Rechte Versuchung

Sonja Angelika Strube: Rechte Versu­chung, Bekenntnisfall für das Christen­tum, Freiburg i. Br. 2024, ISBN 978-3- 451-39789-9, 28,00

Sonja Angelika Strube arbeitet seit vie­len Jahren zu den Verbindungslinien von Rechtsextremismus und christlicher Rechten. Die Anzahl ihrer Publikationen zu diesem Themenfeld ist groß. Nun legt sie mit dem Band „Rechte Versuchung. Bekenntnisfall für das Christentum“ ei­ne weitere Monografie vor, in der die­ses – mit Blick auf die gesellschaftspoliti­sche Großwetterlage – zentrale Themen­feld behandelt wird.

Strubes Buch zeichnet sich durch ei­ne detailreiche und kundige Offenlegung dessen aus, wie die extreme Rechte, vor allem die sogenannte Neue Rechte sich in den vergangenen Jahren entwickelt haben. Es ist weniger ein Theorieband zur extremen Rechten als die kleinschrittige, vor allem diskurs- und akteurszentrier­te Betrachtung eines komplexen Phäno­menbereichs.

Strube nähert sich zunächst dem Gegenstand des Rechtsextremismus an. Dies geschieht in kritischer Einordnung der Inhalte neurechter Texte, aus de­nen ersichtlich wird, welche Strategien rechtsextreme Akteur:innen verfolgen, um in der Breite der Gesellschaft inhalt­lich „anknüpfungsfähig“ zu werden. Die von der Autorin analysierten Kommuni­kationstaktiken des Rechtsextremismus verwenden den gezielten kommunika­tiven Tabubruch, die „Verzahnung“ mit gesellschaftlich „anerkannten Autoritä­ten“ (S. 38), um die Diskussionsfronten zu verunklaren, und die perpetuieren­de, verharmlosende Selbstbeschreibung als „Konservative“. Die politische Nach­ahmung der extremen Rechten, die da­rin bestehe, sich „bekleidungstechnisch wie rhetorisch […] [der jeweiligen] Um­gebung anzupassen“ (S. 36), habe zum rechten Mainstreaming einen erhebli­chen Beitrag geleistet.

Die ersten beiden Kapitel des Bandes beziehen sich auf eine begriffliche An­näherung an die Phänomene des Rechts­extremismus, des Rechtspopulismus und der Neuen Rechten. Letztgenannte pu­blizistisch agierende und pseudo-intel­lektuelle Bewegung der extremen Rech­ten erfährt ausführliche Beachtung, da sie für die in den folgenden Kapiteln beschriebenen diskursiven Verschrän­kungen zwischen Rechtsextremismus und Christentum besonders relevant ist. Strubes Buch, das wird schnell deut­lich, ist dabei nicht nur eine kritische in­haltliche Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus, sondern hat auch ei­nen deutlichen Anwendungsbezug: Die Autorin gibt Handlungsempfehlungen, wie mit Versuchen der Vereinnahmung von rechts umzugehen ist. Sie ermu­tigt zum Widerspruch und warnt vor al­lem vor unkritischen Kooperationen mit Akteur:innen des Rechtsextremismus.

Für Strube ist – das wird nachvoll­ziehbar anhand historischer Etappen re­konstruiert – der rechte Anti-Genderis­mus ein, wenn nicht das Themenfeld, in dem die größte Schnittmenge zwi­schen Rechtsextremismus und christ­licher Rechten besteht. Strube rekapi­tuliert anti-feministische Aussagen der ehemaligen ARD-Nachrichtensprecherin Eva Herman aus dem Jahr 2006, die Stru­be zufolge den „Beginn der großange­legten kampagnenartigen Hinwendung der Extremen Rechten zu Themen des Fa­milien- und Lebensschutzes“ (S. 75) dar­stellen. Anschließend zeichnet sie nach, wie in den Folgejahren in rechten Pub­likationsorganen und durch öffentliche Demonstrationen der Schulterschluss zwischen extrem rechten Akteur:innen und Christ:innen gesucht wurde. Sei es bei den sogenannten „Demonstrationen für alle“, in Online-Petitionen („Kein Bil­dungsplan unter der Ideologie des Re­genbogens“) oder in der sogenannten Lebensschutzbewegung: Die vergange­nen 15 Jahre sind laut Strube davon ge­prägt, dass der Anti-Genderismus und die LGBTQIA+-Feindschaft zur großen Kontaktfläche zwischen rechtsextremer Ideologie und christlich-bürgerlichem Denken wurden. Strube gelingt es da­bei offenzulegen, welches breite Spek­trum an politischen Einstellungen sich mit dem Anti-Genderismus verbindet. Nicht alle Positionen sind dabei als ex­trem rechts zu markieren, aber die An­knüpfungspunkte zur Ideologie der Un­gleichwertigkeit, die für Strube Erken­nungszeichen der extremen Rechten ist, werden deutlich.

Der Anti-Genderismus wird auch in den folgenden Kapiteln aufgegriffen, in denen Strube auf Pseudo-Theologien aus dem Spektrum der Neuen Rechten und auf rechtskatholische Protagonist:innen eingeht. Rechtsextreme, die identitär-theologisch arbeiten, und Christ:innen, die rechtsextreme Ideologien vertreten, voneinander zu unterscheiden, ist zwar nur schwer möglich. Strube erläutert diese Differenzierung aber mit der Ziel­richtung ihrer jeweiligen Handlungen und publizistischen Arbeiten. Neurech­te Pseudo-Theologie sei Teil eines poli­tischen Projektes, wohingegen rechte Christ:innen (bei Strube werden hier in erster Linie rechtskatholische Christ:innen fokussiert) eine innerkirchliche Agenda verfolgten. Diese Differenzie­rung ist nachvollziehbar, und doch ver­schwimmen die Grenzen beider Sphären bis zur Unkenntlichkeit, da es zu vielfäl­tigen Kooperationen und Überlappun­gen kommt.

Mit Blick auf die „Theologieproduk­tion“ der Neuen Rechten untersucht Strube ausführlich die Hinwendung zu christlichen Topoi. „Das Christentum“ werde seitens der Neuen Rechten ge­nutzt, um sich selbst als konservativ – und damit als nicht-demokratie- oder nicht-menschenrechtsfeindlich – zu tarnen. Für „das Erringen von Diskurs­hoheit und Hegemonie“ (S. 112) würden dafür Publikationen lanciert, die wis­senschaftlichen Anschein erwecken sol­len, im Grunde aber, so Strube, Ausge­burten einer Fake-Wissenschaft seien. Am Beispiel des neurechten Autors und Althistorikers David Engels geht sie auf verschiedene Publikationen und Web­log-Projekte ein, in denen zur kultura­listischen „Wiederherstellung“ Europas auf eine vermeintlich einheitliche Iden­tität des christlichen Abendlandes re­kurriert wird. Seine apokalyptischen Bil­der des gegenwärtigen Zustands Europas mündeten in die Fantasie, dass eine vor­moderne christliche Gesellschaft mit ei­nem starken Stellenwert der verfassten christlichen Kirchen wiederbelebt wer­den könne. Konkret beschwöre Engels in seinem Werk „Was tun?“, in dem Strube verfassungsfeindliche Tendenzen identi­fiziert, einen Kampf gegen die Demokra­tie herauf (vgl. S. 120 f.). Die identitären Konzepte, wie sie nicht nur von Engels propagiert werden, hätten, wie Strube darlegt, eine besondere Affinität zum rö­misch-katholischen Christentum, wofür die Anknüpfung an die „Pianische Epo­che“ (S. 129) festgestellt werden könne. Mit der „Pianischen Epoche“ geht Strube auf Linien der katholischen Tradition ein, die sich durch eine ausgeprägte Moder­ne- und Liberalismusfeindlichkeit aus­zeichnen. Die in dieser Phase (zwischen 1850 und dem Zweiten Vatikanum) ent­wickelten Topoi hätten in der Gegenwart für neurechte Publikationen besonderen Reiz: Die päpstliche Verwerfung der Mo­derne im Syllabus errorum (1864) oder eine fehlgedeutete Lesart der katholi­schen Soziallehre Ende des 19. Jahrhun­derts seien ebenso ein offener Stein­bruch für neurechte Autoren wie zemen­tierte „christliche“ Geschlechterbilder, die mit Zweckbestimmungen versehen und naturrechtlich hergeleitet würden. Dem Verweis auf das Christentum für die rechte Konstruktion eines „Feindbildes Modernismus“ (S. 137) könne nur dann die Kraft genommen werden, so Strubes Appell, wenn sich die Katholische Kirche heute erneut mit aller Deutlichkeit von bestimmten Lehren distanziere (wie dies bereits auf dem Zweiten Vatikanum ge­schehen sei); Lehren, die sich „im Laufe der Geschichte immer wieder als korrek­turbedürftig erwiesen haben und erwei­sen werden“ (S. 167).

Dies hätte auch Konsequenzen für rechtskatholische Aktivist:innen, die ei­nen engen Schulterschluss mit der ex­tremen Rechten suchten. Strube blickt in diesem Zusammenhang auf die Grup­pierung Gesellschaft für Tradition, Fa­milie und Privateigentum (TFP), die vom brasilianischen Politiker und Publizis­ten Plinio Corrêa de Oliveira (1908– 1995) gegründet wurde und mittlerwei­le auch einen deutschen Ableger hat, der, so Strube, von einigen adeligen Kreisen unterstützt werde. Die Akteure der TFP, die ebenfalls eine polemische Abneigung der LGBTQIA+-Bewegung kennzeichnet, verstünden sich als katholisch Glaubende („nach altem Ritus“) und hätten ein Netz zwischen erzkonservativen katholischen Gruppen, Vertretern der Neuen Rechten und der AfD gespannt.

Der insgesamt tiefgründige Einblick in die rechtsextreme und rechtschristli­che Szene, den Strubes Buch bietet, lässt wechselseitige Verbindungen zwischen neurechten Publikationen und akteurs­spezifischen Netzwerkstrukturen sicht­bar werden.

Forderungen an die Kirche(n), die Strube abschließend formuliert, stellen die notwendigen Konsequenzen der in­haltlichen Beschäftigung in den voran­gegangenen Kapiteln dar. Strube „ermu­tigt zu ebenso differenziertem wie kla­rem Widerspruch“ (S. 171), denn je nach Akteursgruppe brauche es eigene Ant­worten. Strube blickt also nicht nur auf die neurechte und rechtschristliche An­gebotsseite, sondern fokussiert auch die Nachfrageseite: Mit Sympathisant:innen und Wähler:innen bräuchte es die Mög­lichkeiten zum Austausch über je eigene Erfahrungen, aber auch den beherzten Widerspruch ihnen gegenüber – gerade aus einer „dezidiert christlichen Verant­wortung“ heraus (S. 175). Die Aufforde­rung zum Widerspruch reflektiert Strube insbesondere in Referenz auf sozialpsy­chologische Einsichten der Vorurteilsfor­schung. Daran anknüpfend wird auch das Potenzial der Kirche(n) sichtbar: Dort, wo interkulturelle Kontakte gepflegt wür­den, wo Menschen Empathiefähigkeit erlernen könnten und in Kontakt mit „legitimierenden Mythen“ (S. 203) zur Menschenfreundlichkeit kämen, könn­ten Vorurteile abgebaut werden. All dies dekliniert Strube gewinnbringend für die unterschiedlichen Bereiche des pastora­len bzw. gemeindlichen Handelns durch.

Der Band bietet also nicht nur einen Überblick über die verschiedenen poli­tisch-religiösen Phänomenbereiche in der Schnittfläche von Rechtsextremis­mus und Christentum, sondern blickt auch ganz konkret auf das kirchliche Handeln. Strube ist eine profunde Ken­nerin der Szene(n) – dem wird der Le­sende auf jeder Seite gewahr. An einigen Stellen wäre eine ausführlichere Bearbei­tung der Quellen ein Gewinn gewesen. Damit wäre der interessierten Leserin ein noch besseres Bild von den Abgründen der rechtsextremen bzw. rechtschristli­chen Ideologieproduktion geboten wor­den. Ein weiterer Punkt ist im Feld der theologisch informierten Rechtsextre­mismusforschung, die Strube wie keine Zweite vorangebracht hat, von beson­derer Relevanz: Es braucht die intensi­vierte Auseinandersetzung mit den Dis­kursen und den entsprechenden Quellen des Rechtsextremismus, um dessen Ge­waltaffinität und Menschenfeindlichkeit deutlich kenntlich zu machen. Auf die­ser Basis kann dann gefragt werden, wie mit einer menschenfreundlichen Theo­logie auf das Erstarken des Rechtsextre­mismus reagiert werden kann. Für all das hat Strube in ihrem Buch viele Vorschlä­ge unterbreitet, die allen Kirchengemein­den sehr ans Herz gelegt seien.

Hans-Ulrich Probst, Tübingen