© Marén Gröschel, Braunschweig
11-12_2026, 56. Jahrgang, S. 46 / / 0 Kommentare
Die dunkle Jahreszeit hat begonnen. In der Kita reiht sich ein winterliches Angebot an das nächste. Backen? Auf jeden Fall. Kommt mir bloß nicht mit den langweiligen Ausstechplätzchen. „Ja, okay, die machen wir natürlich auch noch, Henry.“ Seufz. Ein Singkreis mit Erziehungsberechtigten? Na logo! Und nicht zu vergessen: das winterliche Basteln. Zu dieser Jahreszeit selbstverständlich mit besonders viel Glitzer. Krass, was wir als Kita- Team so alles auf die Beine stellen, findet ihr nicht auch?
Was ich gerade in einer solchen angebotsreichen Zeit beobachte: FOMO. Schon mal gehört? Steht für „Fear of missing out“, also die Angst, etwas zu verpassen. Dieses Gefühl, das einen ganz hibbelig macht und ständig aufs Smartphone schauen lässt. Es existiert nicht nur unter Teenager :innen, die Sorge haben, bei Bens nächster Hausparty zu fehlen, und beginnt bereits im Kindergarten.
In der Backgruppe standen Tannenbaum-, Rentier-, Schneemann- und winterliche Bärenkekse auf dem Programm. (Ich gebe zu, auf Pinterest sahen die irgendwie besser aus.)
Wenige Tage später erkundigte sich Jinans Vater besorgt, warum seine Tochter nicht an der Backgruppe teilgenommen habe. Ich erklärte ihm, dass sie nicht mitgemacht hat, weil sie lieber mit ihrer neuen Freundin Mia spielen wollte. Er reagierte mit Unverständnis. Unbedingt sollte ich Jinan beim nächsten Mal nachdrücklicher motivieren: „Gerade für die Feinmotorik ist das ja so essenziell!“
Ein paar Tage später: Svenja und ihre Mamas können am großen Singkreis nicht teilnehmen. Seit Langem war ein Besuch bei Oma Anne geplant. Mit merklich – sagen wir – angespannter Stimme bat eine der Mütter am Telefon darum, doch den Singkreis zu verschieben. Man wolle dieses Highlight keinesfalls verpassen, andernfalls müssten sie den Familienbesuch absagen. Da eine Verschiebung organisatorisch nicht möglich war, stand also Oma Anne auf der Abschussliste. Sorry.
Während ich Jinan und Mia beim Spielen beobachtete, fragte ich mich: Warum werden wertvolle Erfahrungen und eine gute Entwicklung daran festgemacht, dass Kinder jedes Angebot wahrnehmen? Kindheit ist per se voller Premieren („guckmalguckmalguckmal“) und Möglichkeiten („uiuiui“). Sie lernen jeden Tag beiläufig, intrinsisch motiviert, ohne äußeren Druck. Es braucht nicht immer ein ausgeklügeltes Angebot.
Während Erwachsene hinter jedem verpassten Angebot bereits Entwicklungslücken fürchten, sitzt Svenja am Ende vielleicht doch glücklich bei Oma Anne. Wahrscheinlich lacht sie sich scheckig darüber, dass sie nicht weiß, wer Chase und Rubble sind.
Übrigens: Jinan hat an jenem Vormittag keineswegs „nichts“ gemacht. Sie hat gespielt. Sie hat verhandelt, Kompromisse geschlossen, gelacht und Beziehungen geknüpft. Ganz ohne vorgefertigtes pädagogisches Setting.
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