In den Anfängen des Naturkindergartens stellten die Mitarbeiterinnen fest, dass ihnen die gängigen Eingewöhnungskonzepte nicht ausreichten: Jede neue Familie, die den Weg zu amares fand, brachte eine individuelle Geschichte mit. Und jede Geschichte erforderte eine andere Aufmerksamkeit. Bereits die Verschiedenheit der Bindungen zwischen Kindern und Eltern forderte die Fachkräfte heraus. So entstand ein Eingewöhnungskonzept, das den Fokus auf intensive Kommunikation mit Kind und Eltern legt – und lange vor der eigentlichen Eingewöhnung ansetzt.
Die Eingewöhnung beginnt mit der Zusage der Eltern
Nach Vergabe der Plätze werden die ausgewählten Familien angerufen und zu einem ersten Treffen eingeladen. Der bis dahin lose Kontakt verfestigt sich. Die Eltern bekommen bereits am Telefon Gelegenheit, von ihrem Kind zu erzählen, davon, wie seine Bindungen sind, aber auch, was ihre eigenen Wünsche oder auch Ängste bzgl. der Betreuungszeit sind. Bei der ersten persönlichen Begegnung findet ein intensiver Austausch statt, mit Eltern und Kind. Unabhängig davon, wie viel es selbst schon spricht, wird jedes Kind sprachlich auf die neue Situation vorbereitet. Räume, Fachkräfte etc. werden nicht nur den Eltern vorgestellt, sondern vor allem auch dem Kind. Die Fachkräfte (Begleiter) nehmen das Kind in seinem ganzen Wesen wahr, suchen immer wieder (Blick-)Kontakt. Die Eltern sammeln erste Eindrücke und Einblicke in den Kita-Alltag. Die meisten Eltern gewinnen bereits jetzt Vertrauen, weil sie sehen, wie das Team während des Besuchs auf ihr Kind eingeht. Auf das erste Treffen folgen meist weitere Telefonate, die sich um die pädagogische Begleitung und den Kita-Alltag drehen. Das ist wichtig, da auch viele Eltern eine Art Eingewöhnung brauchen, um sich mit der anstehenden Trennung auseinandersetzen zu können. Die ganze Familie braucht ein Gefühl der Sicherheit, deswegen bekommt dieser Austausch viel Raum. Etwa einen Monat vor Ende eines Kita-Jahres lädt die Kita die neuen Familien zu einem Einführungstermin mit Kaffee und Kuchen ein, bei dem sich alle kennenlernen und die Eltern über den Tages- und Wochenablauf bei amares informiert werden. Die Kinder sitzen dabei, erkunden das Gelände oder spielen mit den anderen. In den vier Wochen vor den Sommerferien finden die Annäherungstage statt. Alle Familien kommen einmal pro Woche für ca. eineinhalb Stunden in die Gruppen. Dabei bauen die Fachkräfte intensiveren Kontakt zu den Kindern auf. Neue und „alte“ Kinder werden miteinander bekannt gemacht. Alle haben Zeit, sich wahrzunehmen und zu beschnuppern. Nach und nach bauen sich Berührungsängste ab, eine erste räumliche Orientierung entsteht. Der Grundgedanke hinter diesem wichtigen Teil der Eingewöhnung ist, allen Beteiligten ausreichend Raum und Zeit zu geben, in Kontakt zu kommen: Eltern, Fachkräften und Kindern mit- sowie untereinander. Diese Treffen sind bewusst vor der Sommerpause anberaumt, einer Phase, in der die bestehenden Gruppen eingespielt sind. Denn im Herbst müssen sich nicht nur die Eingewöhnungskinder neu einfinden und orientieren, sondern auch alle anderen. Die Annäherungstage verkürzen erfahrungsgemäß die tatsächliche Eingewöhnung: Bei amares können sich die Eltern häufig bereits nach einer Woche von ihren Kindern verabschieden, weil sie und ihre Kinder nicht bei null anfangen.
Drei Phasen folgen in der tatsächlichen Eingewöhnung aufeinander: In der ersten Phase (1–3 Tage) sind Eltern und Kind bis zum Mittagessen gemeinsam in der Gruppe. In der zweiten Phase findet schrittweise die Trennung von den Eltern statt (ab 1.– 4. Tag). In der dritten Phase bleibt das Kind allein in der Gruppe, isst dort zu Mittag und macht ggf. seinen Mittagsschlaf in der Einrichtung. Jede Phase wird vom Kind bestimmt: Der Verlauf ist individuell, je nachdem, wie schnell ein Kind Beziehungen knüpft.
Brückenbauer und Begleiter
Eine wichtige Funktion hat im amares- Konzept der oder die Brückenbauer/ in. Er oder sie baut Brücken zwischen den Familien und der Gruppe, zwischen der Gruppe und dem Kind. Das geschieht vor allem über Kommunikation, vieles wird immer wieder benannt und erklärt. So erfahren die Kinder, dass die Eltern nur zu Besuch da sind und sie bald eigenständig in der Gruppe bleiben werden. Der Brückenbauer zeigt dem neuen Kind, wie andere Eltern ihre Kinder bringen oder wie sie sie abholen, er erklärt den Tagesablauf, die Schlafplätze usw. Die älteren Kinder nehmen aktiv daran teil, indem sie zeigen, wo sie selbst schlafen oder wo ihr Garderobenfach ist. Sobald die Eltern nicht mehr anwesend sind, wird das Kind verstärkt in die Gruppe integriert. Das Kind soll zu allen Kindern und Begleitern Vertrauen aufbauen, nicht nur zu einer Bezugsperson. Es wird Teil einer bestehenden Gruppe, setzt sich mit dieser auseinander und findet, mithilfe der Begleiter, seinen Platz. Der Brückenbauer ist während der Eingewöhnung ausnahmsweise jeden Tag in der Einrichtung, ansonsten arbeiten die Begleiter der U3-Gruppen maximal 32 Stunden pro Woche. Umso wichtiger ist es, dass die neuen Kinder in die Gemeinschaft eingeführt werden und auf Menschen treffen, die sie bei diesem Schritt unterstützen.
Das Vertrauen der Eltern ist wichtig
Vor dem ersten Eingewöhnungstag erneuert der Brückenbauer den Kontakt mit den Eltern und spricht mit ihnen über die kommenden Tage. Sie werden gebeten, sich in ihrer Präsenz zurückzuhalten, um den Begleitern Handlungsraum zu ermöglichen. Wichtige Eindrücke, Gefühle und Anliegen bekommen in telefonischen Gesprächen Raum, auch mal am Abend eines Eingewöhnungstages, um sich mit Blick auf das Kind kurzfristig über weitere Schritte abstimmen zu können. Auch Kritik ist erwünscht und wird als Chance des Zusammenwachsens gesehen. Das Vertrauen der Eltern in das Team sichert das Ankommen der Kinder in amares.
Info
Ein wesentlicher Bau- stein des Konzepts sind Sprache und Kommunikation. Sowohl Eltern als auch Kollegen werden von Anfang an gebeten, während der Begegnungen und zu Hause mit den Kindern über die anstehende Veränderung zu sprechen. Vor der Sommerpause bekommen die Eltern eine E-Mail, die u. a. auch die Namen der Fachkräfte und die der anderen Kinder enthält, damit sie mit ihren Kindern zur inneren Vorbereitung viel über die Menschen bei amares sprechen können.