Manche Erwachsene fürchten, dass es Kindern schadet, wenn sie zu früh starten. Andere wollen sichergehen, dass ihre Kinder nichts verpassen und möglichst früh lernen, sich in der Medienwelt zurechtzufinden. Klar ist: Kinder sind von Geburt an von Medien umgeben. Bildschirme in Wartezimmern oder in der U-Bahn, die Smartphones der Eltern – Screens sind allgegenwärtig. Die Empfehlung von Kinderärzt:innen und pädagogischen Fachkräften zu befolgen, mit dem Schauen bis zum dritten Geburtstag zu warten, fällt Familien oftmals schwer. Von pädagogischen Fachkräften wiederum wird erwartet, Eltern in medienerzieherischen Fragen zu beraten, aber auch Medienbildung für und mit den Kindern in der Einrichtung altersgerecht zu gestalten. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, einerseits die Voraussetzungen, Fähigkeiten und Bedürfnisse der Kinder in den Blick zu nehmen, andererseits Eltern kein schlechtes Gewissen zu machen, wenn pädagogische Maßgaben nicht immer erfüllt werden (können).
Emotionale Diskussionen
„Ich glaube schon, dass die wahnsinnig spannend sind, diese Bewegtbilder“ (Aussage einer Mutter eines 2,5-Jährigen). 2024 hat FLIMMO Erhebungen in Kindergärten mit 27 Kindern im Alter zwischen 3 und 6 Jahren durchgeführt. Mit spielerischen Methoden und teilnehmender Beobachtung wurde ihr Medienerleben beobachtet und ausgewertet. Dazu wurden 27 Eltern von Kindergarten- und Krippenkindern zum Medienumgang in der Familie befragt. Mehr dazu unter: www.flimmo.de/medienstart
Grundsätzliches zum Thema Medien
- Interaktionen mit Bezugspersonen: Jüngere Kinder brauchen Bezugspersonen, die ihnen helfen, die Welt zu verstehen, auf ihre Bedürfnisse eingehen, mit ihnen sprechen und spielen. Das ist nicht nur für die kindliche Entwicklung zentral. Wenn Kinder (und Eltern) von Bildschirmmedien abgelenkt werden, kann dieser gemeinsame Lernprozess empfindlich gestört werden. Deshalb ist es wichtig, Eltern zu überzeugen, das Handy öfter mal beiseitezulegen.
- Erste Bildschirmerlebnisse interaktiv gestalten: Die gemeinsame Nutzung von Bildschirminhalten ist für Kinder immer gut – bei Klein- und Kindergartenkindern aber besonders wichtig. Das stärkt nicht nur die Bindung zwischen Eltern und Kindern, sondern hilft auch, das Gesehene zu begreifen und zu verarbeiten. Am meisten profitieren sie, wenn sie das Gesehene mit Bezugspersonen gemeinsam erleben. So können Eltern Dinge benennen, erklären oder Kinder beruhigen, wenn etwas zu aufregend wird.
- Kinder sind unterschiedlich: Sie entwickeln sich in unterschiedlichem Tempo. Manche fangen früher an, sich zu drehen, zu krabbeln, zu laufen oder die ersten Worte zu sprechen, andere später. Auch ihre Reaktionen auf Bildschirminhalte können sehr unterschiedlich ausfallen. Was manche Kinder überfordert, können andere schon verkraften. Entsprechend wichtig ist es, Kinder einfühlsam und aufmerksam zu begleiten, wenn sie die ersten Schritte mit Medieninhalten machen.
Was empfehlenswerte Angebote digitaler Medien auszeichnet
- Machart: Besonders wichtig ist eine kurze Laufzeit. Zudem sollte die Darstellung auf das Wesentliche reduziert sein: Klare Linien, wenige Objekte und einfache Strukturen erleichtern das Erfassen. Eine einfache Bildsprache mit reduzierten Formen ist wichtig, auch die Farben sollten nicht allzu grell und aufdringlich sein. Eine langsame Schnittfolge und ein insgesamt behutsames, ruhiges Erzähltempo kommen den jüngeren Kindern entgegen. Geschichten müssen immer ein eindeutiges, gutes Ende haben
- Sprache und Tonspur: Insgesamt sollten die Geschichten auf dramatische oder gar bedrohliche Musik oder Soundeffekte verzichten. Die Wiederholung einfacher musikalischer Motive, Lieder zum Mitsingen und Reimpassagen animieren zum Mitmachen. Eine ruhige Erzählstimme, die in sehr einfachen Sätzen das Gesehene kommentiert, ist für Medienanfänger:innen besonders geeignet. Auch Geschichten, die ganz ohne Sprache auskommen, haben ihren Reiz.
- Wiederholung ist wichtig: Jüngere Kinder brauchen nicht viel Auswahl, sie lieben Wiederholungen. So können sie Bekanntes und Vertrautes (wieder-)entdecken, können das Gesehene besser nachvollziehen und verarbeiten. Sie summen oder singen bereits bekannte Melodien mit. Die vertrauten Bilder und Geschichten können durch die Wiederholung Geborgenheit und Sicherheit vermitteln. Das gilt vor allem, wenn Bezugspersonen mitschauen und auf das Bildschirmgeschehen reagieren.
- Alltagsthemen und Identifikation: Jüngere Kinder sehen gern Figuren zu, die ihnen ähnlich sind und in denen sie sich wiederfinden können. Viele haben Interesse an Tieren, manche lieben Einhörner, andere wollen am liebsten den ganzen Tag Baggern zusehen. Gemeinsam ist ihnen, dass die bewegten Bilder etwas mit ihrem Alltag und ihren Interessen zu tun haben. Sehen sie Entdecker:innen, die Neues lernen, Herausforderungen überwinden, Probleme meistern und ihren eigenen Alltag spiegeln (etwa wenn Conni – bekannt aus Pixi-Büchern und der gleichnamigen Serie – Zähne putzen muss), können sie daran anknüpfen. Besonders wichtig ist das soziale Umfeld, in dem sich die Figuren bewegen, etwa Familie, Freund:innen und andere Bezugspersonen.
Medienerlebnisse mit Kindern bearbeiten
In Kitas sollten die Medienerlebnisse der Kinder nicht ausgeklammert werden. Wenn sie beim Spielen, Erzählen und Malen ihre Eindrücke verarbeiten, brauchen sie Fachkräfte, die darauf eingehen und Medienerlebnisse mit ihnen besprechen. Ebenso wichtig ist es, Kinder möglichst früh an die kreativen Nutzungsweisen digitaler Medien heranzuführen und sie zu bestärken, aktiv mit Medien umzugehen und zu experimentieren. Dies unterstützt sie, ihr eigenes Medienhandeln zu verstehen und kritisch zu reflektieren. Wichtig ist, dem kreativen Potenzial digitaler Medien in Aktivitäten und spielerischen Aktionen Raum zu geben. Dabei ist es für Fachkräfte nicht nötig, selbst zu Medienexpert:innen zu werden. Oft sind einfache Methoden, die ohne großen technischen Aufwand umsetzbar sind, für die Arbeit mit Kindergartenkindern der beste Weg. Medienprojekte können etwa zum Thema Hören, Digitalfotografie oder Stop-Motion durchgeführt werden.
Lieblingsfiguren zum Thema machen
Paw Patrol begeistert Kindergartenkinder seit Jahren. Die Retter auf vier Pfoten sind Identifikationsfiguren und Projektionsflächen für Wünsche, Ängste und Bedürfnisse. Gerade weil Erwachsene mit der Serie wenig anfangen können, lohnt es sich, der Faszination der Kinder auf die Spur zu gehen. Voraussetzung ist, die Vorlieben der Kinder ernst zu nehmen und eigene Geschmacksurteile hintanzustellen.
- Thema Superkräfte: Helfen, stark sein, fliegen – die Kinder kommen zu Wort und berichten, was ihnen an Paw Patrol gefällt. Sie malen ihre Lieblinge und beschreiben, welche Superkraft sie selbst gern hätten oder haben. Die Ergebnisse werden Eltern in einer Ausstellung präsentiert, in Verbindung mit einer Veranstaltung zum Thema Medienerziehung. Fürs Portfolio kann unter dem Motto „Selbst Held:in sein“ festgehalten werden, was das Kind schon alles kann.
- Thema Hunde: Gemeinsam mit den Kindern wird Wissen über Hunde zusammengetragen und im Internet recherchiert: Welche Hunderassen gibt es? Was essen Hunde? Die Ergebnisse werden in einem digitalen Bilderbuch festgehalten. Literatur rund um das Thema Hunde – ob Fiktionales oder Sachbücher – kann in der Bücherei entdeckt werden. Die Kinder stellen ihre Lieblingsbücher per Audiotipp vor.
- Thema Berufe: Die Kinder lernen Einsatzbereiche oder Berufe rund um Hunde kennen. Begleithunde von Menschen mit Behinderung und Hundetrainer:innen sind in der Kita zu Besuch. Möglich sind Ausflüge etwa ins Tierheim, zur Feuerwehr oder Polizei. Auch im eigenen Umfeld können Beispiele für Hilfsbereitschaft recherchiert werden. Die Aktionen werden als Fotostory, digitales Bilderbuch oder in Form von Interviews dokumentiert.
- Bewegungsaktionen: Wie bewegen sich Hunde? Wie fühlt man sich als Retter:in? Drinnen wie draußen kann ein Parcours aufgebaut werden, den die Kinder spielerisch als Hunde durchlaufen. Aber auch Klettergerüste im Garten oder Turnwände können genutzt werden. Beim Klettern und Schwingen fühlen sich die Kinder frei und stark wie Superheld:innen.
Top-10-Serien und -Magazine für Kindergartenkinder
- Trotro (Animationsserie/4 Minuten/Netflix, Prime Video)
- Kleinreimstadt (Animationsserie/24 Minuten/Netflix)
- Bluey (Animationsserie/9 Minuten/Disney+, Disney Channel)
- Löwenzähnchen (Magazin/8 Minuten/KiKA.de, ARD Mediathek, ZDF Mediathek, KiKA)
- Die Sendung mit dem Elefanten (Magazin/24 Minuten/Kika.de, ARD Mediathek, KiKA)
- Unser Sandmännchen (Animationsserie/10 Minuten/Prime Video, Kika. de, ARD Mediathek, KiKA)
- Mü-Mo das Müllmobil (Animationsserie/10 bis 17 Minuten/Netflix)
- Mouk der Weltreisebär (Animationsserie/11 Minuten/Prime Video, Kika. de, Kika)
- Bobo Siebenschläfer (Animationsserie/7 Minuten/Netflix, Prime Video)
- Pip und Posy (Animationsserie/7 Minuten/Kika.de, ARD Mediathek, ZDF Mediathek, KiKA)