Ein Öl des Heiles zum Anteil am ewigen LebenChrisam

Chrisam ist eines von drei Ölen, die vom Bischof in der sogenannten Chrisammesse am Vormittag des Gründonnerstags (oder ggf. an einem anderen Tag in der Heiligen Woche) geweiht werden. Dieses Chrisamöl – so heißt es im Weihegebet – solle allen, die damit gesalbt werden, Anteil geben am ewigen Leben und an der Herrlichkeit des Himmels.

Fazit

Die Salbung mit Chrisamöl ist eine wichtige Zeichenhandlung, die in Taufe und Firmung sowie bei der Weihe zum Priester bzw. zum Bischof eine zentrale Rolle spielt. Gott, so betet der Bischof zur Weihe des Öles, möge allen, die mit diesem Öl gesalbt werden, „die Salbung des Geistes schenken, dass sie der göttlichen Erlösung würdig werden.“

Chrisam in der Liturgie der Kirche: In diesen Worten wird bereits deutlich, dass die Salbung mit Chrisam (von griechisch chrisma = Salbung) in der römisch-katholischen Kirche eine wichtige und zentrale Zeichenhandlung darstellt. Immer wenn in besonders dichter Weise ausgedrückt werden soll, dass der Geist Gottes am Heil der Menschen wirkt, kommt Chrisam zur Anwendung.
So werden die Täuflinge in der Feier der Taufe mit diesem Öl zu Priestern, Propheten und Königen gesalbt. Sie werden damit im wahrsten Sinn des Wortes zu Gesalbten, zu Christen und Christinnen. In der Feier der Firmung werden sie mit diesem Chrisam „in der Kraft des Heiligen Geistes“ – wie es in der Firmformel heißt – besiegelt. Wenn die Stirn der Firmanden mit dem Kreuz durch den in das heilige Öl getauchten Daumen des Bischofs bezeichnet werden, so wird dies als Eigentumszeichen verstanden. Den so Bezeichneten werden die siebenfältigen Gaben des Heiligen Geistes vermittelt. Der Bischof bittet Gott im Hochgebet über die Firmanden: „Gib ihnen den Geist der Weisheit und der Einsicht, des Rates, der Erkenntnis und der Stärke, den Geist der Frömmigkeit und der Gottesfurcht“ (vgl. Jes 11,2).
Als Entfaltung der Gnade, die ihnen in der Taufe und der Firmung zuteilwurde, werden bei der Priesterweihe den Neugeweihten die Hände mit eben diesem Öl gesalbt, um sie so für ihren Dienst am Leib Christi zu bereiten. Dazu spricht der Bischof: „Unser Herr Jesus Christus, den der Vater mit dem Heiligen Geist und mit Kraft gesalbt hat, behüte dich. Er stärke dich in deinem Dienst, das Volk Gottes zu heiligen und Gott das Opfer darzubringen.“ Noch einmal kommt Chrisam zur Anwendung, wenn dem neugeweihten Bischof in der Weiheliturgie das Haupt gesalbt wird. In den Begleitworten des Hauptkonsekrators kommt gut zum Ausdruck, was diese Salbung bedeutet: „Gott hat dir Anteil gegeben am Hohenpriestertum Christi; er salbe dich mit der Kraft des Heiligen Geistes und mache dein Wirken fruchtbar durch die Fülle seines Segens.“
Im übertragenen Sinn wird Chrisamöl auch verwendet, wenn ein neuer Altar oder eine Kirche für den Gottesdienst bereitet werden. Zur Salbung spricht der Bischof: „Gott möge durch seine Kraft und seinen Geist diesen Altar und dieses Haus heiligen. Sie seien uns sichtbare Zeichen für das Geheimnis Christi und seiner Kirche.“ Dann gießt er den Chrisam in die Mitte und an den vier Ecken des Altares aus und salbt nach Möglichkeit damit den ganzen Altartisch. Wenn ein Kirchengebäude geweiht wird, so salbt der Bischof die Wände der Kirche an zwölf dafür vorgesehenen Stellen in Kreuzesform. Auch eine Glocke kann bei der Glockenweihe mit Chrisam gesalbt werden, denn ihre vorrangigste Aufgabe besteht darin, die Gläubigen zum Gottesdienst zusammenzurufen.
Diese Salbung mit Chrisam macht aus den gesalbten Mauern des Kirchengebäudes oder der gesalbten Platte des Altares oder dem Material der Glocke keine „heiligen“ Orte oder Gegenstände, sondern sondert sie vom Alltagsgebrauch aus und weist sie in ihren besonderen Dienst ein, nämlich der Begegnung von Gott und Mensch zu dienen.

Zum biblischen Hintergrund der Salbung mit Chrisam

In der Antike spielten Salbungen mit Öl eine große Rolle: Man salbte sich vor und nach dem Bad zur Hautpflege, vor dem Ringkampf zur Kräftigung und Glättung, und man salbte die Kranken zur Genesung sowie die Wunden zur Heilung. Weil der gesalbte Körper als ein Bild für ein kraftvolles Leben angesehen wurde, salbte man Könige und Priester oder auch kultisch bedeutsame Stellen, um darin ihre lebensspendende Verbindung mit der Gottheit auszudrücken. Auch der Titel „Messias“, was der Gesalbte (griech. christos) bedeutet, versteht sich aus diesem Zusammenhang.
In der Bibel wird von Salbungen in vielfältigen Zusammenhängen berichtet. Zum Verständnis aller christlichen Liturgien, in denen Chrisam verwendet wird, sind besonders die im Alten Testament überlieferten Ermächtigungssalbungen im Unterschied zu stärkenden oder heilenden Salbungen von Bedeutung. So berichtet das erste Samuelbuch davon, dass Gott Samuel den Auftrag gab, zunächst Saul „zum Fürsten meines Volkes zu salben“ (1 Sam 9,16) und später auch David zum König zu salben: „Da sagte der HERR: Auf salbe ihn! Denn er ist es. Samuel nahm das Horn mit Öl und salbte David mitten unter seinen Brüdern. Und der Geist des HERRN war über David von diesem Tag an“ (1 Sam 16,12f.). Diese Salbungen zum Königtum werden als Begabungen mit dem Heiligen Geist verstanden, denn so von Gott ermächtigt, werden die Gesalbten das Volk Israel zum Sieg führen. Im gleichen Sinn sind im Alten Testament auch Salbungen von Priestern zu verstehen. So wird im Buch Exodus berichtet, dass Gott den Auftrag gab, jeden, der zum priesterlichen Dienst für ihn bestimmt wird, zu salben, indem Öl über das Haupt ausgegossen wird: „Nimm Salböl, gieß es auf sein Haupt und salb ihn!“ (Ex 29,7). Alle diese Salbungen werden durch Übergießen des Kopfes mit Öl vollzogen. Es sind Hauptsalbungen.
Auf diesem Hintergrund wird auch die Taufe Jesu am Jordan durch Johannes den Täufer als Begabung mit dem Heiligen Geist gedeutet. So berichtet der Evangelist Johannes in seiner Taufperikope davon, wie er sah, dass der Geist Gottes wie eine Taube aus dem Himmel auf Jesus herabkam und auf ihm blieb (Joh 1,34). Dass dies als Geistbegabung verstanden wird, zeigt ein Abschnitt aus dem Lukasevangelium: Dort identifiziert sich Jesus mit einer Prophezeiung aus dem Buch Jesaja, in dem über den Gesalbten des Herrn geschrieben steht: „Der Geist GOTTES, des Herrn, ruht auf mir. Denn der HERR hat mich gesalbt“ (Jes 61,1f.). Dieses Schriftwort habe sich heute erfüllt. Er sei dieser Gesalbte des Herrn (vgl. Lk 4,16–21).

Salbung und Taufe in der frühen Kirche

Den Christinnen und Christen galt seit der frühesten Zeit diese in den Evangelien überlieferte Taufe Jesu als Vorbild für die Taufe all derer, die zu Christus gehören. Auch wenn in den Berichten der Evangelisten nicht explizit von einer Salbung gesprochen wird, so wurde doch insbesondere die Schilderung des Johannes im Sinne der im Alten Testament bezeugten Salbungen verstanden. So wird die Taufe von Anbeginn an wohl nicht nur durch ein Wasserbad vollzogen, sondern auch von einer Salbung begleitet worden sein, durch welche die im Neuen Testament als prophetisch gedeutete Taufe Jesu rituell inszeniert wurde. Damit wird auch deutlich: Taufe wird verstanden als Angleichung an den messianischen Geistträger Jesus.
Schon die ältesten Quellen einer christlichen Taufe sehen das so vor. In einigen apokryphen, das meint nicht in den Kanon der Heiligen Schrift aufgenommenen Apostelakten ist die Salbung als Geistbegabung sogar dem Taufbad vorrangig. Als derart wichtig und für das christliche Leben bedeutsam wurde in einigen Teilen der frühen Kirche die Salbung zur Geistbegabung angesehen. Auch in der mediterranen Tradition, die die Quelle für die römisch-katholische Liturgie darstellt, finden sich solche Ermächtigungssalbungen. Es sind derer sogar zwei: eine Hauptsalbung, die den Täufling salbt zum Priester-, Propheten- und Königtum, und eine Stirnsalbung, die den Täufling mit den siebenfältigen Gaben des Heiligen Geistes ausstattet. Die erste Salbung mit Chrisam verblieb immer bei der Taufe, aus der zweiten Salbung entwickelte sich die Firmung. Der Getaufte und Gefirmte wird folglich ein Gesalbter.

„Heilige dieses Öl …“

Für Chrisam wird feinstes, reines Olivenöl (oder ggf. ein anderes hochwertiges Pflanzenöl) verwendet, dem Duftstoffe beigemischt werden. Traditionell ist dies der wohlriechende Saft der Balsamstaude, von dem – so heißt es in den Regelungen zur Ölweihe – reichlich genommen werden soll. In der Chrisammesse mischt der Bischof zunächst Öl und Balsam und lädt dann die versammelte Gemeinde zum Gebet ein: Gott, so heißt es in der Gebetseinladung, möge allen, die mit diesem Öl gesalbt werden, „die Salbung des Geistes schenken, dass sie der göttlichen Erlösung würdig werden.“ In diesem Sinn betet die ganze Gemeinde, während der Bischof über das Öl für den Chrisam haucht. Dies ist ein in der Liturgie ausgesprochen seltenes rituelles Zeichen, ein kleines Geräusch nur, das aber ein kraftvolles Symbol für den Heiligen Geist und eine Erinnerung an den biblischen Bericht über die Erschaffung des Menschen ist, als Gott dem Menschen Lebensatem einhauchte (vgl. Gen 2,7). Dann spricht der Bischof den dankenden Lobpreis, bei dem er besonders auf die Geistsalbung Christi bei der Taufe im Jordan hinweist, und Gott um seinen Segen und sein Wirken bittet. Im ersten von zwei möglichen Weihegebeten spricht er folgende Worte: „Heilige + dieses Öl mit deinem Segen und erfülle es mit der Kraft des Heiligen Geistes durch deinen Sohn Jesus Christus. Von ihm hat der Chrisam den Namen, das duftende Öl, mit dem du Priester und Könige, Propheten und Märtyrer gesalbt hast. Für alle, die wiedergeboren werden im Wasser der Taufe, mache diesen Chrisam zu einem Zeichen vollendeten Heiles und Lebens. Wasche von ihnen ab die ererbte Verderbnis und mache sie durch die Salbung mit Chrisam zu deinem Tempel, der erfüllt ist vom Duft eines gottgefälligen Lebens. Deinem Ratschluss gemäß erhebe sie zur Ehre von Königen, Priestern und Propheten und bekleide sie mit dem Gewand ihrer unvergänglichen Berufung. Allen, die wiedergeboren werden aus Wasser und Heiligem Geist, sei dieses Öl ein Chrisam des Heiles, der ihnen Anteil gibt am ewigen Leben und an der Herrlichkeit des Himmels.“

Gesalbt zu Priester, Propheten und Königen

Die Attribute „König“, „Priester“ und „Prophet“ verdeutlichen drei Dimensionen, die die besondere Würde und den Auftrag des und der Getauften verdeutlichen.
Wie Christus bei seiner Taufe zum messianischen Königtum gesalbt wurde, so bringt die Salbung bei der Taufe zum Ausdruck, dass der Christ und die Christin zu dem Königreich gehören, dass durch Tod und Auferstehung Jesu Christi errichtet worden ist (vgl. Offb  1,6). Damit ist auch die Aufgabe des Menschen im Hinblick auf die Schöpfung verdeutlicht: Als Abbild Gottes, des wahren Königs der Schöpfung, ist ihm die Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung aufgetragen. Die Welt als Schöpfung ist seine Mitwelt, der Ort der Gegenwart und der Begegnung mit dem Schöpfer.
Als dieser Repräsentant des Schöpfers in der Welt ist es die Aufgabe des und der Getauften als Priester und als Priesterin im Namen der Schöpfung vor Gott zu treten und ihm „den Lobpreis der stummen und sprachlosen Geschöpfe“ zu entrichten. Der durch den Tod gegangene und auferstandene Jesus Christus „hat uns zu einem Königreich […] und zu Priestern vor Gott, seinem Vater“ (Offb  1,6) gemacht, in dem die Getauften „ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm“ (1 Petr 2,9) sind. Zu den herausragenden Aufgaben dieser königlichen Priesterschaft gehört neben dem Lob Gottes die Fürbitte, dass Gott die Vollendung von Welt und Menschheit heraufführen möge.
Geschaffen als Repräsentant des Schöpfers in der Welt und als Wortführer der Gott lobenden Schöpfung kann der Mensch diese Dimensionen seines Wesens nur leben, wenn er auch die prophetische Dimension seines Christseins wahrnimmt. Dem Menschen als Propheten kommt die Aufgabe zu, Gottes Wort zu hören, darin die Wahrheit über Gott, Mensch und Welt zu erkennen und sie in der Welt zu bezeugen. Mit der Chrisamsalbung in der Taufe hebt damit schon etwas an, was für das Ende der Zeiten verheißen ist: „Ich werde meinen Geist ausgießen über alles Fleisch. Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein, eure Alten werden Träume haben und eure jungen Männer haben Visionen“ (Joel 3,1; vgl. Apg 2,17).
König/Königin, Priester/Priesterin, Prophet/Prophetin zu sein, sind nicht einfach vernachlässigbare Zuschreibungen, sondern tiefster Ausdruck des Menschen als Christ und Christin.

Von den drei heiligen Ölen

Neben dem Chrisam-Öl werden in der Chrisammesse zwei weitere Öle für spezielle Situationen im Leben der Christen geweiht:
Da ist zunächst das Katechumenenöl, mit dem die Taufbewerber und Taufbewerberinnen gestärkt werden. Wie bei den Ringkämpfern in der Antike, die sich zum Kampf mit Öl einrieben, soll das Böse als der Gegner der Taufbewerber keine Angriffsmöglichkeiten haben, sondern an ihm und ihr abgleiten. Mit Katechumenenöl können die Taufbewerber in der Taufliturgie selbst gesalbt werden, aber es kann  ihnen auf dem Weg zum Christsein, vorrangig bei der Eingliederung von Erwachsenen in die Kirche, auch mehrmals zur Stärkung gereicht werden.
Weiterhin wird Krankenöl vom Bischof geweiht, das den Kranken ein Heilmittel sein will in den Schwächen der Seele und des Leibes (vgl. Jak 5,14–16). Schmerz und Krankheit haben stets zu den Lebensproblemen gehört, die den Menschen ängstigen. Auch wer sich zum Glauben bekennt, fühlt nicht anders, aber er kann im Licht des Glaubens Hilfe finden, diese Erfahrungen zu deuten und in sein Leben zu integrieren. Wenn die Erfahrung von Krankheit eine existentielle Konfrontation mit der Endlichkeit darstellt, kann die Salbung mit Krankenöl durch den Priester im Rahmen der Krankensalbung ein wirksames Zeichen der Begegnung mit dem barmherzigen und rettenden Gott darstellen.

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