Migrationsethik

Lukas Schmitt: Von Grenzen, Menschen und Mauern. Migrationsethische Per­spektiven in der globalisierten Weltge­sellschaft (Freiburger Theologische Stu­dien 198), Freiburg i. Br.: Herder 2022, 712 S., ISBN 978-3-451-39305-1

„Wir schaffen das“, dieser von den ei­nen so bestaunte, von den anderen so verhöhnte Ausruf der Zuversicht der da­maligen Bundeskanzlerin klingt noch im­mer nach, erinnert man sich an die soge­nannte Flüchtlingskrise von 2015. Fragt man danach, warum es denn richtig sein soll, eine menschenwürdige Aufnahme der Flüchtlinge überhaupt schaffen zu wollen, betritt man das Feld der Migra­tionsethik, auf dem damals beide großen Kirchen in Deutschland in bemerkens­werter ökumenischer Einigkeit stark en­gagiert waren. Inzwischen stehen indes nicht mehr die Geflüchteten aus Afrika und dem Nahen Osten im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, sondern die vielen Menschen, die jetzt vor dem Krieg aus ihrer Heimat der Ukraine in andere eu­ropäische Länder fliehen.

Der Ukrainekrieg in seiner aktuellen Dimension lag jedoch noch in der Zu­kunft, als Lukas Schmitt seine zu Jahres­beginn erschienene Dissertationsschrift „Von Grenzen, Menschen und Mauern. Migrationsethische Perspektiven in der globalisierten Weltgesellschaft“ ver­öffentlicht hatte. Darin betreibt er Mi­grationsethik aus theologisch-ethischer Perspektive in Auseinandersetzung mit einschlägigen philosophischen Theorie­ansätzen. Diese umfangreiche Studie zielt gemäß ihrer forschungsleitenden Frage­stellung im Sinne einer Auslotung mig­rationsethischer Perspektiven darauf ab, die Beschaffenheit von Grenzen und ih­re Bedeutung für eine sich als ein „Wir“ verstehende politische Gemeinschaft zu reflektieren. Dabei geht es in normati­ver Hinsicht insbesondere darum, welche Hilfspflichten diese Gemeinschaft ange­sichts von Migration und Flucht wahr­nehmen sollte (vgl. S. 20 f.).

Das genuin christlich-theologische Erkenntnisinteresse des Autors speist sich daraus, dass „die Frage der Offenheit von Grenzen auch [als; L. S.] eine Frage nach der Reichweite christlicher Gebote“ (S. 21) verstanden wird und daher Stel­lungnahmen und Engagement der Kir­chen ein wesentlicher Bezugspunkt die­ser Arbeit sind. Die Arbeit gliedert sich in vier Hauptkapitel und ist auf einer über­geordneten Ebene zudem nach dem klas­sischen methodischen Dreischritt christli­cher Sozialethik, Sehen – Urteilen – Han­deln, aufgebaut (vgl. S. 40).

Im ersten Hauptkapitel geht es um das Sehen: Hier werden zum einen Gren­zen in ihrer Ambivalenz sowie zum ande­ren das Phänomen der Migration in sei­ner Differenziertheit deskriptiv analysiert (Stichwörter sind u. a. Flucht, Willkom­menskultur, Walls come tumbling down), wobei ein Schwerpunkt auf das europäi­sche Grenzmanagement gelegt und ins­besondere eine zunehmende Fortifizie­rung von Grenzen (Stichwort: „Festung Europa“) festgestellt wird.

Im zweiten Hauptteil beginnt der Schritt des Urteilens, denn hier folgt in normativer Absicht eine eingehende Re­konstruktion der anhand ihrer migrati­onsethischen Relevanz ausgewählten an­gloamerikanisch-moralphilosophischen Ansätze von John Rawls, Michael Wal­zer, Joseph Carens und Seyla Benhabib. Durch die erstmalige Verknüpfung des angloamerikanischen philosophischen Diskurses über Grenzen mit theologisch-migrationsethischen Auseinandersetzun­gen im deutschen Kontext schließt die Arbeit dem eigenen Anspruch nach eine entsprechende Forschungslücke (S. 29). Bei diesen Analysen geht es um die Frage, wie durchlässig – oder auch nicht – staat­liche Grenzen in einer globalisierten Welt sein dürfen. Der Ansatz der kosmopoli­tischen Philosophin Benhabib wird vom Verfasser dabei als ausgewogene Mittel­position bevorzugt. In Teil drei kommt sodann die theologisch-ethische Warte ins Spiel: In wünschenswerter Gründlich­keit werden hier die migrationsethisch relevanten Stellungnahmen von Papst und Universalkirche sowie der Kirche in Deutschland vorgestellt. Dabei wird auch die Debatte darüber nachgezeich­net, ob die Kirchen hinsichtlich ihres Engagements für Flüchtlinge evangeliums­gemäß Parteinahme für die Schwäche­ren betrieben oder aber unangemessen als politisierende Moralagenturen (Hans Joas) agiert haben.

Hauptteil vier bündelt unter der Per­spektive des Handelns sodann die Erträge der vorangegangenen Analysen in einer Zusammenschau sowie in „drei Dimen­sionen kosmopolitischer Verantwortung im Kontext der Flüchtlingsfrage“ (S. 638). Wann schließt man, wann öffnet man Grenzen aus ethischer Sicht? Michael Walzer, Joseph Carens und Seyla Ben­habib seien sich darin einig: Offene Gren­zen braucht es besonders dann, wenn Ge­flüchtete in einer Notlage ankommen. Wie lange, wie weit und wie durchlässig die Grenzen aber geöffnet werden, darin unterscheiden sich die drei philosophi­schen Ansätze. Schmitt geht es auf Basis des von ihm bevorzugten Ansatzes von Benhabib darum, sowohl radikal partiku­laristische als auch radikal universalisti­sche Gerechtigkeitsvorstellungen durch die Suche nach einem gerechten Aus­gleich (vgl. S. 644) zu umgehen.

Eine entsprechend ausgewogene mittlere Position sozialphilosophisch-sozialethisch zu entfalten ist ein ehren­wertes Anliegen angesichts der enormen Polarisierungen, die sich an der Flücht­lingsfrage seit Mitte der 2010er Jahre ge­sellschaftsspalterisch entzündet haben. Dazu passt, dass der Verfasser das sei­ne ganze Studie durchziehende Grund­dilemma, wie sich die ethische und po­litische Verantwortung gegenüber Men­schen diesseits wie jenseits staatlicher Grenzen zueinander verhalten (S. 657), nicht vollends aufzulösen versucht. Hier kann auch nur auf diese Hauptintenti­on der Studie, nicht aber auf die vielen Einzelfragen und Aspekte eingegangen werden, die in dem Werk ebenfalls be­handelt werden.

Nur ein Beispiel sei genannt für die u. a. auch demokratie- und öffentlich­keitstheoretische bzw. -ethische Dimen­sion dieser Studie: So findet sich darin etwa auch ein Plädoyer für eine offe­ne Diskurskultur, das in den polarisierten Debatten über Migration und Flüchtlin­ge sehr wohl Hassreden und Rassismus – auch in ihrer christlichen Verbrämung (vgl. bes. S. 558 ff.) –, nicht aber sachliche Bedenken per se diskreditiert, weshalb das Phänomen der „cancel culture“ zu Recht kritisch bewertet wird (vgl. S. 654). Es muss vielmehr gelten – und damit ist man wieder beim thematischen Kern an­gelangt –, das Thema von der Ebene ideo­logisch eingefärbter Überzeugungskon­flikte auf jene von Interessenkonflikten herunterzuführen, die bei Migration un­weigerlich entstehen. Die widerstreiten­den Interessen können insofern auf der unhintergehbaren Basis menschenrecht­licher Standards, nach Maßgabe der Ge­rechtigkeit sowie durch Abwägung und Kompromissorientierung auf eine lö­sungsorientierte Ebene geleitet werden und dabei den besagten gerechten Aus­gleich anzielen. Dazu können Studien aus der Perspektive einer christlichen Sozial-und Migrationsethik, wie die vorliegende, einen genuinen Beitrag leisten.

Lars Schäfers, Mönchengladbach