Peter Hünermanns biographische und theologische Entwicklung ist eng mit den Erfahrungen von Nationalsozialismus, Krieg und Nachkriegszeit verbunden, die sein kritisches Bewusstsein für politische Ideologien ebenso wie sein Verständnis von Glaube und Kirche nachhaltig formten. Nach dem Notabitur studierte Hünermann ab 1949 Theologie in Rom am Collegium Germanicum et Hungaricum und an der Päpstlichen Universität Gregoriana. Dort wurde er sowohl von der ignatianischen Spiritualität als auch von der klassischen christlichen Spiritualität nachhaltig beeinflusst. Im Jahr 1955 empfing er im Petersdom die Priesterweihe. Anschließend war er zunächst in der Seelsorge als Kaplan und Religionslehrer in Mönchengladbach und Aachen tätig. In den Jahren 1961 bis 1967 setzte er seine Studien an der Ludwig-MaximiliansUniversität München sowie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau fort. Zu Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils im Herbst 1962 war er an der Theologischen Fakultät Freiburg tätig und arbeitete dort an seiner Habilitationsschrift. Drei Jahre später wurde er an der Fakultät Wissenschaftlicher Assistent und Dozent. Im Jahr 1967 habilitierte sich Hünermann an der Universität Freiburg mit der Schrift „Einbruch des geschichtlichen Denkens im 19. Jahrhundert“, einer religionsphilosophischen Studie zur Geschichtlichkeit des Denkens im 19. Jahrhundert, die insbesondere von Droysen, Dilthey und Yorck von Wartenburg ausgeht. Im selben Jahr erhielt er die Venia Legendi für Christliche Religionsphilosophie und Dogmatik und begann seine Lehrtätigkeit in Freiburg. Im darauffolgenden Jahr 1968 gründete Hünermann gemeinsam mit dem Religionsphilosophen Bernhard Welte das Stipendienwerk Lateinamerika– Deutschland e. V. (Intercambio Cultural Alemán-Latinoamericano: ICALA). Ziel des Stipendienwerkes ist es, die wissenschaftliche Kooperation zwischen lateinamerikanischen und deutschen Hochschulen insbesondere in der Philosophie und Theologie sowie in den Erziehungs- und Sozialwissenschaften nachhaltig zu fördern.
Hochschullehrer in Tübingen
Im Jahr 1982 erhielt er einen Ruf auf den Lehrstuhl für Dogmatik und Dogmengeschichte an die Universität Tübingen (als Nachfolger von Hans Küng), den er bis zu seiner Emeritierung 1997 innehatte. Beworben hatte sich für den Lehrstuhl seinerzeit auch Karl Lehmann, dessen Berufung jedoch durch seine Ernennung zum Bischof von Mainz verhindert wurde. In Forschung und Lehre verfolgte Hünermann das Ziel, die Geschichtlichkeit zentraler Glaubenswirklichkeiten wie Offenbarung, Kirche und Tradition systematisch zu erschließen. Im Zentrum seines theologischen Denkens stand die Christologie, in der er Jesus Christus als konkreten Ausdruck der Freiheitsgeschichte Gottes mit dem Menschen verstand. Diese Perspektive entfaltete er grundlegend in seiner systematischen Christologie „Jesus Christus – Gottes Wort in der Zeit“, in der er Jesus nicht nur als Figur der Vergangenheit darstellte, sondern auch die Gleichzeitigkeit der Gläubigen mit Christus betonte. Dies wird insbesondere in seiner Entfaltung des Motivs der Freundschaft deutlich. Von 1994 bis 2019 war Hünermann Herausgeber der im Verlag Herder erscheinenden theologischen Buchreihe „Quaestiones Disputatae“. Trotz seiner umfangreichen akademischen Verpflichtungen blieb Hünermann auch während seiner Zeit als Ordinarius in Tübingen stets seelsorglich tätig, insbesondere in der Pfarrgemeinde St. Ursula in Oberndorf bei Rottenburg.
Das weltkirchliche Wirken
Bereits im Jahr 1983 erfolgte Hünermanns Berufung zum Honorarprofessor an die Universidad Católica Boliviana in Cochabamba. Zwischen 1985 und 2003 leitete Hünermann darüber hinaus als Präsident den Katholischen Akademischen Ausländer-Dienst (KAAD), ein Stipendienwerk der katholischen Kirche in Deutschland für Wissenschaftler aus Afrika, Asien, dem Nahen Osten, Lateinamerika und Osteuropa. Mit der Übernahme des neu eingerichteten Präsidentenamtes initiierte Peter Hünermann am KAAD einen umfassenden institutionellen Neuaufbau des Stipendienwerks. In den ersten Jahren seiner Amtszeit etablierte er ein Netzwerk von Partnergremien, durch das die Förderarbeit des KAAD systematisch in die Strukturen der Ortskirchen eingebunden und die Perspektiven der Partnerländer nachhaltig in Auswahl- und Förderentscheidungen integriert wurden. Entsprechend dieser Internationalisierungsstrategie erfolgte eine Neugliederung der Geschäftsstelle in fünf Kontinentalreferate, mit dem Ziel, die Zusammenarbeit mit den jeweiligen regionalen Partnern zu intensivieren. Auch die Konzeption der Jahresakademie als zentralem Element der Bildungsarbeit des KAAD geht auf Hünermanns Initiative zurück. Nach seinem Ausscheiden als Präsident des KAAD blieb er der Institution als Ehrenpräsident verbunden. Im Jahr 2008 initiierte Hünermann die Gründung der KAAD-Stiftung Peter Hünermann, deren Ziel die finanzielle Förderung von Bildungsprojekten und Bildungsveranstaltungen aus dem Kreis der KAAD-Alumnae und -Alumni ist. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Unterstützung gemeinschaftlicher Initiativen ehemaliger Geförderter in ihren jeweiligen Herkunftsländern, wodurch eine langfristig angelegte Bildungsarbeit innerhalb des internationalen KAAD-Netzwerks gestärkt wird. Noch im Jahr 2022 nahm Hünermann im Alter von 93 Jahren persönlich an der Jahresakademie teil, um dort den zehnten Stiftungspreis an eine afrikanische Friedens- und Konfliktforscherin zu überreichen.
Diakonat der Frau
Auch ekklesiologische Fragen begleiteten Peter Hünermann in seinem theologischen Wirken. Dies zeigt sich insbesondere in seinem frühen und kontinuierlichen Engagement für das Frauendiakonat, für das er sich seit den 1970er Jahren einsetzte. Im Jahr 1973 gehörte Peter Hünermann neben Yves Congar und Herbert Vorgrimler zu den Gutachtern der Würzburger Synode zum Thema des Diakonats der Frau. In seinem Gutachten gelangte er zu dem Ergebnis, dass im Zuge der zeitgenössischen Neugestaltung und Ausdifferenzierung kirchlicher Dienste die Wiedergewinnung eines spezifischen Amtes für Frauen theologisch geboten sei. Gegen eine Zulassung von Frauen zum Diakonat sah er keinerlei grundlegende dogmatische Einwände. Vielmehr betonte er, dass der diakonale Dienst – unabhängig vom Geschlecht der Beauftragten – Aspekte der Sendung Jesu Christi zur Geltung bringe, die vom Presbyterat in seiner leitenden Funktion nicht in gleicher Weise wahrgenommen werden könnten. Angesichts des weit verbreiteten diakonischen Engagements von Frauen deutete Hünermann dieses zudem als kirchlich relevantes Berufungspotenzial, dem sich die Verantwortlichen der Kirche nicht entziehen dürften. Bis kurz vor seinem Tod setzte Hünermann sich öffentlich für die Öffnung des Amtes ein und begleitete entsprechende kirchliche und akademische Initiativen.
Das Zweite Vatikanische Konzil – Ereignis und Auftrag
In seinen letzten Lebensjahrzehnten widmete sich Hünermann intensiv der Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils. Zum 50. Konzilsjubiläum veröffentlichte er in den Jahren 2004 bis 2007 gemeinsam mit Bernd Jochen Hilberath das Standardwerk „Herders Theologischer Kommentar zum Zweiten Vatikanischen Konzil“. Dabei verstand Hünermann das Konzil nicht nur als historisches Ereignis, sondern als bleibenden Auftrag zur theologischen Kreativität im Angesicht globaler Herausforderungen. Zehn Jahre später initiierte Hünermann mit 150 Theologinnen und Theologen aus aller Welt das internationale Forschungsprojekt „Das Zweite Vatikanische Konzil – Ereignis und Auftrag“. Das internationale Forschungsteam, an dessen Zusammensetzung Peter Hünermann wesentlich mitgewirkt hat, entwickelt einen zwölfbändigen Kommentar zum Zweiten Vatikanum und schlägt dabei innovative Wege ein, um über nationale und kontinentale Grenzen hinweg gemeinsame theologische Reflexionen zu ermöglichen, die zu einem weltkirchlichen Polylog führen: Gemeinsam unterwegs zu einer neuen Art, Theologie zu gestalten und dies als einen performativen Prozess zu erleben, miteinander Weltkirche sein und immer wieder neu zu werden. Peter Hünermann war in gewisser Weise der Spiritus Rector des Projektes.
Das Forschungsprojekt „Das Zweite Vatianische Konzil – Ereignis und Auftrag“, bei dem eurozentrische Perspektiven durch brochen werden, verdankt Peter Hünermann nicht nur den Gründungsimpuls, sondern auch theologische Expertise, ein klares Urteil, ein gutes Fingerspitzengefühl bei der Bewältigung mancher Krise, einen langen Atem, so manches ermutigende Wort und nicht zuletzt beste weltkirchliche Kontakte. Im Projekt-Rundbrief, der vor Weihnachten an alle Projektmitglieder verschickt wurde, war zu lesen: „Wir verneigen uns in Ehrfurcht vor Peter Hünermann, einem großen Theologen, einem tief gläubigen Christen, einem der Kirche verbundenen Priester und nicht zuletzt vielen von uns ein guter Freund.“
Das von Peter Hünermann mitinitiierte Projekt „Das Zweite Vatikanische Konzil – Ereignis und Auftrag“ lebt von seiner Internationalität und Interkulturalität. Und so sollen hier einige Vertreterinnen und Vertreter des Projektes aus den verschiedenen Kontinenten mit ihren Reaktionen zu Peters Tod zu Wort kommen:
Ormond Rush aus Brisbane (Australien) schreibt: „Es ist in der Tat eine traurige Zeit für die Mitglieder unseres Projekts, für die Weltkirche und für die katholische Theologie.“
Catherine Clifford aus Ottawa (Kanada) fügt hinzu: „Unser Projekt ‚Das Zweite Vatikanische Konzil – Ereignis und Auftrag‘ spiegelt letztlich Peters Verständnis von der reichen Katholizität der Kirche sowie seine Sorge um die Vielfalt der Stimmen und Erfahrungen von Katholikinnen und Katholiken auf der ganzen Welt wider.“
Margit Eckholt aus Osnabrück merkt an: „Die Freundschaft Gottes in Jesus Christus ist eine Freundschaft, die die Gewalt und das Böse der Welt ausgehalten und ausgeheilt hat, das ist das Zentrum christlicher Erlösungs- und Auferstehungsbotschaft – Peter Hünermann hat daraus gelebt, und wir hoffen, dass er dieses Leben in einer vollendeten Gestalt in der Freundschaft Gottes erfährt.“
Peter De May aus Leuven (Belgien) stellt bewundernd fest: „Dank seiner gesunden Lebensweise konnte Peter unser Projekt auch in einem Alter unterstützen, in dem viele andere Emeriti nicht mehr in der akademischen Arbeit tätig sind.“
Carlos Schickendantz aus Santiago (Chile) erinnert sich: „Peter nahm regelmäßig an den Sitzungen der lateinamerikanischen Gruppe teil. Und manchmal sagten wir untereinander: Peter kennt unseren Kontinent Lateinamerika besser als wir Lateinamerikaner.“
Shaji Kochuthara aus Bangalore (Indien) schreibt: „Ich habe Peter immer als jung in seinem theologischen Ansatz und in seiner Vision erlebt: als jemanden, der den Weg weist und ihn zugleich selbst geht – engagiert in einem globalen Projekt, schwierig, aber entschlossen.“
Beatrice Faye aus Dakar (Senegal) merkt an: „Peters Tod ist ein großer Verlust für die Theologie, für die Kirche und für alle, die von seinem Engagement und seinen Ratschlägen profitiert haben.“
Und Mariano Delgado aus Fribourg (Schweiz) formuliert: „Peter Hünermann – Ein großer Mensch, ein großer Theologe, ein GrandSeigneur.“
Peter Hünermann starb am 21. Dezember 2025 in Erligheim (Landkreis Ludwigsburg). Sein theologisches Erbe ist geprägt von historischer Sensibilität, weltkirchlicher Offenheit und der Überzeugung, dass Glaube, Kirche und Theologie sich im Dialog mit der Gegenwart immer wieder neu bewähren müssen.