„Schöne alte Welt“, so könnte sie einigen anmuten – mit einem verklärten Blick zurück auf eine Welt, die noch geordnet schien, aufgeteilt in Ost und West, Nord und Süd, berechenbar und beherrschbar, jedenfalls aus europäisch-US-amerikanischer Perspektive. Entlang dieser Sichtachse war ein dominanter Westen zu erkennen, zusammengeschlossen im G7-Format, der der übrigen Welt (hoch-)technologisierte Industriegüter verkaufte und im Gegenzug Rohstoffe bezog. Doch schon 1999 wurde der elitäre Kreis um die wichtigsten Schwellenländer zur Gruppe der 20 erweitert, dem nunmehr wichtigsten internationalen Forum zur Regelung von Fragen der globalen Finanz- und Wirtschaftsordnung. Mittlerweile ist die „regelbasierte Weltordnung“ auf dem Grund einer westlich-gefärbten Werteordnung zunehmend in Misskredit geraten.
Denn während der vorwiegend demokratische Westen sich immer noch für den Nabel der Welt hält, entfalten vor allem die Staaten Asiens ein neues Selbstbewusstsein. Westliche Werte wie Demokratie, Freiheit oder Nachhaltigkeit werden dabei nicht zwangsläufig prioritär behandelt. Nach Jahrhunderten europäischer Wertedominanz möchte man auch in anderen Teilen der Welt vor allem wirtschaftlich vorankommen und sich auf die je eigene Geschichte und Kultur besinnen. Denn der Verdacht liegt nahe, dass sich hinter der Forderung des Westens nach Einhaltung sozialer, humanitärer und ökologischer Standards oft handfeste protektionistische Wirtschaftsinteressen verbergen. Ein Beleg sind die über zwanzig Jahre dauernden Verhandlungen über ein Assoziierungsabkommen zwischen der Europäischen Union und den Staaten des MERCOSUR – Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay –, das auch zuletzt wieder auf Eis gelegt worden ist.
Das Ende westlicher Dominanz erscheint vielen Ländern des Globalen Südens mehr und mehr als eine (nicht nur) ökonomische Notwendigkeit. Das zeichnete sich in den Reaktionen auf den Krieg in der Ukraine und die vom Westen eingeforderte Solidarität ab; das verraten auch die selbstbewusst-emanzipatorischen Erweiterungspläne der BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika), ihr Bemühen um alternative Zahlungssysteme (ohne das US-dominierte SWIFT und ohne die Verwendung von US-Dollars) wie auch die Gründung von außerhalb der westlichen Einflusssphäre agierenden Entwicklungsbanken. Wie sehr sich der Globale Süden vom Westen bevormundet fühlt, bringt die vielfach kolportierte Bemerkung eines Teilnehmers auf der Frühjahrstagung von IWF und Weltbank (April 2023) auf den Punkt: „Von China bekommen wir einen Flughafen, von den USA Belehrungen.“
Auch der Westen mit seinen hehren, aber oft hohlen Wertvorstellungen muss zur Kenntnis nehmen, dass unser Jahrzehnt von wirtschaftlichen und geostrategischen Machtverschiebungen geprägt ist. Mit China und Indien entstehen neue Machtzentren. Aus dem Dualismus zwischen West und Ost ist eine deutlich komplexere, multipolare Weltordnung geworden, was den indischen Historiker und Publizisten Pankaj Mishra zu der Feststellung veranlasst: „Das Ende des Kalten Kriegs und der Zusammenbruch der Machtblöcke haben mitnichten dazu beigetragen, den Triumph des kapitalistischen Wirtschaftsliberalismus und der Demokratie zu bestätigen, sondern vielmehr eine Periode widersprüchlicher Loyalitäten und konfuser Verwicklungen eingeleitet.“
Man mag aus europäischer Sicht diese Entwicklung beklagen, aber es wäre das Gebot der Stunde, dem Desiderat einer „Weltgemeinschaft“ endlich ernsthaft Geltung zu verschaffen, zumal die Menschheit insgesamt vor der Aufgabe steht, die Erderwärmung mit den immensen Folgeschäden zumindest abzumildern. Vor diesem Hintergrund sind Industrie- wie Schwellen-und Entwicklungsländer aufgerufen, nationale Interessen zurückzustellen, für einen fairen wirtschaftspolitischen Interessenausgleich zu sorgen „und mit globalen Mechanismen“, wie Papst Franziskus in seinem sozialökologischen Brandbrief schreibt, „auf ökologische, gesundheitliche, kulturelle und soziale Herausforderungen zu reagieren, insbesondere um die Achtung der elementaren Menschenrechte, der sozialen Rechte und der Sorge um das gemeinsame Haus zu festigen“ (Laudate Deum 42). Es braucht vereinte Kräfte, die sich mit Macht für eine „ganzheitliche menschliche Entwicklung“ einsetzen und dazu beitragen, in einer multipolaren Welt „universale und effiziente Regeln aufzustellen, die diesen weltweiten Schutz gewährleisten“ (ebd.). Die in diesem Heft vorgelegten Überlegungen mögen in diesem Sinn zu einer „Neuvermessung der Welt“ inspirieren.