Jandeisek, Isabel: Unternehmensverantwortung in Liefer- und Wertschöpfungsketten. Eine relationale Perspektive, Marburg: Metropolis-Verlag 2022, 359 S., ISBN 978-3-7316-1493-7
Isabel Jandeisek will mit ihrer Dissertation zur Unternehmensverantwortung in Liefer- und Wertschöpfungsketten sowohl einen Beitrag zur Theorieentwicklung als auch zum besseren Verständnis der praktischen Implementierungsmöglichkeiten von Unternehmensverantwortung leisten. Als Ausgangspunkt wählt sie die Diskussion in Deutschland über die Einführung des Gesetzes über die unternehmerischen Sorgfaltspflichten in Lieferketten, das zum Zeitpunkt des Verfassens ihrer Dissertation noch nicht verabschiedet war und die damit zusammenhängende Debatte um freiwillige oder verbindliche Regelungen zur Verantwortung von Unternehmen.
Das Inkrafttreten des Gesetzes in Deutschland am 1. Januar 2023 schmälert in keiner Weise die Bedeutung der vorliegenden Dissertation, da die Debatte nur der Ausgangspunkt für eine umfangreiche Analyse der bestehenden theoretischen Ansätze und der entsprechenden Abgrenzung und Einordnung der Theorie der relationalen Governance einerseits und der praktischen Implikationen aus der Anwendung der Erkenntnisse aus der relationalen Governance andererseits ist. Zudem geht es der Autorin in praktischer Hinsicht nicht nur um den deutschen Kontext, sondern insgesamt darum, festzustellen, wie eine verbesserte Beachtung von Menschenrechten, Umweltaspekten und idealer Weise ein „social upgrading“ in Ländern des globalen Südens durch die Wahrnehmung von Unternehmensverantwortung gelingen kann.
In Kapitel 2 erklärt Jandeisek die historische Entwicklung der Corporate Social Responsibility Forschung. Sie entwickelt in Abgrenzung zur Property-Rights- und Prinzipal-Agent-Theorie und aufbauend auf der Transaktionskosten- und Governanceökonomik sowie der Stakeholder-Theorie das relationale Verständnis der Firma als „Nexus von Stakeholdern, Ressourcen und Verträgen“. Sie definiert mit Wieland: „Die Firma ist ein gesellschaftliches Kooperationsprojekt multipler Stakeholder zur Verwertung ihrer Ressourcen unter der Bedingung von Marktwettbewerb. Sie ist eine vertragliche Ermöglichungsform von organisierter Kooperation.“ (S. 114, Wieland 2009, 282) Dabei sind nicht nur formale, sondern auch informale Verträge gemeint, die zwischen Einheiten eines komplexen transnationalen Unternehmensgeflechts, zwischen dem Unternehmen und seinem Netz aus Zulieferern und zwischen Unternehmen und Gesellschaft bestehen. Setzt man dieses Verständnis der Firma voraus, dann ist eine Steuerung und Koordination vonnöten, die mit dem Begriff der „Governance“ bezeichnet wird. „Governance bezieht sich somit auf die Integration und Interaktion von Strukturen im Hinblick auf die Abwicklung spezifischer wirtschaftlicher Transaktionen.“ (S. 115 unter Bezugnahme auf Wieland 2007, 51)
In Kapitel 3 untersucht Jandeisek das Verhältnis von Governance in komplexen globalen Netzwerkstrukturen und dem zuvor erläuterten CSR Diskurs. Da sowohl intra- als auch interfirm Kooperationen grenzüberschreitend sind, es aber keine global einheitliche politische Governance mit einheitlichen Gesetzen und Regelungen über Ländergrenzen hinweg gibt, sind die Risiken von Verletzungen von Menschenrechten sowie von Sozial- und Umweltstandards hoch. In der Steuerung von Risiken sieht Jandeisek eine Verknüpfung von CSR Diskurs, Compliance Management und Governance von Liefer- und Wertschöpfungsketten. Eine besondere Bedeutung kommt sogenannten „Lead“ Firmen zu. Dies sind multinationale Unternehmen, die effektiv Einfluss auf das gesamte Netz ihrer Liefer- und Wertschöpfungsketten nehmen können. Die Möglichkeiten des Einflusses sind umso größer je mehr die beteiligten Partner auf die Beziehung zur Lead-Firma angewiesen sind und je länger die Beziehungen schon bestehen, je mehr Vertrauen folglich schon aufgebaut wurde.
Diese effektiven Einflussmöglichkeiten von multinationalen Unternehmen auf ihre Liefer- und Wertschöpfungsketten, die in der Vergangenheit oftmals vernachlässigt oder negativ genutzt wurden und die unzureichenden Möglichkeiten vieler Staaten, insbesondere im globalen Süden, die Einhaltung von Menschenrechten sowie Sozial- und Umweltstandards von Unternehmen tatsächlich zu gewährleisten, sind der Grund, warum die Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte der Vereinten Nationen aufgestellt wurden. Diese und deren teilweise Umsetzung in nationales Recht in einigen Industrieländern sowie weitere ähnliche nationale Regelungen untersucht Jandeisek in Kapitel 4. Diese Regeln schreiben Unternehmen vor, Sorgfaltspflichten wahrzunehmen und darüber zu berichten. Im Idealfall könnte dadurch ein Beitrag zur Verhinderung negativer Effekte geleistet werden. Der Autorin geht es aber nicht nur um die Vermeidung von negativen Effekten auf Gesellschaft und Umwelt vor Ort, und auch nicht nur um die Schaffung eines ökonomischen Mehrwerts auf lokaler Ebene, wie ihn die Global Value Chain Literatur sieht, sondern auch um positive wertschöpfungsrelevante Effekte, die zu sozialem „upgrading“ führen. Dazu kann die relationale Governance beitragen. Lead- Firmen sind aufgefordert, geltende globale Menschenrechts-, Arbeits-, Sozial-, Umwelt- und Anti-Korruptionsstandards zu berücksichtigen, „in Multi-Stakeholder- und Brancheninitiativen zu kooperieren und adaptive eigene betriebliche Maßnahmen zu entwickeln“ (S. 309). In relationalen Governancebeziehungen werden „Kontinuität, Polydimensionalität, moralisch geteilte Normen, Reziprozität und Vertrauen, sowie infolgedessen Ressourcen- und Kapazitätsaufbau, Lernprozesse und Innovationsentwicklung forciert“ (S. 310 f. unter Bezugnahme auf Cao/Lumineau 2015).
Das Buch zeichnet sich durch ein sehr hohes theoretisches Niveau aus. Um auch in der Praxis verstärkt rezipiert zu werden, empfiehlt sich eine „Übersetzung“ in eine leichter verständliche Sprache.
Brigitta Herrmann, Köln
Weitere verwendete Literatur:
Cao, Z./Lumineau, F. (2015): Revisiting the interplay between contractual and relational governance: A qualitative and meta-analytic investigation. Journal of Operations Management, 33, 15–42.
Wieland, J. (20075): Die Ethik der Governance, Marburg.
Wieland, J. (2009): Die Firma als Kooperationsprojekt der Gesellschaft, in: Wieland, J. (Hrsg.): CSR als Netzwerkgovernance – Theoretische Herausforderungen und praktische Antworten, Marburg, 257–287.