Rezensionen: Politik & Gesellschaft

Böck, Anna: Ausgeschöpft? Glauben in der Klimakatastrophe.
Neukirchen-Vluyn: Neukirchener 2025. 192 S. Gb. 20,–.

Anna Böck ist Theologin, Pfarrerin und Aktivistin der ehemaligen „Letzten Generation vor den Kipppunkten“. Sie arbeitet derzeit als Verlagslektorin.

Das Anliegen des Buchs besteht darin, anhand einer „losen Blattsammlung von Gedanken“ (14) aus dem Alltag des (christlichen) Klima-Aktivismus zu erzählen und Impulse zu dessen Glaubens-Deutung anzubieten. Mitgeschrieben haben dabei insgesamt zehn Gastautor*innen.

Das Buch arbeitet sich an fünf Hauptthemen ab: Schöpfungsspiritualität, Schuld und Vergebung, (Un-)Gerechtigkeit, „Wir schaffen das?“ und Hoffnung / Mut. Die jeweiligen kurzen Unterkapitel stammen teils von der Hauptautorin, teils von einer anderen Person. Die meisten Texte von Böck sind schwung- und humorvolle Kurzessays in zugänglicher Sprache, teilweise auch provokant oder flapsig, und sie umkreisen eher spielerisch ein oder zwei Themen. Stile und Textsorten der anderen Autor*innen variieren, sind aber allesamt gesetzter. Am Ende jedes Unterkapitels steht jeweils eine Frage, ein Literaturtipp, ein Gedicht, ein Rezept oder anderes, was die Lektüre insgesamt auflockert.

Die Stärken des Buches liegen zum einen in den spirituellen und theologischen Bezügen der Autorin, quasi Bausteine einer progressiven Theologie des Klima-Engagements. Schonungslos ehrlich drückt sie etwa sowohl ihre Begeisterungsfähigkeit für die Schöpfung als auch ihre Schwierigkeit aus, als Städterin Resonanz in der Natur zu erleben. Eines der besten Kapitel ist das über Vergebung im Kontext der Klimakrise, u. a. eine differenzierte Auseinandersetzung mit Greta Thunbergs „We will never forgive you“. Böck möchte die Hoffnung auf das Vergeben-Können nicht loslassen und hält fest: „Vergebung ist kein Pflaster auf eine eiternde Wunde. Sie ist schmerzhafte Versorgung der Wunde und eine tiefe Heilung derselben“ (67). Schön ist auch Böcks Definition des göttlichen Gerichts: „Versöhnung ist möglich, Angst ist nicht nötig und Ungerechtigkeit wird abgeschafft“ (87). Aktivist*innen sieht Böck in der Nachfolge der biblischen Prophet*innen, die (politische) Lügen demaskieren und dazu auffordern, eine trügerische Neutralität aufzugeben, die eher „Deckmäntelchen für Trägheit und Unentschlossenheit“ (49) sei.

Zum anderen sind es die lesenswerten Texte der Ko-Autor*innen. Böck gibt hier vielfältigen und authentischen Stimmen einen Raum. Seien es bewegende persönliche Zeugnisse (Metz darüber, wie ihn der Wald aus dem Burnout rettete) oder theologische Kurzabhandlungen wie die von Faerber über die Offenbarung des Johannes als „Überlebenshandbuch für G*ttes lebensgefährliche Traumatherapie“ (151).

Die Schwächen fallen angesichts dessen weniger ins Gewicht, etwa dass einige Passagen über das Plakative nicht hinausgehen (z. B. die Auseinandersetzung mit „Heimat“) oder dass zahlreiche Ideen nur angerissen, aber nicht ausgeführt werden. Auch über politische Lösungsansätze erfährt man kaum etwas.

Fazit: Alles in allem eine willkommene Inspirations-Fundgrube für alle, die nach einer Verbindung von Klima-Aktivismus und (christlicher) Spiritualität suchen.

                Fabian Moos SJ

Worschech, Susann (Hg.): Freiheitsschauplatz. Ein Gesellschaftsporträt der Ukraine (Interdisziplinäre Ukraine-Studien 11).
Baden-Baden: Nomos 2025. 325. S. Kt. 84,–.

Die Ukraine hat sich lange im toten Winkel der deutschen und internationalen Aufmerksamkeit befunden, im Schulwissen kam sie nicht vor, bis 2022 war sie selten in den Nachrichten, und die Anzahl der Spezialisten, die kompetent Auskunft über das Land geben konnten, war sehr überschaubar. Die vorliegende Publikation – im Untertitel ein „Gesellschaftsporträt der Ukraine“ – will aus gesellschaftswissenschaftlicher Perspektive grundlegendes Wissen vermitteln, sie wendet sich sowohl an eine akademische Leserschaft als auch an eine interessierte Öffentlichkeit, damit diese „die ukrainische Gesellschaft in ihren vielen Facetten, ihrer Komplexität und Ambivalenz besser kennen- und verstehen“ lernen (9).

Diesem Anspruch wird das Buch weitestgehend gerecht: Es zeigt den aktuellen Zustand der Ukraine und erklärt ihn verständlich aus den Entwicklungen der letzten Jahrzehnte. Diese werden kapitelweise in unterschiedlichen Bereichen des öffentlichen Lebens nachgezeichnet: Politik, Ökonomie, Gesellschaft und Kultur. Auf diese Weise ist ein von unterschiedlichen Autorinnen und Autoren verfasster Strauß von parallelen Mikrogeschichten zustande gekommen, die sich im lesenden Bewusstsein schließlich zu dem angekündigten Porträt vereinen.

Die Autoren – viele von ihnen mit ukrainischen Namen – ordnen in der Regel Ereignisse, die im Prinzip aus der Berichterstattung bekannt sind, wie z. B. Wahlen oder Aufstände (Orange Revolution, Maidan) in größere Zusammenhänge ein und verknüpfen sie mit weiteren Informationen. So kann der Beitrag „Zwischen Autokratie und Demokratie“ z. B. zeigen, dass das lange Ringen um die neue, erst 1996 verabschiedete und 2004 geänderte Verfassung wohl dazu beigetragen hat, in der Bevölkerung die Wertschätzung der demokratischen Regierungsform zu steigern. Mehr als zwei Drittel der befragten Bürger erkannten schon vor dem Krieg ihre Wünsche und Vorstellungen im Regierungshandeln wieder (40). Dass die von den Ukrainern schon früh – und noch ohne EU-Perspektive – ins Werk gesetzten Reformen dem Vertrauen in die Demokratie und der schrittweisen Annäherung an das politische Europa dienlich waren, zeigen auch andere Beiträge. So kommt z. B. die Darstellung der „Zentrum-Peripherie-Beziehungen 1996-2022“ zu dem Ergebnis, dass die Art und Weise, wie die Macht zwischen der Zentralregierung und kommunalen Strukturen aufgeteilt wurde, einerseits der Etablierung eines autoritären Präsidialsystems à la Putin vorgebeugt hat, andererseits auch als „Beleg für tiefgreifende Europäisierung“ (77) gelten kann.

Einige der dreizehn Essays stellen in Deutschland wenig bekannte Phänomene vor, wie etwa die ukrainische Ökonomie mit ihrer starken IT, die etwa im Abwehrkampf die personelle Überlegenheit des Angreifers durch Technologie auszugleichen hilft. Im Ausland wenig bekannt sind auch die Prozesse, die sich in den beschriebenen Gedenkkulturen abspiel(t)en, wo aus einer Vielzahl von regionalen Geschichten ein nationales Narrativ gebildet werden musste. Was fehlt, ist eine Religionssoziologie, erklärten sich doch noch vor wenigen Jahren 90 Prozent der Bevölkerung als religiös.

In einigen Beiträgen, die sozialen und kulturellen Themen gewidmet sind, scheinen die derzeit modischen postkolonialen Theorien durch, deren wissenschaftliches Erklärungspotential zwar begrenzt ist, die aber politisch wirksam zu sein scheinen. Am 5. November 2025 warnte Präsident Putin – laut TASS – vor Ideen wie einer „Entkolonialisierung“ Russlands, die „ein Instrument“ des gegen Russland gerichteten Informationskriegs sei. Hier zeigt sich, wie eng die wissenschaftliche Analyse mit dem im Titel anklingenden Freiheitsstreben verbunden ist.

                Norbert P. Franz

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