Titelseite Amosinternational 4/2023

Heft 4/2023Globale Märkte und Abhängigkeiten

Inhalt

Durch globale Märkte ist die Weltgemeinschaft auf vielfältige Weise schicksalhaft miteinander verwoben. In den Beiträgen geht es um Chancen der Klimapolitik, eine theologische Reflexion der Wirtschaft, grenzüberschreitende Care-Arbeit, Private Equity und Welternährung.

Über diese Ausgabe

Editorial

Schwerpunktthema

  • Gratis S. 7

    Chancen der Klimapolitik in Zeiten geopolitischer Spannungen

    Die Globalisierung hat die Verzahnung der Volkswirtschaften erhöht und Wohlstandsgewinne durch Handel geschaffen. Allerdings erwachsen daraus zunehmend Möglichkeiten, wirtschaftliche Verflechtungen als Druckmittel für die Durchsetzung strategischer Ziele zu nutzen. Für die Klimapolitik bedeutet das einen Drahtseilakt: Sie braucht internationale Kooperation, muss aber zunehmend geopolitische Konflikte handhaben. Wie sie durch geschickte Strukturierung von Handelsbeziehungen global effektiver werden kann, dafür liefert dieser Artikel ein konzeptionelles Rahmenwerk. Dabei ist ein wichtiger Aspekt: Die Klimapolitik reduziert die Einnahmen aus dem Verkauf von Öl und Gas, die ein bedeutender Faktor zur Stabilisierung autokratischer Regime sind. Die demokratischen Staaten sollten sich der geopolitischen Dimension ihrer klimapolitischen Ambitionen bewusst sein und Strategien gegenüber autokratischen Regimen entwickeln.

  • Gratis S. 17

    Private Equity als Motor der Finanzialisierung – auch im GesundheitsbereichEine wirtschaftsethische Analyse

    Bei der Finanzialisierung der Realwirtschaft geht es um den Bedeutungszuwachs von Eigentümer:innen, die auf schnelle Renditesteigerungen drängen, um die Ausbreitung von Leitideen der Unternehmensführung, bei denen u. a. durch höhere Verschuldung und strikte Vorgaben an die Abteilungen Gewinne gesteigert werden, und um Gesetzesreformen zugunsten von Minderheitsaktionär:innen. Im Sinne der ersten beiden Phänomene ist Private Equity (PE) auch in Deutschland ein wichtiger Motor der Finanzialisierung, der aber bisher politisch und wirtschaftsethisch zu wenig debattiert wird. Dabei greifen die häufig international agierenden PE-Investoren, wenn sie etablierte Unternehmen als ganze übernehmen (Leveraged Buy Outs), tief in deren Strukturen ein: in die Organisation der Wertschöpfung, den Vermögensbestand, die Finanzierungsstruktur und die Unternehmenskultur. Die global agierenden PE-Gesellschaften, die den Kauf der Unternehmen, deren Transformation und deren Weiterverkauf steuern, sind an den Ausgaben für diese Transaktionen nur mit einem geringen Eigenkapitalanteil beteiligt, tragen also nur ein geringes Haftungsrisiko – bei gleichzeitiger Aussicht auf hohe Gewinne. Für die Mitarbeiter:innen jedoch ist eine neue, häufig problematische Abhängigkeit von einem globalen Markt, dem Markt für PE-Investitionen, entstanden. Das gleiche gilt auch für die Kund:innen der von den PE-Investor:innen aufgekauften Gesellschaften – seit einigen Jahren vermehrt Anbieter von Gesundheitsdienstleistungen.

  • Plus S. 25

    Grenzüberschreitende Sorgemärkte, globale Betreuungsketten und transnationale Formen von Mutterschaft

    Galten mittel- und osteuropäische Arbeitsmigrantinnen und -migranten nach dem Fall des ‚Eisernen Vorhangs‘ über viele Jahre als Migrationsgewinner und – wegen der Rücküberweisungen – als anerkannte Zugpferde der wirtschaftlichen Konsolidierung in den Herkunftsländern, änderte sich die öffentliche Wahrnehmung mit der Skandalisierung von Care-Lücken und dem Etikett der „Eurowaisen“ radikal. Statt Geschlechterstereotype aufzubrechen, Väter in die Pflicht zu nehmen und neue Betreuungsarrangements zu etablieren, revitalisierte man überkommene Rollenzuschreibungen. ‚Zurückgelassene Kinder‘ und deren Mütter, die sie angeblich im Stich gelassen hätten, wurden ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Damit wurde die Normalisierung transnationaler Mutterschaft vorerst erschwert. Diesen medialen und politischen Stigmatisierungen geht der Beitrag auf den Grund, indem er Ergebnisse einer umfassenden Medienanalyse in Polen und der Ukraine einordnet. Im Fokus stehen dabei weibliche Arbeitsmigrantinnen in der grenzüberschreitenden Care-Arbeit, die seit Jahrzehnten wechselseitige Abhängigkeiten von Herkunfts- und Aufnahmeländern erzeugt.

  • Plus S. 35

    „Diese Wirtschaft tötet.“ Eine theologische Reflexion aus Brasilien

    Papst Franziskus hat vor genau zehn Jahren mit seiner Aussage „Diese Wirtschaft tötet“ im Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium viele Gemüter erhitzt. Der Papst mische sich in wirtschaftliche Angelegenheiten ein und versteige sich zu pauschalen wertenden Aussagen, die nicht in seinen Kompetenzbereich fielen, so eine Linie im breiten Meinungsspektrum. Wie darf sich die Kirche als Global Player – angesichts globaler Märkte und Abhängigkeiten – zu wirtschaftlichen Fragen positionieren? Wie ausdifferenziert sind Glauben(shandeln) und wirtschaftliches Handeln und ihre jeweiligen Bezugswissenschaften? Haben sie sich wechselseitig überhaupt noch etwas zu sagen? Francisco de Aquino Júnior, eine theologische Stimme aus Brasilien, befasst sich in seinem Beitrag mit dem spannungsreichen Verhältnis von Glauben und Wirtschaft, von Theologie und Ökonomik und den präskriptiven Positionen, die die sozialen Rundschreiben der Päpste und andere kirchliche Dokumente mit großer Kontinuität durchziehen.

Arts & ethics

  • Gratis S. 28

    „tired earth“

    „tired earth“

    Sinilga Lastivka: „tired earth“, 2023

Interview

  • Gratis S. 45

    „Nur durch Stärkung lokaler Systeme können globale Krisen überwunden werden“Interview mit Sarah Schneider von Misereor zum Thema Welternährung

    Globale Märkte beruhen auf und reproduzieren Abhängigkeiten. Geopolitische Konflikte gefährden die Ernährungssicherheit ganzer Länder, wie jüngst an den Auswirkungen des Russland-Ukraine-Kriegs auf die Getreideexporte der beiden Länder deutlich wurde. Wie lässt sich das Menschenrecht auf Nahrung generell durchsetzen? Claudia Schwarz spricht mit Sarah Schneider vom katholischen Hilfswerk Misereor darüber, welche Ursachen Hungersnöte haben, wie Lebensmittelverschwendung gestoppt werden kann, warum es eine agrarökologische Wende braucht und wie Geschlechtergerechtigkeit im Ernährungssystem gefördert werden kann.

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