Es soll Kitas besser machen und gleiche Chancen schaffen: das neue Qualitätsentwicklungsgesetz (QEG). Dafür sollen Kinder ab 4 Jahren auf ihren Sprach- und Entwicklungsstand getestet werden. Was genau ist hier das Problem?
Elke Alsago: Offiziell geht es bei dem neuen Gesetz, das Bundesfamilienministerin Karin Prien Kitas als Fortführung des „Gute-Kita-Gesetzes“ angekündigt hat, um Qualitätsentwicklung und Chancengerechtigkeit. Zentraler Hebel sollen verpflichtende Sprach- und Entwicklungsstandserhebungen ab 4 Jahren sein, die bundesweit anschlussfähig sind. Das klingt zunächst plausibel, weil frühe Förderung als Schlüssel für Bildungsgerechtigkeit gilt. Problematisch wird es, wenn Diagnostik zur Hauptstrategie wird, während die Frage nach den Bedingungen für gute pädagogische Arbeit in den Hintergrund rückt. Qualität wird dann als Sache von Verfahren, Daten und Steuerbarkeit verstanden und weniger als Ergebnis von Beziehung, Zeit und professioneller Handlungssicherheit.
Diagnostik gehört doch längst zum pädagogischen Alltag. Wo liegt also das Problem?
Elke Alsago: Diagnostik ist nicht per se das Problem. Im Gegenteil: Systematische Beobachtung, fachliche Einschätzung und gemeinsame Reflexion im Team sind zentral für professionelle Arbeit. Kritisch wird es, wenn mit Diagnostik Kinder kategorisiert und stigmatisiert werden und das dann politisch funktionalisiert wird – also als Steuerungsinstrument für Monitoring und Ressourcenzuweisung genutzt wird –, ohne gleichzeitig für ausreichend Personal, Zeit und fachliche Unterstützung zu sorgen. Diagnostik setzt gute Bedingungen voraus, aber schafft sie nicht.
Was bedeutet das konkret für den Kita-Alltag?
Nikolaus Meyer: Schon heute arbeiten viele Teams unterbesetzt, mit hoher Krankheitsquote und wenig zeitlichem Spielraum. Schon heute werden Kolleg:innen ihrem Anspruch, Kinder individuell zu begleiten, nicht gerecht. Werden nun zusätzlich verpflichtende Verfahren eingeführt, heißt das: mehr Erhebungen, mehr Dokumentation, mehr Elterngespräche, mehr Abstimmung – bei gleicher oder sogar schlechterer Personalausstattung. So kommen Fachkräfte dauerhaft in einen Zielkonflikt: auf der einen Seite sollen sie die Kinder an deren Stärken und Interessen orientiert ko-konstruktiv begleiten, zugleich sollen sie genauer hinschauen, beurteilen und nach vorgegebenen Plänen fördern. Das widerspricht sich pädagogisch. Zudem fehlen Zeit, Personal oder Anschlussangebote für die Förderung einzelner Kinder. Das erzeugt Frust, moralischen Stress und untergräbt das professionelle Selbstverständnis.
Expert:innen verweisen bereits auf den Widerspruch zwischen Pädagogik und zeitlichem Aufwand solcher Verfahren. Reicht das nicht aus?
Elke Alsago: Intern ja, öffentlich nicht. In Expert:innendialogen ist man sich einig, dass das Vorgehen pädagogische Schwierigkeiten, dass Diagnostik zeitintensiv und nur unter besseren Voraussetzungen pädagogisch sinnvoll ist. Diagnostik wird ohne bessere Fachkraft-Kind-Relation, Leitungszeit und Fachberatung nicht wirksam. Öffentlich dominiert jedoch die Rede von „Wirksamkeit“ und „Evidenz“. Eine politische Schieflage! Verfahren werden verbindlich vorbereitet und geplant, während pädagogische Anschlussfähigkeit an Kita-Konzepte (etwa den Situationsansatz), Personalfragen, Mindeststandards und Finanzierung nicht berücksichtigt werden und damit ein Problem der Länder, Kommunen und Träger bleiben.
Welche Risiken sehen Sie für Kinder und Familien?
Elke Alsago: Wird Diagnostik verpflichtend, ohne verlässliche, in den Kita-Alltag integrierte und an den Kindern orientierte Begleitung und Förderung sicherzustellen, drohen Stigmatisierung und Frustration. Eltern erfahren, dass ihr Kind Förderbedarf hat, bekommen aber kein Angebot in der Kita, keine Therapie, keine zusätzliche Unterstützung. Betroffene Kinder werden früh etikettiert ohne gesicherte Hilfe. Verantwortung wird damit schleichend vom System auf Kind und Familie verschoben. – Das läuft dem Anspruch frühkindlicher Bildung als öffentlicher Verantwortung zuwider.
Was meinen Sie, wenn Sie von einer „alten Steuerungsfantasie“ sprechen?
Nikolaus Meyer: Die Idee, komplexe pädagogische Prozesse durch Messen und Vergleichen steuern zu wollen, ist nicht neu. Vergleichbarkeit macht Probleme zwar sichtbar, löst sie aber nicht. Kein Verfahren ersetzt Beziehung, Zeit, stabile Teams und professionelle Erfahrung. Pädagogische Qualität entsteht nicht im Berichtswesen, sondern in einem Kita-Alltag, in dem Fachkräfte Handlungsspielräume haben.
Welche Rolle sollen Leiter:innen und Fachberater:innen künftig dabei spielen?
Elke Alsago: Eine zentrale: Leiter:innen sollen zusätzliche Verfahren organisieren, Ergebnisse einordnen, Gespräche führen und den Betrieb stabil halten. Ohne zusätzliche Leitungszeit wird Diagnostik schnell zur Überforderung. Fachberatung wäre der Ort, um Ergebnisse fachlich zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Doch dieser Bereich ist vielerorts unterausgestattet oder ausgedünnt.
Oft wird auf föderale Zuständigkeiten verwiesen. Wie bewerten Sie das?
Elke Alsago: Föderalismus darf kein Vorwand sein, um Verantwortung zu verschieben. Wenn der Bund Verfahren verbindlich anstößt, muss er sich auch an der Sicherung der Bedingungen beteiligen. Sonst entsteht ungleichmäßige Steuerung: klar vorgegebene Verfahren - unverbindliche Ressourcen. Die Folgen dieser politischen Zurückhaltung trägt die Praxis.
Welchen Ansatz für Qualitätsentwicklung halten Sie für richtig?
Nikolaus Meyer: Politisch ganz banal: bessere Fachkraft-Kind-Relation, ausreichend Leitungszeit, stabile Teams und klare Professionalisierungsstandards.
Elke Alsago: Diagnostik kann Qualitätsentwicklung nur unterstützen, wenn sie in verlässliche Strukturen eingebettet ist. Sonst produziert sie Kontrolle und zusätzlichen Druck.
Ihr Fazit?
Elke Alsago: Wer Qualität ernst meint, muss bei den Bedingungen anfangen. Sonst droht eine Politik mit Nebenwirkungen: mehr Verfahren, mehr Erwartungen – und am Ende weniger gute Pädagogik. Dann verlieren Kinder, Eltern und Fachkräfte und damit unsere Gesellschaft.
Ein neues Gesetz
Grundlage der Ankündigung von Bundesfamilienministerin Karin Prien ist die Vereinbarung im Koalitionsvertrag: „Für gutes Aufwachsen und Chancengerechtigkeit für alle Kinder in Deutschland werden wir die verpflichtende Teilnahme aller Vierjährigen an einer flächendeckenden, mit den Ländern vereinbarten Diagnostik des Sprach- und Entwicklungsstands einführen. Bei ermitteltem Förderbedarf erwarten wir von den Ländern geeignete, verpflichtende Fördermaßnahmen und -konzepte. Dafür führen wir ein Qualitätsentwicklungsgesetz (QEG) ein und lösen das KiTa-Qualitätsgesetz ab. Im Rahmen des QEG wollen wir eine zusätzliche Förderung für Sprach-Kitas und Startchancen-Kitas integrieren.