Zunächst erkennt man auf dieser Grafik die kriegerische Geste: Ein junger Mann in antikischer Pose mit dem erhobenen Schwert in seiner Hand, jederzeit bereit zuzuschlagen. Der Kämpfer scheint aber nicht mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen, sondern eher erhöht zu sitzen bzw. zu schweben. In dieser Figurenstudie stellt Michael Triegel den Erzengel Michael, seinen Namenspatron, dar. Als Engel hält sich Michael nicht auf der Erde, sondern in einer himmlischen Sphäre auf. Dennoch ist er unmittelbar mit dem Schicksal der Menschen verbunden, denn in der christlichen Tradition wird er als Kämpfer gegen das Böse und „Seelenwäger“ beim Jüngsten Gericht verstanden. Daher finden sich auch in seiner anderen Hand eine Waagschale und eine Standarte mit der Aufschrift „Quis ut deus“. Im welthistorischen Geschehen wurde die Figur des Erzengels Michael immer wieder bei kriegerischen Auseinandersetzungen als Symbolfigur für die eigene „gerechte Sache“ und gegen das feindliche Lager instrumentalisiert. Diese Deutung will Michael Triegel in seiner Darstellung jedoch vermeiden. Vielmehr legt er hier den Schwerpunkt auf ein ursprüngliches Verständnis der Michaelsfigur als Kämpfer und Anwalt für wichtige christliche Tugenden wie Nächstenliebe und Barmherzigkeit.
Michael Triegel
ist neben Neo Rauch der bekannteste Vertreter der Neuen Leipziger Schule, die sich in ihrer Malerei durch eine figürliche Formensprache und den Einsatz von klassischen künstlerischen Techniken auszeichnet. So ist der 1968 in Erfurt geborene Künstler neben der Anfertigung von großformatigen Altarbildern im altmeisterlichen Stil der Frührenaissance besonders auch durch sein grafisches Werk bekannt geworden. Triegel ließ sich 2014 katholisch taufen, vorher, 2010 und 2013, porträtierte er Papst Benedikt XVI. und machte sich dadurch als zeitgenössischer Künstler einen Namen, der sich intensiv mit christlichen Themen und Motiven auseinandersetzt. 2022 geriet ein Konflikt um die Auftragsarbeit des Triegel-Cranach-Altars für den Westchor des Naumburger Doms medienwirksam in die Öffentlichkeit: Es wurden denkmalpflegerische Bedenken hinsichtlich des Originalstandortes des Altars angemeldet, und der Altar ging auf eine Exilreise in unterschiedliche Diözesanmuseen. Im November 2023 kehrte der Triegel-Cranach-Altar jedoch zurück nach Naumburg und kann dort nun als liturgische Kirchenausstattung bestaunt und erlebt werden.
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