Ein Modell für das Grundproblem des christlichen Glaubens heute?Lukas, der Evangelist unserer Zeit

Die Diskussion über die Erneuerung der Kirchen, auch der lateinischrömischen, ist aktueller denn je. Oft geht es theologisch um Nebenfragen. Das Grundproblem ist eine verständige und verständliche Sprache, wie jüngst Papst Franziskus gefordert hat. Bietet der Apostel Paulus für unsere Zeit für den Weg Jesu ein geeignetes Modell oder Lukas?

Fazit

Das Neue Testament ist eine Sammlung von 27 Schriften, die von ihrem Inhalt und ihrer Gattung her unterschiedlich sind. Der tragende Einheitsgrund ist der Glaube an Gottes Handeln in Jesus Christus, mögen die Evangelisten vom Reden und Tun Jesu erzählen oder Paulus über die Bedeutung seines Todes reflektieren. Überflüssig ist keine Schrift. Modell für unser christliches Leben in der Neuzeit ist der Evangelist Lukas – auch für neue Glaubensformulierungen.

Die Probleme der christlichen Kirchen, speziell der lateinisch-römischen, „katholischen“ (= weltumfassenden) Kirche sind allbekannt: Ständig werden neue Rekorde bei den Kirchenaustritten gemeldet mit Steigerungen von mehr als 50 Prozent im Vergleich zu früheren Jahren. Erstmalig im Jahr 2022 sind weniger als die Hälfte der Deutschen Mitglied in einer evangelischen oder katholischen Kirche. Da beide Kirchen betroffen sind, können die von Katholiken oft genannten Austrittsgründe – fehlende Zulassung der Wiederverheirateten zu den Sakramenten, Zulassung von Frauen zu den Weiheämtern, Struktur der priesterorientierten Hierarchie und Verzicht auf demokratische Mitwirkung der Laien – nicht entscheidend sein. Auch die Kirchensteuer kann es nicht sein, wie die Situation in Polen, Frankreich und Italien belegt und die Offenheit aller Beteiligten bei kirchlich-politischen Gesprächen in Deutschland in jüngster Zeit bekunden.
Die Gründe für einen Austritt aus den Kirchen liegen tiefer. Wie der kontinuierliche Rückgang seit den 1960er Jahren beim Empfang der Grundsakramente (Beichte, Taufe und Firmung), neuerdings auch bei Eheschließungen und Beerdigungen deutlich machen kann, ging die kirchliche Gebundenheit immer stärker zurück. Kirchliche Rituale (Morgen-, Tisch- und Abendgebete, Kirchgang am Sonntag) sind im Leben vieler Christen nicht mehr präsent. In Sexualfragen war die „Pillenenzyklika“ von Paul VI. aus dem Jahre 1965 eine Zäsur. Katholiken akzeptierten die „Wahrheit“ und „Allwissenheit“ des zölibatären päpstlichen Amtes nicht mehr. Das Gewissen der Christen wurde auch in anderen bioethischen Fragen (Grenzen von Leben und Tod) immer stärker entscheidend. Die seit 2010 bekannt gewordenen Missbrauchsfälle und deren Vertuschung verstärkten die distanzierte Haltung der Gläubigen. Die Pandemie seit 2020 hat den Abschied von der Kirche als Institution noch beschleunigt. Umfragen bestätigen, dass parallel seit Jahrzehnten die Zustimmung zu wesentlichen Inhalten des christlichen Glaubens (Gott, Jesus Christus, Erlösung) verschwindet sowohl im allgemeinen Bewusstsein als auch in reflektierender Betrachtung. Stichworte wie „Gott-ist-tot-Theologie“, Gottesfinsternis, Gottesvergiftung, Gottesentzug, Glaubensverlust und die damit verbundenen Bücher belegen die Entwicklung.
Steht mit diesen Problemen der gesamte christliche Glaube mit der Bibel als Maßstab in Frage? Oder geht es um ein verengtes Verständnis von christlichem Glauben als verkündete Wahrheit? Diese Verengung legt der „Katechismus der Katholischen Kirche“ von 1993 nahe mit der primären Auslegung des Glaubensbekenntnisses und der Sakramente. Laut Vorwort von Papst Johannes Paul II. soll er „als sicherer und authentischer Bezugstext“ akzeptiert werden, „damit er als sicherer und authentischer Bezugstext für die Darlegung der katholischen Lehre und in besonderer Weise für die Ausarbeitung der örtlichen Katechismen dient“ (34). Auch die drei Jesus-Meditationen von Joseph Kardinal Ratzinger/ Papst Benedikt XVI. (Freiburg 2007–2012), dem Hauptverfasser des Katechismus der Katholischen Kirche (ebd. 31), behandelt nur die „Gestalt und Botschaft Jesu“ und übergeht alle Geschichten vom Handeln Jesu. Sein pastorales Handeln hat demnach keine theologische Relevanz. Dies bestätigen auch die jährlich erscheinenden „Statistischen Daten“ der katholischen Kirche in Deutschland (www.dbk-shop.de): Die „Eckdaten des kirchlichen Lebens“ bzw. die „Äußerungen des kirchlichen Lebens“ (79–81) bildet die Statistik zur Zahl der Gottesdienstteilnehmer (von 3,9 Prozent für Aachen bis 12,9 Prozent für Görlitz), der Taufen, Erstkommunionen und Firmungen, Trauungen und Bestattungen. Kirchliches Leben ist sakramentales Leben.
Neuestes Beispiel dieser Verengung in meiner kirchlichen Lebenswelt sind die „Vereinbarungen zur Pastoral“, beschlossen 2019 von den fünf Innenstadtgemeinden im „Pastoralverbund Paderborn MitteSüd“, meiner Gemeinde. Hier wird auf 31 Seiten und in einer Kurzform auf 15 Seiten das Wirken der Gemeinde auf das Feiern der Sakramente reduziert (abrufbar unter „Katholisch in Paderborn“ vom 29.1.2021). Laut Einleitung will die Erklärung aber zeigen, „wie wir Jesus adäquat nachfolgen und so am Reich Gottes unter den Menschen mitbauen können.“ Hier wird etwas behauptet, was nicht eingelöst wird. Das sakramentale Gemeindebild hat mit dem Tun Jesu nichts zu tun, auch wenn die Gemeinde, wie die Kirche in Deutschland, sich vielfältig sozial engagiert. Dies wird aber nicht ins „theologische“ Bewusstsein gehoben.
Woher kommt diese sakramentale Engführung? Sie lässt sich durchaus bis ins Neue Testament zurückverfolgen, allerdings nur auf den missverstandenen Römerbrief des Paulus.

Maßstab für katholische Theologie und Frömmigkeit

Vorherrschend in der christlichen Religion ist bis heute der Gedanke der Erlösung, konzentriert im Opfertod Jesu am Kreuz. Sie ist das Zentrum der christlichen Theologie in der Interpretation des Paulus: „Wurde etwa Paulus für euch gekreuzigt? […] Wir verkündigen Christus als den Gekreuzigten, für Juden ein empörendes Ärgernis, für Nichtjuden eine Torheit.“ (1 Kor 1,13.23f.) Im vierzehnmal wiederholten Einleitungsgebet zum Kreuzweg Jesu heißt es: „Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.“ (Gotteslob 449) Im Gloria der Messe heißt es zweimal: „Du nimmst hinweg die Sünden der Welt“. Wegkreuze mit der Inschrift „Im Kreuz ist Heil/in cruce salus“ erinnern an das Zentrum des christlichen Glaubens. Im Hochgebet der Messe und in anderen Gebeten wird der Gedanke vielfach variiert. Er war und ist bis heute der cantus firmus christlicher Theologie und Frömmigkeit: Jesus ist aufgrund seines Todes der Erlöser der Welt. Dieser Glaube ist eine unter vielen anderen Deutungen des Todes Jesu, durch den Heil vermittelt wird. Aber nur ein einziges Mal (Röm 3,25) spielt Paulus auf die Versöhnungsliturgie an, die für die nichtjüdischen Leser in Rom unverständlich war. Andere Metaphern in paulinischen Briefen sind Befreiung aus Sklaverei (Röm 3,24; 8,23), Begnadigung vor Gericht (Röm 8,1), Abwaschung von Sünden (1 Kor 6,11), Heiligung (Röm 6,19.22), „Tausch/Veränderung“ mit dem Empfang der „Versöhnung“ (2 Kor 5,18f.; Röm 5,11; 11,15). Die kultische Metapher vom „Sühnopfer“ als „Erlösung“ (Röm 3,25 mit Bezug auf Lev 17,11: „das Blut ist es, das Sühne/Versöhnung erwirkt“) legte sich als Metapher für Paulus besonders nahe als Deutung des blutigen Todes Jesu am Kreuz. Im Christentum wurde sie im Kontext der Rezeptionen durch Augustinus und Martin Luther bestimmend.
Ist die Welt, sind die Menschen erlöst? So werden wir Christen zu Recht von Juden oft gefragt. Ist die Kirche erlöst? Nicht erst seit 2010 mit der Aufdeckung des Missbrauchs ist die systemische Unglaubwürdigkeit der Kirche ein Grundproblem. Vorher waren es je nach Land andere Probleme wie Armut und Unterdrückung.
Wie versteht Paulus „Erlösung/ Befreiung“? Denkt er absolut, überzeitlich und dogmatisch? Paulus interpretiert die menschliche Existenz „auf Hoffnung hin“ und bezieht die Schöpfung, die in „Sklaverei“ lebt (Röm 8,21–24), in diese Deutung mit ein. Wie kam es zur einseitigen Deutung der Erlösung und Rettung durch das Kreuz bei Paulus und in der Folgezeit?

Die Briefe des Paulus und die Deutung Luthers

Luther hat Paulus missverstanden. Er sah im Kampf der pietistischen Pfarrer seiner Zeit gegen die damalige römische Kirche eine Parallele zum Kampf des Paulus gegen das Judentum. Wie die Zeitgenossen Luthers „Rom“ ablehnten, so angeblich Paulus „das“ Judentum. Die Folge: Christlicher Glaube stand gegen jüdische Werkerei, Glaube gegen Gesetz. Aber Paulus war kein lutherischer Theologieprofessor. Dass zur Zeit des Paulus das Judentum noch nicht existierte, die Anhänger Jesu eine von vielen jüdischen Bewegungen waren, verkannte Luther. Er machte mit seiner Rosinenpickerei eines einzigen Verses mit der Gegenüberstellung („Wir sind der Überzeugung, dass der Mensch gerecht wird durch Glauben, unabhängig von Werken des Gesetzes“) mit Röm 3,28 einen Vers zum alles bestimmenden Maßstab (Rechtfertigung sola fide/allein durch Glauben) der Auslegung des Neuen Testamentes. Luther übersah, dass Paulus zwischen kultischen und sozialen „Werken“ unterscheidet und im Römerbrief nach den wichtigen Kapiteln 1–11 zum Problem „Israel und die Völker“ in drei weiteren Kapiteln (Röm 12,1–15,6) einen grundlegenden Entwurf zum sozialen Leben bietet. Von der Sprachwissenschaft haben wir Bibeltheologen gelernt, Texte in ihrer vom Autor gedachten Einheit zu lesen, nicht nur einzelne Verse, wie es früher in der Dogmatik üblich war.
Paulus entwirft am Ende seines Briefes ein Konzept von jüdischer und christlicher Ethik, das der evangelische Neutestamentler Ernst Käsemann in seiner Auslegung zu Röm 12 „Gottesdienst im Alltag der Welt“ genannt hat. Der wahre Gottesdienst nach Paulus findet nicht zu einer bestimmten Zeit (Sabbat, Sonntag) oder an einem bestimmten Ort (Tempel, Kirche) statt, sondern in einer von der Tora bestimmten Lebensführung, die Jesus Christus als „Zugang zur Gnade“ Gottes (Röm 5,2) für Christen eröffnet. Erst nach Bekehrung und im Kontext eines Lebens, das durch Tun den Glauben zeichenhaft beglaubigt, ist die Messe, „die Liturgie der Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt.“ (Vatikanum II, Konstitution über die heilige Liturgie 10)
Die Heiligung des Alltags im Glauben an Gottes Wirken ist nach Paulus der eigentliche locus theologicus, den die orthodoxen Kirchen und die katholische verdrängt haben. Weltdienst muss als Gottesdienst neu entdeckt werden, mag er auch mit der säkularen Praxis übereinstimmen! Wir Christen sollten froh sein, dass Generationen von Menschen jüdisch-christliche Solidarität (vgl. Mt 25,1–14 in Rezeption von Jes 58,1–14; Ps 82,3–6), Friedensethik, Wertschätzung der Schöpfung…leben. Deswegen sind diese „Tugenden“ nicht weniger theologisch qualifiziert.
Entscheidend ist, wie man im Neuen Testament das Heilshandeln Gottes in Jesus Christus deutet. Der Evangelist Johannes bietet als letzter Evangelist keine Abendmahlüberlieferung, obwohl er sie kannte; er ersetzt sie in Joh 13,1– 20 durch die Erzählung von Jesu Dienst der Fußwaschung. Die Fixierung auf einen missverstandenen Paulus und auf die Erlösung allein im Tode Jesu macht christliche Gemeinden zu antiken Kultvereinen, zu einer Mysterienreligion. Paulus ist überzeugt: Gott handelt in und durch Jesus Christus. Christen können mit dem Psalmisten weiter beten: „Beim Herrn ist die Huld, bei ihm ist die Erlösung in Fülle.“ (Ps 130,7)
Bibeltheologisch ist eine Engführung des Christseins auf die „Messe“, auf das Abendmahl obsolet. „Eucharistie“ ist „Danksagung“ für Gottes Wirken in der Geschichte Israels und der Völker, Danksagung für das Wirken Gottes in Jesu Worten und Taten – bis in den Tod. Die Evangelien, nicht zuletzt das des Lukas, können als Korrektiv zu einem missverstandenen Paulus gedeutet werden und Leitbild für eine heutige, von der Säkularisation geprägten Christusnachfolge sein. Wenn nicht alles täuscht, stimmt er mit dem neuzeitlichen Bewusstsein und der Praxis heutiger Christen in vielem überein.

Lukas als „Zeuge“ Jesu

Lukas versteht „Rettung/Erlösung“ anders als Paulus. Auch für ihn ist Jesus als „Retter/sotēr“ der Welt geboren (Lk 2,11). Dieses Bekenntnis steht am Anfang der Erzählung vom Leben Jesu, im Rückblick auf seine Geburt im Lichte seines Lebens. Für Lukas ist die „Weihnachtserzählung“ ein Anti-Evangelium gegen das „Evangelium/die gute Nachricht“ des Kaisers Tiberius (3,1), der wie andere Potentaten seiner Zeit beim Regierungsantritt seinen Untertanen eine „gute Nachricht“ in Form von Steuererlassen oder allgemein „Frieden/pax/eirēne“ verkündete. Wie reagiert Lukas darauf?
Im Evangelium des Lukas zeigen sich „Schalom/Frieden“ und „Erlösung/Befreiung“ nicht im Tode Jesu am Kreuz, sondern im gesamten Wirken Jesu.
Es ist für das lukanische Verständnis aufschlussreich, dass der Gedanke der „Versöhnung“ und „Erlösung“ beim Tode Jesu fehlt. Lukas hat ihn bewusst vermieden, wie man im Vergleich zu seinen Vorlagen, Markusevangelium und Worte Jesu, die sich auch im Matthäusevangelium aus einer gemeinsamen Spruchsammlung (Logienquelle) finden, nachweisen kann. Dass Lukas ein anderes Verständnis von Erlösung hat, bestätigt auch die von ihm geschriebene Apostelgeschichte. Nach Lukas stirbt Jesus nach einem vorbildhaften Handeln als „Gerechter“ (23,47), als Vorbild für Stephanus (vgl. Apg 7,55 mit Lk 22,69, Apg 7,60 mit Lk 23,34). Dies belegt vor allem das letzte Gebet der beiden mit den Worten von Ps 31,6 (vgl. Lk 23,46 mit Apg 7,59). Lukas hat den Gedanken der Erlösung durch den Tod Jesu, den er in seinen Vorlagen vorfand, sogar gestrichen, wie ein Vergleich mit den Evangelien nach Markus und Matthäus belegen kann (Mk 10,45; Mt 20,28 im Vergleich zu Lk 22,27). Immer wieder betont Lukas, dass durch Jesu Wirken und Wort, was die vielen Geschichten im Evangelium erzählerisch entfalten, Gott den Menschen Vergebung und Erneuerung schenkt (5,32; 7,47–49; 15; 19,8–10; 23,41–43). Jesu soteriologische Bedeutung fasst er in Apg 10,38 mit den Worten „er tat Gutes und heilte alle“ zusammen. Sündenvergebung und Erlösung bindet Lukas nicht an das Sterben Jesu. Jesus erleidet das gewaltsame Geschick der Propheten und stirbt in seiner Hingabe für Gott als leidender Gerechter. Wie das Zitat von Jes 53,12f. in Lk 22,37 belegt (vgl. auch Lk 2,32; 4,18f.), ist der Gottesknecht aus Deuterojesaja Vorbild für die lukanische Christologie. Der vorbildhafte Tod Jesu ist die Konsequenz seines Lebens, das in seiner Gesamtheit Heil vermittelt. Folglich hat Gott ihn gemäß den Worten der Propheten (Lk  24,26; Apg 10,37–43) auferweckt und zu sich erhöht.
Lukas wird aber nicht einseitig. Er erzählt vom Prophetengeschick Jesu (13,33f.), im Kontext der Passionsgeschichte (22f.) von Jesu Abendmahl mit den Deuteworten über Brot und Wein (22,19f.), vom Leidenmüssen des Christos (24,26), ohne diesen Stellen Heilsbedeutung beizumessen. Die markinische Wendung „sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele“ (Mk 10,45) streicht Lukas und variiert den dienenden Menschensohn des Markus durch einen Hinweis auf sein Tun: „Ich aber bin unter euch wie der, der bedient.“ (Lk 22,27)
Auch für die Zeit nach Jesu Tod gilt: „Und in seinem Namen wird man (das heißt seine Nachfolger) allen Völkern Umkehr verkünden, damit ihre Sünden vergeben werden.“ (Lk 24,47) Davon wird in der Apostelgeschichte erzählt. Eine Rückkoppelung an das heilstiftende Sterben Jesu findet sich nicht. Die Jünger Jesu sollen sich wie er den Sündern zuwenden (Lk 5,32; 7,47–49; 15; 19,8–10; 23,41–43). Ebenso sollen sie wie Jesus „suchen und retten, was verloren ist“ (19,10): Armen die frohe Botschaft bringen, Gefangenen Entlassung verkünden, Blinden das Augenlicht öffnen und Zerschlagenen die Freiheit bringen (4,18–20 als Zitat aus Jes 61,1f.; 29,18). In diesen kommunikativen und interpersonalen Handlungen erfahren Menschen Heil, Befreiung, Erlösung. Durchgehend betont Lukas dabei, dass durch Jesu Wirken und Wort Gott den Menschen Vergebung und Erneuerung schenkt (5,32; 7,47–49; 15; 19,8–10; 23,41–43). Auch in der singulären Tradition Lk 5,17–28 in Bearbeitung von Mk 2,1–12 geht es nicht um ein sündenvergebendes Handeln Jesu; auch in dieser Geschichte spricht Jesus mit dem „theologischen Passiv“ („deine Sünden sind dir vergeben“) die Sündenvergebung Gottes „in Vollmacht“ zu.

Gott und Jesus Christus als Retter

Dass der christliche Glaube heute wenig oder kaum noch attraktiv ist, den Menschen wenig zu sagen hat, ist darin begründet, wie man von Jesus Christus spricht, dass man den Glauben an „Erlösung“ auf seinen Tod isoliert und fixiert, dass man seine Heilsbedeutsamkeit unter vielen angemessenen Deutungen des Paulus auf eine einzige Interpretation einengt.
Das Problem wird verstärkt, wenn man – wie Paulus (Phil 2, 6–11) und Johannes (Joh 1,1–18) – versucht, im Kontext des damaligen griechischen Judentums das Verhältnis des am Kreuz Gestorbenen zu Gott mit Kategorien weisheitlicher Theologie zu deuten (zu Gottes Wirken durch sein Wort vgl. Gen 1 mit Joh 1 oder durch seine Weisheit vgl. Spr 8,22–31; Weish 9,1–18; Sir 24) und Gottes Wirklichkeit in Jesus als vorweltliches Dasein (Präexistenz) versteht. Wenn man wie in den ersten Konzilien diese Wirklichkeit statisch, ontologisch umschreibt als Wesenseinheit des Vaters mit dem Sohn, ähnlich auch das Bekenntnis zu Jesus Christus als wahrer Mensch und wahrer Gott mit der Kompromissformeln „unvermischt, unverwandelt, ungetrennt und ungeschieden“ deklariert, verstärkt sich das Problem für heutiges Verständnis weiter.
Nicht anders steht es – setzt man diese hohe Christologie voraus – um die Deutung des Todes Jesu als Sühne „für alle“ durch sein Blut. Paulus als pharisäisch-hellenistisch gebildeter Jude kannte das Motiv der stellvertretenden Lebenshingabe aus der Bibel, wie die nachweisbare Rezeption des Schicksals des Gottesknechtes aus Jes 52,13–50,4–9 in 2 Kor 5,14f.17 u.a.) belegt. Er kannte aber auch griechische Erzählungen von Menschen, die für ihre Stadt oder ihr Volk ihr Leben hingaben (vgl. auch Joh 11,50f.). Märtyrer in der Neuzeit (wie Pater Kolbe oder Edith Stein) zeigen, dass diese Einstellung lebendig ist und verstanden wird.

Die Vision von Papst Franziskus

Vermutlich ist es die philosophisch theologische Fachsprache, die das gesamte sakramentale Handeln der Kirche seit der Antike prägt, die Papst Franziskus zu einem erstaunlichen Geständnis und zu einem unerwarteten Aufruf angeregt hat. In einem Vorwort zu dem neuen Buch von Antonio Spadaro SJ „Una trama divina. Gesu nel controcampo“ fordert der Papst laut Vaticannews vom 14.1.2023 dazu auf, Jesu Botschaft neu zu entdecken: „Lernen wir den Staub, der sich auf den Seiten des Evangeliums angesammelt hat, zu entfernen und seinen intensiven Geschmack wiederzuentdecken.“ Ohne das Evangelium des Paulus und seine Nachgeschichte zu nennen, wird die päpstliche Sorge begründet: „Sonst wird der Gottessohn, der Meister, zu einer Abstraktion, einer Idee, einer Utopie, einer Ideologie.“ Dies zielt ohne Zweifel auf die nachneutestamentliche Entwicklung, wie auch der weitere Satz belegt: „Die Kirche muss sich davor hüten, in die Falle einer banalen Sprache zu tappen, in Phrasen, die mechanisch und müde wiederholt werden.“
Heutige Christen verstehen ihren im Credo bekannten antiken, philosophisch formulierten statisch ontologischen Glauben nicht mehr. Es wäre daher für das Verhältnis der Christen untereinander, nicht weniger für ihr Zeugnis vor der Welt, elementar, den Glauben so zu formulieren, dass in einem neuen „Sprachspiel“ der im 4. Jahrhundert formulierte Glaube in einer dynamischen Äquivalenz festgehalten wird. Ein Modell findet sich in der Bibel: Die vielfältige, biblisch bezeugte Vorstellung von „Erlösung“, von der Einheit Gottes und seiner Beziehung zur Welt und zu den Menschen, neutestamentlich gesprochen als Vater zu seinem Sohn, wird nicht in abstrakten philosophischen Begriffen, sondern in Beziehungssprache formuliert. Christen glauben, dass wirklich Gott in Jesus begegnete, wie es Bischof Klaus Hemmerle vorgeschlagen hat: „Indem Jesus Christus die Herrschaft Gottes ansagt und bringt und indem sie uns in ihm begegnet, geschieht eine radikale Kommunikation zwischen Gott und uns. Er selbst teilt in Jesus all das Unsere und all das Seine. Nichts von sich ist draußen aus dem Geschenk, das er in Jesus Christus uns macht; nichts ist von uns draußen aus der Geschichte, die Gottes eigene Geschichte ist.“ Dieser Entwurf scheint für systematische Theologen einen Ausweg aus dem sprachlichen Dilemma zu bieten und könnte am Ende die Heilsbedeutung Jesu nach Paulus im gesamten Römerbrief und die nach Lukas erreichen.
Papst Franziskus formuliert angesichts der sprachlichen Krise seine Wünsche noch radikaler: „Wir brauchen das Genie einer neuen Sprache“ durch Schriftsteller, Dichter und Künstler, deren „kraftvolle Geschichten und Bilder“ Jesu Anliegen für heutige Menschen „in die Welt hinausschreien.“ Der Evangelist Lukas hat es für seine Zeit getan, ob in kritischer Reaktion auf Paulus ist bis heute umstritten. Seine Übereinstimmung mit Paulus in der Abendmahlstradition (1 Kor 11,24f.) gegen Markus und Matthäus lässt eine gemeinsame Tradition vermuten. Ist Lukas weniger christlich als Paulus? Auch sein Evangelium wurde als „maßgebend/ kanonisch“ von den Gemeinden anerkannt, ergänzt um die Apostelgeschichte als sein zweites Werk.
Für säkulare Menschen ohne enge oder keine kirchliche Bindung bietet Lukas ein Evangelium, das zustimmungsfähig erscheint. Die Kirchen müssten in einer radikalen Besinnung auf Jesu Botschaft im Evangelium nach Lukas vermitteln, dass das Wirken Gottes in der Schöpfung und im sozialen Miteinander der Menschen als Befreiung und Erlösung erfahren werden kann. Dies müsste als genuiner locus theologicus neu erkannt und vermittelt werden. Die Enzykliken „Laudato si'“ und „Fratelli tutti“ von Papst Franziskus haben dieses Anliegen hervorragend „ins Heute“ übersetzt.

Jesu Mahl und die Mahlzeiten der Kirche

Mahlfeiern mit Dankgebet und Brotbrechen gehören nach Lukas elementar zur kirchlichen Praxis und Identität (Lk 24,30–35; Apg  2,46; 20,7.11; 27,35), ohne dass er die enge Todesdeutung vom letzten Mahl (Lk 22,19 in Aufnahme von Mk 14,22) an allen Stellen übernimmt. Lukas steht nicht allein. Die älteste erhaltene Kirchenordnung, die Didaché/„Lehre der Zwölf Apostel“, zu Anfang des 2. Jahrhunderts in Syrien geschrieben, übernimmt diese lukanische Praxis, ebenso den Dank für den Becher (9,1–3; 14,1). Ein direkter soteriologischer Hinweis auf Passion und Kreuz beim Brotbrechen fehlt. Noch Papst Gregor der Große, Papst von 590 bis 604, schrieb 598, dass die Apostel mit dem Vaterunser konsekriert hätten. In der Assyrischen Kirche des Ostens gilt diese Praxis bis heute. Da die Einsetzungsworte in gebetsartiger Form im Kontext vorhanden sind, hat der Vatikan zum Erstaunen vieler und zum Ärgernis mancher Katholiken am 20. Juli 2001 die Hochgebete des Ostsyrischen Ritus, die Liturgie von Addai und Mari, als rechtmäßig anerkannt und die Interkommunion zwischen den mit Rom unierten chaldäischen Katholiken und den von Rom getrennten Ostassyrern gestattet. Diese Entscheidung zeigt, was angesichts des durch Jahrhunderte fixierten Messformulars theologisch möglich ist, ohne dies für alle zum Reformprogramm zu erklären. Eine Auflockerung des starren Ritus erscheint erforderlich, ohne die theologischen Grundelemente der Botschaft Jesu und der Grundstrukturen der „Messe“ aufzugeben.
Der Glaube, dass die Erlösung allein durch den Tod Jesu (ohne jegliche Verbindung zu seinem Wirken in Worten und Taten) erfolgt sei, ist biblisch unangemessen. Karfreitag ist nach den Evangelien die Konsequenz des Wirkens Jesu für Gottes „Herrschaft“ und kann aber, wie ein Vergleich von Lukas mit Markus und Matthäus sowie der drei synoptischen Evangelien mit dem des Johannes belegt, unterschiedlich gedeutet werden. Eine einseitige Berufung auf einen einzigen Aspekt, einen einzelnen Vers in einem Brief des Paulus, wie Luther es mit Röm 3,28 tat, erweist sich durch den ganzen Römerbrief des Paulus als Sackgasse. Die Gemeinde von Korinth, in der jeder meinte, sich auf seinen eigenen Theologen berufen zu können (1 Kor 1,12: „Ich halte zu Paulus, ich zu Apollos, ich zu Kephas/Petrus, ich zu Christus“), ermahnt Paulus: Es gibt nur die Berufung auf Jesus Christus, dessen Einzigartigkeit er in seinem Tod am Kreuz garantiert sieht. Nur so bleiben Christen „christianoi/ Christianer“, wie Außenstehende sie zum ersten Mal in Antiochia nannten (Apg 11,25).
Den Tod Jesu wird man heute nicht mehr wie der Jude Paulus durch kultische Praktiken im Tempel durch sühnendes Blut erklären können (Röm 3,25), zumal es auch im modernen Strafrecht fehlt. Eher ist Jesus Christus das Paradigma eines gerechten Menschen, was die stellvertretende und Befreiung/ Erlösung/Heil bewirkende Hingabe im Tode nicht ausschließt. Auch Paulus stellt die Kapitel über das ethische angemessene Handeln in Röm 12–15 unter die Maxime: „Christus hat nicht sich selbst zu Gefallen gelebt.“ (15,3) Die systematischen Gedanken in Röm 1–11 verdrängen allerdings diesen Gedanken zu sehr.
Daher erscheint der Evangelist Lukas als der Theologe einer säkularen Zeit, dessen Evangelium Menschen heute zustimmen können. Auch Lukas lässt vom Beginn seines Evangeliums an keinen Zweifel an seinem Glauben an die absolute Bedeutsamkeit Jesu als „Retter“ der Welt (2,11). Dass die jüdisch-christlichen sozialen Werte, die Lukas in Erinnerung an Jesu Taten und Worte seinen Zeitgenossen als Kontrastevangelium in der römischen Ständegesellschaft mit Patriziern, Plebejern, Klienten und Sklaven verkündet, auch heute von vielen Menschen hierzulande gelebt werden, ohne Mitglied einer Kirche als Institution zu sein, beweist in einer Welt, die wirtschaftlich vom Kapitalismus, von Umweltzerstörung, Rechtspopulismus und Antisemitismus geprägt ist, die Notwendigkeit, Angemessenheit und Attraktivität des lukanischen Evangeliums. Die Maxime des Paulus „Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken“ (Röm 12,2), entfaltet Lukas für seine Adressaten erzählerisch eindrucksvoll in seinem Evangelium und der Apostelgeschichte. Trotz aller Auseinandersetzungen, von denen Lukas erzählt, „war die Gemeinde ein Herz und eine Seele“ (Apg 4,32). Dieses gelebte Evangelium war in der antiken Welt attraktiv, wie Tertullian, der erste Kirchenvater der lateinischen Kirche, im 2. Jahrhundert belegt. Es könnte es auch heute sein. 

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