Rosa, Hartmut: Demokratie braucht Religion. Über ein eigentümliches Resonanzverhältnis. Mit einem Vorwort von Gregor Gysi, München: Kösel-Verlag 2022, 75 S., ISBN 978-3-466-37303-1
Wie kommt es, dass ein kleines Büchlein mit einem nicht besonders aufregenden Titel monatelang auf den Bestsellerlisten steht? Liegt es daran, dass die Aussage ‚Demokratie braucht Religion‘ so viel spontane Zustimmung im Lesepublikum findet? Oder liegt es umgekehrt daran, dass diese These heute so befremdlich ist, dass sie gerade deshalb auf eine hohe Leserschaft trifft? Oder liegt es am Autor? Schließlich ist Hartmut Rosa, der praktizierende Protestant, einer der erfolgreichsten Gegenwartssoziologen der Bundesrepublik. Oder liegt es an Gregor Gysi, dem Verfasser des Vorwortes, der in Sachen öffentlicher Bekanntheit noch deutlich vor Hartmut Rosa liegt? Wie auch immer: Das Büchlein wartet jedenfalls mit der klaren Botschaft auf, dass die heutige Gesellschaft dringend der Kirchen bedarf; eine Botschaft, die bei vielen Gläubigen wie Balsam für die Seele wirken dürfte.
Der eigentliche Text besteht aus einem Vortrag mit dem Titel ‚Rasender Stillstand?‘, den Rosa beim Würzburger Diözesanempfang 2022 – pandemiebedingt nur online – gehalten hat und dessen mündliche Form beigehalten wurde (17–75). Das knappe Vorwort (9–16) stellt kaum inhaltliche Bezüge zum Text von Rosa her. Stattdessen präsentiert der bekennende Atheist Gysi ein weiteres Mal seine Überzeugung, dass „eben zur Zeit nur die Religionen wirklich in der Lage (seien), grundlegende Moral-und Wertvorstellungen allgemeinverbindlich in der Gesellschaft prägen zu können“ (14). So komme man nicht umhin anzuerkennen, dass es gerade die Kirchen und ihre Mitglieder seien, die „Moral- und Wertvorstellungen wie die Achtung der Menschenwürde, Solidarität, Barmherzigkeit durch ihr tägliches Tun leben und vermitteln und im besten Sinne zum Gemeingut machen“ (15). Allerdings: Wenn für diese Werte in einer zunehmend säkularen Gesellschaft wirklich ‚nur‘ die Religionen und die Kirchen einstehen – und niemand sonst, dann gnade uns Gott. Gott sei Dank gibt es aber breite empirische Belege dafür, dass auch religionslose Menschen und Milieus hohe moralische Sensibilitäten und eine nachhaltige Praxis der Achtung der Menschenwürde, der Nächstenliebe und des Engagements für die Armen und Schwachen ausprägen. Gregor Gysi selbst wäre hier als ein Beispiel zu nennen – neben vielen anderen.
Bei Hartmut Rosa geht es um sein bekanntes Konzept der Resonanz. Er beschreibt die Notwendigkeit, aber auch die zunehmenden Schwierigkeiten von Resonanzen und Resonanzerfahrungen in den Gegenwartsgesellschaften des ‚Rasenden Stillstands‘. Aus sozialstrukturellen Zwängen heraus sei die moderne Gesellschaft genötigt, „sich permanent zu steigern, zu beschleunigen, sich voranzutreiben“ (22); eine irrationale Systemlogik, die „systematisch ein Aggressionsverhältnis zur Welt“ stifte (41): „Wir müssen jedes Jahr schneller laufen, um nicht in den Abgrund, der hinter uns immer schneller, immer näher kommt – nicht zuletzt durch die Klimakrise –, abzustürzen.“ (52 f.) Dabei habe die Gesellschaft längst „den Sinn der Vorwärtsbewegung“(22) verloren, die individuell wie kollektiv, ökologisch wie ökonomisch, sozial wie kulturell einen enorm hohen Preis erfordere. Sie suche heute „verzweifelt nach einer alternativen Form der Weltbeziehung, des In-der- Welt-Seins“ (27); eine Form, die Rosa auf den Begriff der Resonanz bringt. Resonanz habe vier bestimmende Elemente: eine nicht nur kognitive, sondern auch emotionale Affizierung durch etwas neu Erfahrenes; eine aktive und bewusste Selbstwirksamkeit des Antwortens auf dieses Neue, d. h. ein „Sich-Öffnen und Etwas-daraus Machen“ (62); die daraus folgende Transformation, in der man „in eine andere Stimmung und auf andere Gedanken“ (62) komme; und schließlich die Unverfügbarkeit: Man kann die Resonanzerfahrung „nicht herstellen, kaufen oder erzwingen“ (64).
Über ein besonderes Reservoir für gelingende Resonanzerfahrungen als einer nicht auf Herrschaft, Wachstum und Beschleunigung zielenden Weltbeziehung verfügt Rosa zufolge etwa die Musik, aber auch die Religion. Schon als Kind sei er neidisch auf seine katholischen Altersgenossen gewesen, die ein Kreuzzeichen machen oder die Fingerspitzen ins Weihwasser tauchen – und damit eine spezifische Resonanzverbindung „zur Welt und zu einer anderen Welt“ herstellen (69). Aber nicht nur die Frömmigkeitsformen des Katholizismus, sondern auch esoterische religiöse Praktiken stiften für Rosa entsprechende Resonanzerfahrungen, etwa im Umgang mit Edelsteinen und Bachblüten. Diese Praktiken könnten nämlich „einen Sinn dafür geben, dass zwischen dem die Welt umspannenden Äußersten, oder der umgreifenden Realität, dem Kosmos, und unserem Innersten, unserem Schicksal, eine Beziehung besteht, eine Resonanzbeziehung“ (71). Dies sei „der Kern religiösen Denkens“ (71); und in diesem Sinne bestehe auch „die Grundidee“ (71) des Christentums darin, „dass wir in einer Resonanzbeziehung stehen“ (73). Von daher könne „die Antwort auf die Frage, ob die heutige Gesellschaft noch der Kirche oder der Religion bedarf, nur lauten: Ja!“ (74 f.)
Ob die ‚Grundidee‘ des Christentums aber wirklich auf dieselben religiösen Resonanzbeziehungen zum Kosmos zielt wie etwa Bachblüten- und Edelsteintherapien, hätten die Kirchenmitglieder wohl noch näher zu besprechen. Mir scheint, sie sollten sich eher um Resonanzen zur Reich Gottes-Botschaft des Jesus von Nazareth bemühen, statt vorschnell und theologisch unreflektiert auf Resonanzbeziehungen zu heute angesagten religions- und kirchenfreundlichen Soziologien zu setzen; aller Verunsicherung durch die gravierende Kirchenkrise zum Trotz.
Hermann-Josef Große Kracht, Darmstadt