Rezensionen: Kunst & Kultur

Smee, Sebastian: Paris im Aufruhr. Liebe, Krieg und die Geburt des Impressionismus.
Berlin: Insel 2025. 494 S. Gb. 30,–.

Das Buch verbindet zwei wichtige Ereignisse in Paris 1870/71: die Belagerung der Stadt durch ein preußisches Heer, die Niederlage Frankreichs und der anschließende Bürgerkrieg – und die Entwicklung der Malerei im Pariser Künstlermilieu jener Zeit hin zum Impressionismus samt der Liebesgeschichte zwischen Édouard Manet und Berthe Morisot. Der Autor ist Kunstkritiker bei der Washington Post und Pulitzer-Preisträger.

Die Teile II und III des Buches beschreiben ausführlich die kriegerischen Handlungen, die politischen Intrigen, die sozialen Verwerfungen, die unfassbare Hungersnot, die grauenhafte Gewalt im Paris jener Jahre. Die Schilderungen sind detailreich, gehen in die Einzelheiten, erwähnen sehr viele Namen – teilweise ermüdend und wenig hilfreich zum Verstehen. Dann beschreiben sie wieder plastisch das Elend der Soldaten und der Bevölkerung, berührend und aufrüttelnd – bisher ist in Deutschland diese Seite des deutsch-französischen Krieges wenig bekannt. Im Bürgerkrieg, der 1871 auf die Niederlage gegen Deutschland folgte, wurde in brutaler Weise die linke „Kommune“ niedergemacht, vor allem in einer einzigen „Blutwoche“, die an Grausamkeit alles Vorstellbare überstieg – Enthemmung und Verrohung im Krieg sind durchaus hoch aktuelle Themen.

In Teil I und Teil IV des Buches geht es mehr um die Malerei: Berthe Morisot ist eine in Deutschland wenig bekannte Impressionistin, die zunächst als alleinstehende Frau in einem dafür sehr schwierigen sozialen und kulturellen Umfeld ihren künstlerischen Weg ging, dabei unter den Kriegswirren litt, aber konsequent weiter malte, außerdem in einem gewissen Liebesverhältnis – Genaueres weiß man nicht – zu dem verheirateten Édouard Manet stand und schließlich spät dessen Bruder Eugène – wohl nur halb glücklich – heiratete und mit ihm eine Tochter hatte; das großbürgerliche soziale und das künstlerische Umfeld der beiden wird plastisch geschildert. Die „neuen“ Maler, die aus dem Realismus Courbets schrittweise den Impressionismus entwickelten, werden ausführlich vorgestellt, auch ihr Kampf gegen den etablierten, staatlich geförderten und sehr konservativen Salon, auch die Verwicklungen in politische Ideologien und Parteiungen. Viel Sympathie zeigt der Autor für diese neue Malerei, die den gegenwärtigen, meist hell-farbigen Lichteindruck aus realer Welt darstellt, hingegen nicht mehr die konstruierte und idealisierte Historie – die moderne Malkunst war begründet.

Die beiden Themen des Buches greifen teilweise ineinander, sind aber insgesamt doch nur wenig verbunden. Hier hätte eine Konzentration gutgetan. Die Abbildungen, insbesondere die der im Text beschriebenen Gemälde, sind klein, von mäßiger Qualität und zu wenige – wie leider oft bei Büchern dieser Art. Trotz dieser Einwände ein gut geschriebenes, lesens- und empfehlenswertes Buch für an französischer Geschichte und/oder am Impressionismus interessierte LeserInnen.

                Stefan Kiechle SJ

Wolff, Iris: Lichtungen. Roman.
Stuttgart: Klett-Cotta ²2025. 256 S. Gb. 24,–. Kt. 13,–.

Ihre Studienfächer Dt. Sprache/Literatur, Religionswissenschaft und Grafik/Malerei haben die autobiografischen Motive und den originellen Schreibstil von Iris Wolff geprägt. Am Beispiel der Siebenbürger Sachsen und Banat-Schwaben in Rumänien, das sie als achtjähriges Kind in den 1980er-Jahren verlassen musste, arbeitet sie als Hauptmotive der Handlung die politische Unfreiheit, den Prozess der Auswanderung und das heimatliche Identitätsbemühen heraus.

Die Titel-Metapher „Lichtungen“ spielt als Ort der Klarheit eine wichtige Rolle, die im zentralen Kapitel Fünf (132 f.) besonders angesprochen wird. Im engen Motivrahmen von Freundschaft erzählt Lev der gleichaltrigen Kato von einem licht-erfüllten baumfreien Gelände im Wald, wo zwei Wölfe miteinander kämpfen. Ihm sei klar geworden: „Sie (alle) lebten unter Wölfen. Und sie wussten es“ (132 f.). Der Kontrast von Dunkelheit und Licht, von politischer Unfreiheit und persönlicher Freundschaft, sind Strukturlinien der Lev-Kato-Welt.

Die Gliederung besteht aus neun Kapiteln. Jeweils vorangestellt werden poetische Zitate (vgl. 253 f.). Überraschenderweise erzählt die Autorin das Geschehen in umgekehrter Kapitelfolge: Die Vorwegnahme der Zukunft soll wohl die Bedeutung der Vergangenheit profilieren, und die Nachlieferung der Anfänge expliziert den entwicklungspsychologischen Weg der beiden Hauptpersonen sowie den Prozess und das Ergebnis der politisch motivierten Auswanderung um 1989.

Am Ende der Adoleszenz hat Kato ihr Lebensziel in der Hingabe an die Kunst und die Sensibilität gegenüber den Mitmenschen gefunden. Lev erkennt im Wald, den er bisweilen wie eine Kirche erleben kann, sein Lebensziel und seine zukünftige Arbeitsaufgabe. Kato erweist sich in ihrer Beziehung als die Mutigere, sie will immer wieder aufbrechen. Lev tut sich schwer, diese Verschiedenheit ihrer Zukunftsbestimmung anzuerkennen; er muss seine schlimme Krankheitsphase aus der Kindheit als Lebenseinbuße sowie Militär- und Arbeitsdienst als harte Reifungsfaktoren annehmen und Kato „loslassen“ (250). Die Resonanzen von Kunst, Natur und Freundschaft führen zwar zur biografischen Trennung der beiden, aber sie demonstrieren auch eine wachsende Tiefenerfahrung der Selbsttranszendenz wie „Antennen für das Absolute“ (Jan-Heiner Türk). Das wird beispielsweise an dem kunstvollen Marienbild Katos deutlich (144). Oder: Für Camil, den Bergwirt und Kunstförderer Katos, wird „die Amsel ein Buchstabe Gottes, außerhalb des Alphabets“ (135), bevor er vor der kommunistischen Geheimpolizei untertauchen muss; aber auch die beispielhafte kirchliche Gottesdiensterfahrung Levs kann als mythisch-mystische Wahrnehmung gelten „von einer Gegenwärtigkeit, … die er sonst nicht kannte“(100).

Wolff macht in „Lichtungen“ besonders auf die Symbolik der konfessionellen Kirchenbauten in Siebenbürgen aufmerksam. Während Kato sich im achten Kapitel intensiv ihrer Straßen-Malerei widmet, spürt Lev den Impuls, in eine nahe Kirche zu gehen (41 f.): Die farbigen Fenster als Spiel zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren, die Stille und Kühle als meditierte Hinweise auf seine „frühen Verluste“ durch die Lähmung lösen „Angst und Trauer“ aus. Auf seiner Fahrradtour zu Hause (im Kap. Sieben) hatte er die gleichen Kennzeichen im ruinösen, von Pfarrer und Gott verlassenen Zustand der Auswanderung vorgefunden als eine „preisgegebene Welt“ (72 f.). Sein spirituelles Vorbild von Kindheit an ist die im Dorf respektierte orthodoxe Großmutter väterlicherseits, die durch die Gabe des „zweiten Gesichts“ die Reaktor-Explosion von Tschernobyl (1986) vorhersagt (102, 109 f.).

                Andreas Müller

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