Philosophie der Migration

Di Cesare, Donatella: Philosophie der Mi­gration. Aus dem Italienischen von Da­niel Creutz, Berlin: Matthes & Seitz 2021, 343 S., ISBN 978-3-7518-0317-5

2017 legte die bekannte Gadamer-Schü­lerin Donatella Di Cesare(= DdC) ihr Buch Stanieri residenti. Una filosofia della mi­grazione vor. In der deutschen Überset­zung ist das Stanieri residenti – „Ansäs­sige Fremde“ nicht in den Titel übernom­men worden. Das ist insofern bedauerlich, als dass damit die Kernfigur des gesamten Gedankenganges nicht mehr sichtbar ist. Denn DdC vertritt die Auffassung, „dass wir im planetarischen Exil der Globali­sierung allesamt ansässige Fremde sind“ (306). Wie die Fremdheit in der Ansässig­keit zu denken ist, ist die Kernfrage ihres Buches um von dort ausgehend ein an­deres Verständnis von Staatlichkeit ange­sichts globaler Migration zu entwickeln und für ein „jus migrandi“ (8) zu plädie­ren.

Dabei ist DdCs Anliegen im Diskurs­feld um „Gastfreundschaft“ oder Hos­pitalität zu situieren. Dieser durch das Denken Jacques Derridas provozierte Diskursstrang versucht das besonders in­nerhalb der phänomenologischen Philo­sophie entwickelte Alteritätsdenken, das den Anderen als Anderen in den Blick zu bringen sucht, in eine konkrete Kul­tur und Politik zu übersetzen. Geistiger Vorläufer dieses Diskursfeldes ist dabei Kant, der in seiner berühmten Schrift „Zum ewigen Frieden“ ein allgemeines Recht auf Hospitalität postulierte: kei­nem Menschen könne verwehrt wer­den, einen Ort auf dieser Welt zu betre­ten. Wohl nicht zufällig sind neben Der­rida mit Hannah Arendt und Emmanuel Lévinas vor allen jüdische Denkerinnen bzw. Denker wichtige Referenzpunkte dieses Diskursfeldes. Einerseits ist gerade ihr Denken von der Vertreibung bis hin zur Vernichtung und der „Ortlosigkeit“ des Judentums im 20. Jahrhundert ge­prägt. Andererseits, wie DdC selber deut­lich macht, ist diese Ortlosigkeit auch Teil der reflexen Identität des Judentums, das sich auf den Migranten Abraham beruft, sich durch einen Exodus aus der Frem­de sowie Erfahrungen des Exils in seiner Identität konstituiert und zudem immer deutlich macht, dass Gott allein die Erde gehöre, sodass Menschen nicht darüber entscheiden dürften, wer sich wo nieder­lässt (vgl. etwa 226–230). Kant, Arendt, Lévinas und besonders Derrida sind da­her nicht von ungefähr wichtige Bezugs­größen für DdCs Versuch, die „Atopizi­tät“, die Ortlosigkeit und damit wesent­liche Fremdheit und Selbstentzogenheit der menschlichen Existenz zu denken. Genau dies steht im Blick, wenn sie von „Ansässigen Fremden“ spricht.

Mit „Ansässige Fremde“ ist auch das philosophisch zentrale dritte Kapitel überschrieben, in der DdC, inspiriert von Martin Heidegger, ihre „Phänomenolo­gie des Wohnens entwickelt“. Dem vor­an geht in den ersten zwei Kapiteln ei­ne Gegenwartsdiagnose. Das Buch wird allerdings durch einen thesenhaften Ab­riss seines Gedankengangs eingeleitet, der mit „Kurz und bündig“ überschrieben ist. Da die Gedankenführung in „Philo­sophie der Migration“ (= PM) nicht im­mer ganz linear zu sein scheint, ist diese kurze Zusammenfassung eine hilfreiche Orientierung.

Das erste Kapitel „Die Migranten und der Staat“ verdeutlicht, inwiefern Migra­tion und ein „jus migrandi“ überhaupt zu einem Problem für das Denken werden können und inwiefern Migration verlangt, ein neues Verständnis von Staatlichkeit zu entwickeln. Der Staat – als National­staat – wird vor allen Dingen als Bindung an einen Ort gedacht, der Eigentum der Auchthonen sei, die souverän über die­sen Raum verfügen könnten. Der Staat erwachse so gleichsam aus „Blut und Bo­den“ (7). „Migration ist demgegenüber als einzudämmende Abnormität, als zu be­seitigende Anomalie anzusehen“ (7). Als solche „demaskieren“ (vgl. 17) Migranten aber ein solches „natürliches“ Staatsver­ständnis, denn: „Allein durch seine Exis­tenz verstößt er [i. e.: der Migrant, S. G.] gegen das fundamentale Prinzip, auf dem der Staat errichtet wurde: Er unter­gräbt den prekären Zusammenhang zwi­schen Nation, Boden und dem Monopol staatlicher Macht, welcher der gesam­ten Weltordnung zugrunde liegt. Der Mi­grant verkörpert die Möglichkeit einer an­ders eingerichteten Welt, er repräsentiert die Deterritorialisierung, den fließenden Übergang, den autonomen Übertritt, die Hybridisierung von Identität.“ (17)

Das verbindet sich bei DdC mit ei­ner Kritik am Liberalismus und Souverä­nismus, der angeblich dazu führe „dem Schiffbruch vom Ufer aus beizuwoh­nen“ (8), da der souveräne Territorial­staat nicht für die als Fremde, nicht-zu­gehörig zu identifizierenden Migranten auf dem bodenlosen Meer zuständig sein könnte (vgl. 107–109). Das zweite Kapi­tel mit dem Titel „Ende der Gastfreund­schaft?“ ist dabei eine schonungslo­se – aber auch recht einseitige – Kritik des Umgangs mit Flucht und Migration in Europa. Es zeigt aber schon das ein­gangs angerissene Thema an: Wie kann ein auf Identität abzielendes Denken, das sich auch im Verständnis des Staates an­zeigt, so aufgebrochen werden, dass dem Anderen Gastfreundschaft gewährt wer­den kann, in seiner Fremdheit, die sich mir nicht anzugleichen hat. Ob es des­wegen angemessen ist, alle Formen von Integrationsmaßnahmen gleich als Aus­fluss eines „Vokabular der Herrschaft“ (163) aufzufassen, erscheint dabei aller­dings fraglich.

Zentral für dieses Denken der Gast­freundschaft ist, wie bereits erwähnt, das dritte Kapitel „Ansässige Fremde“. Es geht DdC darum, zu zeigen, dass das Denken, die menschliche Existenz als ganze, durch „Anarchie“ – im Sinn von Ursprungslosig­keit – und Atopizität geprägt ist. Beides eröffnet erst die Möglichkeit zur Offen­heit, zum Gespräch, zur Begegnung mit dem Anderen und damit auch der Ge­meinschaft, die zur polis und damit zur Politik hinführt. Damit verbindet sich na­turgemäß die Frage nach dem Wohnen. Wohnen ist Besitznahme und Eigentum, die Beziehung einer festen Position, „die eigenartige Erfahrung eines Bei-sich- Seins […] – Bewahrung des Ortes durch das Selbst und Bewahrung des Selbst durch den Ort“ (189) und damit zunächst eine Aufhebung der Atopizität. Diese Ver­wurzelung tendiere dazu den „Aufenthalt mit einer dauerhaften Bleibe“ (189) zu verwechseln: „Der Durchgang verlängert sich dann in ein unbestimmtes Zögern hi­nein, in die Anmaßung, sich dem Transi­torischen entziehen zu können […]. In­dem sie eins mit ihrem Aufenthalt wird, wird sie rücksichtslos, erhebt und kehrt sich gegen die anderen.“ (192)

Wohnen, im Sinn von: sich zu positio­nieren, bedeutet aber eigentlich zu migrieren: Nur wer schon unstet und in der Fremde ist, muss sich niederlassen. Der Aufenthalt weist so schon auf den Au­ßer-Ort und damit das Angefragtwerden, das Fragen, das Wieder-Aufbrechen, um sich erneut niederzulassen, um wieder in den Außer-Ort getrieben zu werden. So ist der „Aufenthalt“ keine Sesshaftigkeit, sondern Transition (vgl. 194). Transition aber – und das ist bemerkenswert – die letztlich auf Heimat zielt, die aber „stets woanders [ist], in einem unvordenklichen Anderswo [Herv.d. S. G.]“ (195). Der zen­trale Gedanke von DdCs „Phänomenolo­gie des Wohnens“ ist folglich, dass Woh­nen immer schon Fremde und Exil bedeu­tet: im Versuch eine Position zu beziehen, das Gleiche und Beständige gegen das Fremde und Andere, das es infrage stellt, abzuschirmen und festzuhalten, ist be­reits die Fremdheit eingezeichnet, denn ansonsten gebe es gar keine Notwendig­keit der Niederlassung. Es geht also eher darum, wie man „lernt in der beunruhi­genden Fremde heimzukehren ins Eige­ne“ (196). Das bedeutet aber dann auch konsequent: Wie ist eine Polis möglich, wie ist das Zusammenwohnen mit An­deren möglich, in der die Atopizität und Anarchie nicht aufgelöst werden, son­dern das Offene offengehalten wird, das Gespräch, die Politik möglich bleibt? Das entfaltet sie anhand dreier „Idealtypen“ von Bürgerschaft und Urbanität, die wohl nicht von ungefähr den drei Säulen des Abendlandes entsprechen: Athen – als Typus von Identität durch Blut und Bo­den (vgl. etwa 203), Rom – als Zugehö­rigkeit von Fremden verschiedenen Ur­sprungs durch ein gemeinsamen, von Blut und Boden losgelöstes Recht (211– 216) und Jerusalem, gleichsam als Ideal­typus der Polis, in der die Atopizität und Anarchizität für DdC durch den Typus des ger, des ansässigen Fremden (vgl. 216– 223) am deutlichsten in seine „Struktur“ und seine Bürgerschaf integriert ist und damit das deutliche Gegenbild zu Athen zu sein scheint. Dadurch dass der Fremde in seiner Fremdheit integraler Bestand­teil der Stadt ist, lässt sich sagen: „Die Gemeinschaft wird unaufhörlich von der Fremdheit auf die Probe gestellt, als ob sich auf dem Grund des Selbst stets ein Anderer befände.“ (225)

Im sich daran anschließenden vier­ten und letzten Kapitel „Zusammenwoh­nen im Neuen Jahrtausend“ versucht DdC die philosophisch gewonnenen Einsich­ten mit den in den ersten beiden Kapi­teln herausgearbeiteten Gegenwartspro­blemen zu einem Denken einer Politik der Gastfreundschaft und einer Philosophie der Aufnahme weiterzuentwickeln, wo­bei sie insbesondere mit den eingangs ge­nannten Denkern Emmanuel Lévinas und Jacques Derrida, bei aller erkennbaren Wertschätzung, vergleichsweise hart ins Gericht geht: Beide stünden für ein Den­ken, das Gastfreundschaft zu einer Ges­te des Empfangs mache, die der Einzelne zwar gewähren könne, aber als beständi­ge Überforderung keine politische Option sei. Die Denker der Philosophie der Gast­freundschaft seien somit gleichsam die Verhinderer einer Politik der Gastfreund­schaft (vgl. 260–269).

Auffällig ist dabei, dass gemessen an dieser harschen Kritik, in PM selber nicht recht deutlich wird, was DdC nun eigent­lich konkret unter einer Politik der Gast­freundschaft versteht. Das wird auch im „Nachwort zur deutschen Ausgabe“ nicht klarer, wenngleich sie noch einmal unter­streicht, dass sie den Kampf für ein jus mi­grandi für eine Aufgabe hält, die in der historischen Größenordnung mit dem Kampf für die Abschaffung der Sklave­rei zu vergleichen sei (vgl. 305). Auch wenn PM ein beeindruckendes Plädoyer für Humanität ist und auch wenn DdCs Überlegungen zur „Phänomenologie des Wohnens“ einen avancierten und beden­kenswerten Beitrag für die Philosophie der Gastfreundschaft bilden, so steht doch zu vermuten, dass ihre Kritik gera­de an Derrida und Lévinas genauso ein Symptom für das Fehlen eines für kon­krete politische Fragen tauglichen kriti­schen Maßstabes ist, wie auch ihre sich doch teilweise recht polemisch ausneh­mende Darstellung des „Endes der Gast­freundschaft“. Sie kann nicht unterschei­den zwischen Integration, die – etwa über Sprachvermittlung – gerade Teil der Er­öffnung einer Teilhabe an der gemeinsa­men Welt ist, in der sich Fremde auch in ihrer Andersheit nicht angleichen sollen, sondern eben Teil der gemeinsamen polis werden sollen, und einem entwürdigen­den Identitätsdenken, das Integration nur als Assimilation verstehen kann. Aber nur in letzterem Sinne wäre wohl die Rede von einem „Vokabular der Herrschaft“ ange­bracht. Die feinsinnigen Abwägungen bei Derrida und Lévinas, die darauf zielen, wie Gastfreundschaft konkret möglich wer­den kann, einfach als Element einer Ver­unmöglichung eines politischen Begriffs von Gastfreundschaft abzutun, scheint mir ebenfalls Ausdruck für das Fehlen die­ses kritischen Maßstabs und einem ent­sprechenden Hang zur Schwarz-Weiß- Zeichnung zu sein. Dennoch bleibt PM ein inspirierender und wichtiger Beitrag, um zu verstehen, was Migration bedeutet, auch wenn die sozialethische Konkretion sicher differenzierter und konkreter sein muss als das, was ihr mit einer „Politik der Aufnahme“ vorschwebt.

Stefan Gaßmann, Mönchengladbach