Sollte Religionsunterricht politisch sein?

Jan-Hendrik Herbst: Die politische Di­mension des Religionsunterrichts. Religi­onspädagogische Reflexionen, interdiszi­plinäre Impulse und praktische Perspek­tiven, Paderborn: Brill/Schöningh 2022, 628 S., ISBN 978-3-506-79548-9

Sollte der Religionsunterricht politisch sein? Der Chatbot „ChatGPT3“, angefragt am 22. September 2023, hat hierzu ei­ne durchaus abwägende Antwort: „Eini­ge argumentieren, dass Religion und Po­litik eng miteinander verbunden sind und dass es wichtig ist, den Schülern ein Ver­ständnis für die Auswirkungen von Re­ligion auf politische Entscheidungen zu vermitteln. Andere hingegen betonen die Trennung von Religion und Politik und argumentieren, dass der Religionsunter­richt sich auf spirituelle und ethische As­pekte konzentrieren sollte. Es ist wichtig, dass diese Frage im Kontext der jeweili­gen Kultur, Gesellschaft und rechtlichen Rahmenbedingungen betrachtet wird.“

Allzu weiterführend ist dies jedoch nicht – und Substantielleres ist aus dem Chatbot nicht herauszubekommen. Denn sind Religion und Politik nun geradezu untrennbar miteinander verknüpft (so wie es z. B. eine perfektionistische, wort­wörtliche Deutung der Bergpredigt nahe­legt)? Oder sind sie es eben nicht (so wie es u. a. die sog. Zwei-Stufen-Ethik, die lu­therische Unterscheidung von Amt und Person oder auch die Systemtheorie Ni­klas Luhmanns vertreten)? Welche Kon­sequenzen ergeben sich dann jeweils für den Religionsunterricht? Und was ist ei­gentlich damit gemeint, dass diese Fra­ge in den o. g. Kontexten reflektiert wer­den sollte?

Wer sich für eine mögliche, evtl. an­zustrebende oder ggf. auch unvermeid­bare politische Dimension des Religions­unterrichts interessiert, ist daher besser beraten, die entsprechende Veröffentli­chung von Jan-Hendrik Herbst heranzu­ziehen. Herbst widmet sich hier auf über 600 Seiten dem Ziel, „die mögliche Pra­xis eines politischen Religionsunterrichts in ihren Chancen und Hürden grund­legend zu durchdringen“ (S. 17). Die­ses anspruchsvolle Vorhaben verfolgen 15 Kapitel in sechs Teilen. Teil A stellt da­bei zunächst u. a. die Fragestellung vor, plausibilisiert sie und erörtert die der Ar­beit zugrundeliegenden wissenschafts­theoretischen Vorannahmen. Es folgt Teil B, in dem u. a. „idealtypische Positionen zur politischen Dimension des Religions­unterrichts“ (S. 77, im Original teils kur­siv) vorgestellt werden: eine sog. Pointiert-politische Position, die eine „of­fensive Parteinahme für eine politische Dimensionierung von Religionspädago­gik und religiöser Bildung“ (S. 82) an­strebt, eine sog. Distanziert-skeptische Position, die einer solchen Dimensionie­rung „ablehnend gegenübersteht“ (S. 95), und schließlich eine auf „Vermittlung“ (S. 114) abzielende sog. Differenziert-di­alektische Position. Die von Herbst fa­vorisierte (s. bereits S. 71–75) erste Po­sition wird dann in Teil C mit Überle­gungen der „gesamtgesellschaftliche[n], kirchlich-theologische[n] und religionspädagogische[n] Reformdekade um 1968“ (S. 213) und in Teil D mit den Ein­sichten und Zugängen weiterer Wissen­schaftsdisziplinen, insbesondere der Po­litikdidaktik, ins Gespräch gebracht. Der­art begegnet werden soll drei – schon in Teil B ausführlich vorgestellten – Heraus­forderungen, die sich in den folgenden Fragen zusammenfassen lassen: „Inwie­fern reproduziert der Religionsunterricht gesellschaftspolitische Herrschaftsver­hältnisse“ (S. 130)? „Inwiefern kann das Politische eine durchgängige Grundper­spektive religiöser Bildung darstellen“ (S. 152)? Und schließlich: „Inwiefern soll­te Religionsunterricht politisch positio­niert und wirksam sein“ (S. 176)? Damit ist dann für Herbst die Basis gegeben, um in Teil E die Überlegungen mit Blick auf die Praxis fortzuschreiben, wobei einer­seits die politische Bedeutung u. a. von Lernzielen, -inhalten und -formen, ande­rerseits exemplarische Fallanalysen in den Fokus geraten. Wie sollte z. B. mit popu­listischen Statements umgegangen wer­den? Was ist hinsichtlich einer Teilnahme an einer Fridays-for-Future-Demonstra­tion oder der Durchführung eines „poli­tischen Schulgottesdienstes“ (S. 464) zu beachten? Und wie gelingt es, Christolo­gie „als politikaffines theologisches The­ma“ (S. 487) zur Sprache zu bringen? Teil F schließt dann die Arbeit u. a. mit einem ausführlichen Resümee.

Mit diesem Durchgang vermag Herbst das weite Feld zwischen den Polen „Re­ligion“ und „Politik“ in religionsdidak­tischer Absicht umfänglich zu durch­schreiten. Er unternimmt dies mit einer beachtlichen historischen Tiefenschär­fe (s. u. a., aber nicht nur Teil C), in hoher Selbstreflexivität (s. u. a., aber nicht nur S. 213) sowie unter Nutzung einer eige­nen, mitunter geradezu wissenschaftspo­etischen Sprache, die auch Termini wie „theologischer Glutkern“ (u. a. S. 44) nicht scheut. Dabei vermag er viele erhellen­de Einsichten vorzulegen, so den Verweis, dass Instrumentalisierungen des Religi­onsunterrichts ja nicht nur z. B. für die Kaiserzeit und den Nationalsozialismus festzuhalten sind (s. S. 131 f.), sondern auch aktuell „kirchliche Vereinnahmungs­praktiken“ (S. 134) bestehen und „öko­nomisch-lobbyistisch[e]“ (ebd.) Einflüsse zumindest zu diskutieren sind. Auch die ausführlich vorgetragenen Überlegungen zur Tatsache, dass der Religionsunterricht „nicht nicht politisch sein“ (S. 130) kann, sondern allenfalls „politisch nai[v] und bewusstlo[s]“ (ebd., im Original kursiv), sind weiterführend. Positiv sei auch noch vermerkt, dass Herbst sowohl katholi­sche wie evangelische religionspädago­gische Literatur heranzieht und virtuos miteinander verknüpft. Die Fülle der an­gesprochenen Themen sowie der in den Blick genommenen Personen und Titel ist dabei so groß, dass die Publikation enzyk­lopädische Charakteristika aufweist. Ent­sprechend wäre auch ein Sach- und/oder Personenregister hilfreich (und evtl. ja auch in einer zweiten Auflage umsetzbar).

Von hier aus sei allerdings auch ei­ne Anfrage formuliert. Denn ist es ei­gentlich ‚mehr oder weniger automa­tisch so‘ – so der Eindruck nach der Lek­türe –, dass zwischen evangelischem und katholischem (und ja evtl. auch is­lamischem) Religionsunterricht bzgl. ei­ner politischen Dimension keine Dif­ferenzen existieren (sollten)? Damit verknüpft ist der Umstand, dass die nor­mative Grundlage der Überlegungen ‚un­terhalb‘ konfessioneller Differenzen und insgesamt unscharf bleibt – seien es die „Grundsätz[e] der Religionsgemeinschaf­ten“ (S. 182) oder „Glaube, Liebe und Hoffnung“ (S. 183), sei es „die kritisch-transformative Tradition biblischer Pro­phetie“ (ebd.) oder insgesamt die „bib­lisch-christliche Tradition“ (S. 198). Hier wäre, ggf. verbunden mit exegetischen und systematisch-theologischen Über­legungen, mehr Klarheit wünschens­wert. Etwas überspitzt formuliert: Wel­che im Deutschen Bundestag vertretene Partei entspricht eigentlich am ehes­ten der Position von „Glaube, Liebe und Hoffnung“? Und wer sollte vor dem Hin­tergrund der „kritisch-transformative[n] Tradition biblischer Prophetie“ bevorzugt gewählt werden – CDU oder SPD, FDP oder LINKE, GRÜNE oder AFD? Oder wä­re eine eigene Partei zu wünschen? Wenn eine „offensive Parteinahme für eine po­litische Dimensionierung von Religions­pädagogik und religiöser Bildung“ (noch­mals S. 82) angestrebt wird, dann wäre es sicher hilfreich, wenn hier noch schärfer argumentiert würde. Das protestantische sola scriptura wie auch das tridentini­sche et scriptura et traditio ermöglichen durchaus eine konkretere, substantielle­re Positionierung (welche z. B. in Teil E dann auch durchaus exemplarisch ein­gelöst wird, s. u. a. S. 459 bzgl. des The­mas „Nachhaltigkeit“).

Dem Lektüregewinn vermag das frei­lich keinen Abbruch zu tun. Nochmals zurück zu „ChatGPT3“: Der Chatbot lei­tete seine o. g. Antwort mit dem Hinweis ein, dass er als „AI-Assistent […] kei­ne persönlichen Meinungen oder Über­zeugungen“ habe. Ähnliche Neutrali­tätsbekenntnisse sind auch häufig von Lehrer:innen (und vielen weiteren Men­schen) zu hören: „Politisch bin ich ja ganz neutral – und mein Unterricht ist es auch!“ Wer das Werk von Herbst zur poli­tischen Dimension des Religionsunter­richts gelesen hat, weiß, dass ein solch Archimedischer Punkt nicht existiert, und schon gar nicht im Bereich von Reli­gion und Politik. Wichtig ist es daher, die eigenen Vorannahmen offenzulegen, zur Diskussion zu stellen sowie auch andere Positionen bestmöglich abzubilden – um dann auf dieser Basis z. B. auf „kritische Selbstvergewisserung“ (S. 75) hinzuar­beiten. All dies ist in der Arbeit von Jan- Hendrik Herbst in beeindruckender Wei­se gelungen. Ob „ChatGPT3“ nun daraus lernen wird, bleibt abzuwarten.

Thomas Heller, Jena