung?

Dem Wortlaut nach geht es um ein Geben, eine Gabe. Hanna Gerl-Falkovitz (2008) erkennt im Wort „einen Kategorienwechsel, den Sprung in das Anökonomische, [...] ein ‚über hinaus‘“ (S. 173). Derweil Versöhnung ein Beziehungsgeschehen und gegenseitig ist, ist Vergebung oft ein vorerst einseitiger, innerer Vorgang. Im Traumbild gesprochen, taugen Festhalten und Beweismaterial (Rechnungen) nicht länger, es muss der Frau etwas aus der Hand fallen oder gar genommen werden. Die Hand wird offen. Warum aber ein Kategorienwechsel? Der Vergebende gibt etwas her/auf: sein Denken in der Kategorie „Macht“. Er wird offen auf eine Zukunft hin, die er als solche noch gar nicht kennt. Auf etwas kategorial Anderes, ein neues Sein hin. Dabei ereignet sich Seligkeit. Jesus sprach vom Himmelreich. Vergebung birgt die Verheißung auf Wandlung in sich – durch Schmerzliches hindurch.

Ein Prozess

Vergebung ist ein Prozess. Auf tiefer Ebene oder sogar hirnphysiologisch wird etwas gleichsam „neu eingestellt“. Das ist Wagnis und Chance. Durch ein schwieriges Loslassen ins Blaue hinaus wird etwas neu. Vom Menschen gefordert ist ein Entscheid (ja, ich will vergeben, loslassen) und dass er dranbleibe. In beidem müssen wir immer wieder ankommen, für die nächste Stunde, für heute und irgendwann erneut. An Sterbebetten, aber auch in spirituellen Wegen von Menschen mitten im Leben beobachte ich, dass so irgendwann etwas Tieferes zu tragen beginnt: Erfahrung, Gnade. In einem Forschungsprojekt habe ich mit einer kleinen Gruppe Verläufe von Vergebung beobachtet und studiert. Wir arbeiteten mit meinem 5-Phasen-Modell. Dabei bestätigte sich, dass Wesentliches obigem Entscheid vorausgeht: eine Erfahrung tiefer Hoffnung! Der Prozess führt oft von der Vermeidung (1) über Krisen (2) in unerwartete Hoffnungserfahrungen (3): ein Geschenk, den Beistand einer Drittperson, die liebevolle Stimmung auf der Station, eine Gotteserfahrung. Menschen werden fähig, sich zur Vergebung zu entscheiden (4) (vgl. Renz, 2019). Einmal entschieden, findet im Falle von Schwerkranken die Vergebung wie schon statt (5). Damit daraus gegenseitige Versöhnung wird, braucht es oft noch ein durch uns, Fachpersonen, geführtes Gespräch mit Angehörigen. ... und Sterbende können sterben. Minuten, Stunden nachher.

Der Gang in die Tiefe

Mitten im Leben erstreckt sich solches Loslassen fast immer über Monate und Jahre, entlang verschiedener Themen. Vergebung wird zur Reifungsaufgabe: Loslassen nicht nur im Ego oder in konkreten Schwierigkeiten des Zusammenlebens, sondern auch als tiefes Opfern. Jesus sprach von der engen Türe (Lk 22–30). Menschen müssen offenbar bereit sein, „ihr ganzes Zuviel preiszugeben“ (Renz, 2022, S. 349). Hingabe im Dienst höherer Ziele: für ein Kind, eine caritative Aufgabe, für die Natur. Das öffnet auf neue Weise für die Welt, für uns selbst und auf Gott hin. Menschen reifen tiefer in ihr eigenes Wesen hinein, werden grundlegend bezogener. Nach Konrad Stauss ist der Mensch in dreierlei Hinsicht bezogen: auf den Mitmenschen, in sich selbst und auf das ewige Du hin. Vergebung muss sich nach ihm auf allen drei Ebenen ereignen, wie sie auch auf allen drei Ebenen drängt: Bin ich unversöhnt mit dem Nächsten, bin ich es auch grundsätzlich und in mir selbst.
Vergebung ist so gesehen ein Akt der Gleichzeitigkeit: Worum ich lange gerungen habe, geschieht gleichzeitig und rundum. Davon sprach damals Jesus, wenn ich den Nächsten ebenso lieben soll wie mich selbst. Dies gelingt nach ihm, wo ich verbunden bin mit Gott: „Du wirst den Herrn, deinen Gott lieben, von ganzem Herzen“ (Lk 10,27). Ins selbe Mysterium wies uns Jesus im Gebet ein: Wo wir wirklich angekommen sind im einen „Vater unser“, dessen Name geheiligt ist, da ist das „Vergib uns ..., wie auch wir vergeben ...“ (Lk 11,4) wie schon geschehen (vgl. Renz, 2022). Vergebung ist, geschieht und bewirkt Mal um Mal ein „Alles“: das eine Verbundensein, das ganz große Ja – Wandlung. Und was sich dabei verändert, drückte Jesus mit dem Wort Himmelreich aus. Ins Himmelreich gelangen wir nicht über kosmetische Veränderungen, sondern, wo „alles“ – wenn auch anfangshaft – losgelassen wurde und Neues werden darf. Mal um Mal.
Das Wissen um „Stirb und Werde“ und dessen Heilungspotenzial ist uralt. Mythen und Riten verschiedener Völker zeugen davon, etwa der um rund 2000 v. Chr. entstandene sumerische Mythos vom Abstieg der Göttin Inanna zu ihrer Schwester, der Unterweltgöttin Ereshkigal. Durch sieben Tore der Entäußerung führte ihr Weg. Stück um Stück musste sie ihre königlichen Insignien und Kleider opfern, um nackt und gebeugt vor Ereshkigal hinzutreten. Im Christentum erinnern der Karsamstag und das apostolische Glaubensbekenntnis aus dem 4. Jh. (abgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden, ... aufgefahren in den Himmel) an solche Neuwerdung. Ob das auch Hintergrund für das ist, was in der Taufe geschieht? Ob der zu Beginn geschilderte Traum auch auf die Taufe anspielte?

Vergebung befreit

Tut sie das wirklich? Über lange Strecken können Menschen gerade nicht vergeben. Vorschnelle Vergebung erlöst nicht (vgl. Renz, 2019, S. 27–34). Und doch finde ich: Vergebung befreit. Gerade schwer leidende Menschen lehren uns das. Sie haben nichts mehr zu verlieren und alles zu gewinnen. Sie stammeln Worte wie „freiii“, „Licht“, „Blumen“, „Thron ... Aufgabe gut gemacht“, oder sie sprechen von Führung. Irgendwann hat das Ich das Zepter nicht mehr in Händen. Etwas Tieferes in uns weiß den Weg.

Vergebung weist über uns hinaus

Ich schließe mit der Eingangsfrage: Vergebung weshalb? Weil sie die Türe zu uns selbst, zum Nächsten, ja zum Ewigen öffnet. Doch was, wenn man wie der ältere Sohn im Gleichnis vom verlorenen Sohn nicht Ja sagen kann (Lk 15,11–32)? Konnte er dem Bruder und dem Vater nicht verzeihen? Um eine Auflösung zu erahnen, muss man in der väterlichen Verheißung ganz ankommen: Dem Sohn ist die volle väterliche Liebe zugesagt: Mein „Kind (teknon), ... alles Meine ist auch dein“. Teknon sagte man zu einem 4–7-Jährigen; der Vater dürfte dies zärtlich gesagt haben. Dem Sohn ist die Option des weiteren Prozesses gegeben: Wie er „zum barmherzigen Vater heimfinde, ist noch nicht zu Ende geschrieben“ (vgl. Renz, 2022, S. 353f.).
Anna, eine sensible 60-Jährige, hatte kürzlich ihre Mutter verloren, als wir uns sahen. Wir sprachen über Sterben und Vergebung: Sie trage keinen Groll in sich, gegen niemanden. Plötzlich, in anderem Stimmtonfall: Einer bestimmten Person könne sie nie verzeihen – nie. Diese habe, als sie Kind gewesen sei, das Geschäft des Vaters fast ruiniert und viel Leid über die Familie gebracht. Ich verstummte. Zwei Tage später bat ich sie, ihr eine nachträgliche Frage stellen zu dürfen, unser Gespräch habe mich tief betroffen gemacht.
Eine Stunde später saßen wir wieder am selben Tisch. Ich rang um Worte, es sei eine rein hypothetische Frage: „Stell’ dir mal vor“, sagte ich, „du würdest morgen oder in einem Jahr erfahren, dein Onkel sei damals – vor 50 Jahren – erpresst worden … eine Riesen-Geldforderung der Mafia (der Vater war Italiener), sein Kind sei damals entführt worden, und der Onkel habe so versucht, zu Lösegeld für seine Tochter zu kommen.“ Anna reagierte kaum, schüttelte den Kopf und sagte unbeteiligt: „Ließe mich kalt.“ Lösegeld sei für sie kein Wort. Dann sprachen wir über Ferien und was uns glücklich mache. Sie erzählte von Tagen am Meer und über ihr einfaches Leben als Künstlerin. Ich beschrieb meine Arbeit im Grenzbereich zweier Welten und wurde persönlich: „Weißt du, wenn ich an einem Punkt nicht mehr weiterweiß, wenn eine Last schlicht zu sehr drückt, dann gehe ich oft an jene äußerste Grenze und werfe das ganze Zuviel einfach hinaus, möglichst weit hinaus. Und – du staunst vielleicht: Dann ist schon wie ‚vergeben‘“. Anne fiel mir ins Wort: „Genau das geschieht bei mir auch: Ich bin dann einfach da, am Meer und fühle mich tief lebendig, wie ein Fließen. Du sagst dem wohl Gott, für mich ist es das Meer oder auch ein seltsames Verbundensein mit … mit dem Kosmos.“

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