Baier, Walter/Hildebrandt, Cornelia/Kronreif, Franz/Sello, Luisa (Hg.): Europe as a Common. Exploring Transversal Social Ethics, Wien – Zürich: LIT 2020. 304 S., ISBN 978-3643912985
Der vorliegende Sammelband „Europe as a Common“ ist das Ergebnis eines seit mittlerweile über 20 Jahre andauernden Dialogprozesses zwischen der europäischen Linken und der Fokolar-Bewegung, der seit Mitte der 2010er Jahre immer stärker institutionelle Formen angenommen hat. Ausgehend von einer ersten Begegnung zwischen der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) und der Fokolar-Bewegung in Wien konnte über mehrere Jahre hinweg eine Vertrauensbasis geschaffen werden für einen beide Seiten transformierenden Dialog in „differenziertem Konsens“ (25). Wesentlich getragen von Beginn an wird dieses Unternehmen von zweien der Herausgeber, namentlich Walter Baier, lange Jahre Vorsitzender der KPÖ, bekennender Atheist und mittlerweile Koordinator von „transform!Europe“, dem Think Tank der europäischen Linken, und Franz Kronreif, einem Architekten, Theologen und Mitglied der Fokolar-Bewegung. Nach einer Audienz von Baier, Kronreif und Alexis Tsipras bei Papst Franziskus im Jahr 2014 wurde der Dialogprozess zwischen europäischer Linken und Christentum in „DIALOP“ institutionalisiert. Im Fokus des Projekts steht vor allem eine Transformation Europas, zusammengefasst unter dem Akronym „RESET“ (tRansvErsal Social EThics), in dem gemeinsame Punkte zwischen katholischer Soziallehre, vor allem in ihrer Neufokussierung durch Papst Franziskus‘ Enzykliken Laudato Si‘ und Evangelii Gaudium, und neo-marxistischer Theorie der Frankfurter Schule herausgearbeitet werden sollen.
„Europe as a Common“ ist im Wesentlichen eine Dokumentation der von DIALOP organisierten Christlich-Marxistischen Summer School 2018 auf Syros (Griechenland). Die insgesamt 19 Beiträge von höchst unterschiedlichem Umfang und Charakter wurden in vier Abschnitten angeordnet.
Abschnitt I „Backgrounds and Starting Points“ gibt einen Einblick in die Anfänge des Projekts und das sich entwickelnde Dialogverständnis. Kronreif erläutert in seinem Beitrag Towards a ‚Differentiated Consensus‘ (23–32) das dem katholisch-lutherischen Gespräch entnommene Konzept des differenzierten Konsenses als Basis das marxistisch-christlichen Dialogs, das er nochmals erweitert um die kenotisch-transformative Dimension einer aufrichtigen Begegnung, aus der beide verändert hervorgehen. Dieses kenotische Element ist charakteristisch für die Spiritualität der Fokolar-Bewegung, was in diesem Beitrag allerdings leider nicht vertieft wird. Baier wiederum fokussiert auf die grundlegenden Gemeinsamkeiten zwischen katholischer Soziallehre und Karl Marx, namentlich „the centre-staging of the neglected members of society, an engagement, which, as Pope Francis says in the Encyclical Evangelii Gaudium, has based in faith in Christ who himself has become poor“ (36). Für Baier verwirklichen Christinnen und Christen die „imperfect unity“ im Hier und Jetzt besser als es Marxistinnen und Marxisten tun, da sie offen für Mystik und die Vollendung im Transzendenten sind (vgl. 42). Das Grußwort (43–49) von Erzbischof Angelo Vincenz Zani, Sekretär der Vatikanischen Bildungskongregation und vatikanischer Beauftragter für DIALOP, weist auf die komplexen Herausforderungen ökonomischer, ökologischer, politischer und sozialer Natur hin, mit der die gegenwärtig aufwachsende Generation konfrontiert sein wird. Diese seien nur mit einer entsprechenden Ethik zu bewältigen, wobei Europa gemäß Papst Franziskus einen hervorragenden Auftrag besitzt, eine solche zu entwickeln. „Only Europe has a vocation of universality and service“(48), zitiert Zani Papst Franziskus.
Abschnitt II nennt sich „A Performative Transformative Dialogue“ und bietet Beiträge von Piero Coda, Bernhard Callebaut, Thomas Stuke und Cornelia Hildebrandt/Pál Tóth. Coda, Theologe, Philosoph und Gründungspräsident von Sophia, der Universität der Fokolar-Bewegung nahe Florenz, liefert in Toward a Culture of Encounter (53–64) theologische Grundreflexionen über eine christlich geprägte Kultur des Dialogs, die zugleich Züge eines Manifests tragen. Coda greift Papst Franziskus‘ Forderung nach einem neuen kulturellen Paradigma auf und verankert diese im Konzept der Weggemeinschaft der Jüngerinnen und Jünger Jesu. Jesus habe mit seinem Handeln eine neue Kultur des Miteinanders in Gang gesetzt, eine Kultur der Brüderlichkeit, in der Gottes- und Nächstenliebe untrennbar verschränkt sind (vgl. 54–55). Zurückgreifend auf Henri Bergsons Unterscheidung von statischen und dynamischen Religionen, sieht Coda in der brüderlichen Weggemeinschaft die prophetisch-ansteckende Dimension dynamischer Religionen verwirklicht (55–56). Die theologische Antwort auf die Krise der Gegenwart findet Coda in einer dynamischen Beziehung, wie sie Jesus in seinem Verhältnis zu Gott/ Abbà realisiert. Diese Beziehung wirkt transformierend ein auf die „sphere of interpersonal communication based on freedom, justice, reciprocity, and solidarity“ (59). Besonders hervorzuheben sind Codas Reflexionen auf die Notwendigkeit gewaltfreien Denkens, in denen er auf Lévinas rekurriert. Eine neue Kultur des Denkens, getragen von Barmherzigkeit, Aufmerksamkeit und gegenseitiger Anerkennung in aller möglicher Differenz, kann die Gewalt überwinden (vgl. bes. 63). Bernhard Callebauts To the Roots of Transversal Dialogue (65–72) ist persönlicher Erfahrungsbericht und Grußwort an die Teilnehmer:innen der Summer School zugleich. Thomas Stuke bietet in Experiencing „Otherness“ theoretische Grundlagen des christlich-marxistischen Dialogs in DIALOP, u. a. mit Rückgriff auf Lacan. Dieser Beitrag nimmt eine zentrale Stellung ein, da er den nie abgeschlossenen Prozesscharakter eines transformativen Dialogs reflektiert. „Dialogue is a deeply based attitude, that can be learned and cultivated; therefore it must be taught, rethought, and renewed in ongoing dialogical processes.“ (83). Stuke verbindet dies am Ende mit der kenotischen Spiritualität der Fokolar-Bewegung, der Stille, der Eröffnung eines Raums für den Anderen als notwendiger Voraussetzung des Dialogs (vgl. 85). Der finale Beitrag dieses Abschnitts von Cornelia Hildebrandt, stv. Direktorin der Rosa-Luxemburg-Stiftung, und Pál Tóth, Lehrender an der Sophia University, ist einer der Schlüsseltexte des Bandes. Unter dem Titel Naming the World in order to Change It (87–111) führen beide in die Grundlagen des erneuerten christlich-marxistischen Dialogs im 21. Jahrhundert ein. Wesentlich ist ihnen die Unterscheidung Diskussion – Dialog (vgl. bes. 89–91). Während eine Diskussion hierarchisch strukturiert ist und auf einen Sieg über den Anderen angelegt ist, basiert Dialog auf einer Kultur des Miteinanders, des wechselseitigen Lernens, einer Multiperspektivität und dem Streben nach gegenseitigem Verständnis. Wichtig ist den beiden Autor:innen Paulo Freires Dialogkonzept, das die Prägung der Dialogpartner durch unterschiedliche Kategoriensysteme bewusst zu machen versucht. Wie wir die Welt wahrnehmen und benennen, beeinflusst zutiefst unsere Ansätze und Möglichkeiten des Wandels. Der marxistisch-christliche Dialog ist notwendig, und darin wird eine Grundmotivation des gesamten Bandes sichtbar, weil die Welt gefangen ist im neoliberalen Paradigma und zunehmend in die Hände autoritärer Herrscher gerät (vgl. 95). Demgegenüber will der christlich-marxistische Dialogprozess die Stimmen der Straßen stärken, die sich diesem Trend widersetzen: „Christian-Marxist dialogue is meant to strengthen those committed to defending an open, pluralistic society, a society of solidarity“ (97). Als konkreten Brückentext des Dialogs blicken beide aus christlicher und marxistischer Perspektive auf das Magnificat (102–110), wobei Tóth insbesondere die Bedeutung für die Fokolar-Bewegung hervorhebt. Für Chiara Lubich sei das Magnificat Ausdruck des christlichen Lebens per se, Maria die Realisierung des Christseins schlechthin und Ausgangspunkt einer sozialen Transformation der Welt (vgl. 108).
Abschnitt III „Towards a Participative Europe“ sammelt Beiträge, die zwischen Anklageschrift und wissenschaftlicher Reflexion auf ein gemeinsames Europa schwanken. Insbesondere die Texte von Michael Löwy (149–152) und Luciana Castellina (152– 162) sind primär Klage- und Streitschriften wider die EU als antidemokratisch-oligarchische Struktur. Wohltuend differenziert wirkt im Vergleich dazu Léonce Bekemans (Re)Thinking Europe (115–136), der sich im Bewusstsein des komplexen europäischen Integrationsprozesses, seinen Höhen und Tiefen, für Europa als Wertegemeinschaft ausspricht (vgl. bes. 129 ff.) – „a community with a vision, mission and responsibility“ (130), wie sie auch Robert Schuman vorgeschwebt sei. Dies ist für Bekemans nur möglich durch einen intensiven Bildungs- und Erziehungsprozess auf europäischer Ebene. Ein Europa, das bloß auf wirtschaftlicher Integration aufbaut, wird keine Zukunft haben. Politik, insbesondere eine tragfähige Europapolitik, braucht eine Vision, die Menschen mitreißt.
Als höchst inspirierend erweist sich Spyros Syropoulos‘ Auseinandersetzung mit dem Konzept der Einheit bei Alexander dem Großen (Where Europe Comes from, 137–148). Syropoulos vertritt die These, dass die gegenwärtige europäische Politik der Einheit wesentliche Punkte der alexandrinischen Einheitspolitik wiederholt, insbesondere den Versuch, Einheit über gemeinsame Sprache, Währung und Traditionen zu stiften. Der kleine Text The Secular State as a Religious Necessity (163–173) von Adnane Mokrani verdient besondere Aufmerksamkeit, da der Autor hier aus muslimisch-theologischer Perspektive eine klare Legitimierung des säkularen Staates liefert – kurz, prägnant, überzeugend. Der Abschnitt wird beschlossen mit einer Einführung Alberto Lo Prestis in das komplizierte Verhältnis von Katholizismus und Demokratie unter dem Titel Democracy, Christianity and Pluralism (173–183). Der kleine Überblickstext weist hin auf die Pluralität katholischer Reflexionen zur Demokratie, macht aber auch einige Kernpunkte fest, wie die zentrale Rolle des Gemeinwohls als höchstem Ziel politischen Handelns oder die Kritik gegenüber exklusivistisch-elitärer politischer Macht, die sich der Partizipation widersetzt. Lo Presti ist kritisch gegenüber den Demokratietheorien von Rawls und Habermas, da beiden aus katholischer Perspektive ein fester ethischer Rahmen fehle (vgl. 180–181), der den Diskurs begrenzt. Katholische Ethik fordert aus Lo Prestis Perspektive eine Demokratie basierend auf globaler Solidarität, die sich zugleich zum ethisch-religiösen Pluralismus bekennt (181).
Der Band wird beschlossen mit dem Abschnitt IV „A Future of Shared Values“, in dem Zukunftsperspektiven für Europa als Wertegemeinschaft aufgezeigt werden sollen. Wiederum ist der Charakter der Beiträge sehr divers. Den Auftakt macht ein weiterer Text Karl Baiers, nun eine marxistische Auseinandersetzung mit dem Neoliberalismus (Conceiving a New World in the Twilight of Neoliberalism, 187–202) in seiner Zuspitzung als Überwachungskapitalismus („surveillance capitalism, 190–191). Die Krise des Anthropozäns erfordere eine „universalist and cosmopolitan ethic that the worldwide movement of the youth is calling for“ (188). Baiers Beitrag zeichnet sich aus durch einen selbstkritischen Blick auf die Leistungsfähigkeit marxistischen Denkens, aber auch sein historisches Scheitern. Seine Vision ist ein ökologischer Wohlfahrtsstaat (vgl. 200), wobei er sich auf die Analysen von Papst Franziskus in Laudato Si‘ und den dortigen Ruf nach einer radikalen ökosozialen Wende beruft.
Existenziell bereichernd ist der Beitrag von Javier A. B. Maldonado, der aus seiner politischen Praxis in Bogotá während der COVID-19-Pandemie berichtet (What does it Mean to Govern in the Times of Covid-19?, 231– 242). Der Autor zeigt, wie die Pandemie ein völliges Umdenken im politischen Handeln erfordert, hin zu einer Politik der Fürsorge, die verwurzelt ist in der Empathie mit den Leidenden. Zugleich aber mahnt Maldonado diese Empathie auch für die politischen Handelnden ein, die selbst von der Wucht der Pandemie oft überfordert sind, aber ihr Bestes versuchen. „We all become politicians when we leave ourselves to embrace the pain in the other (person or people)“ (241). Ein höchst notwendiger, berührender Text, der die Polarisierung zwischen Politik und Gesellschaft wohltuend überwindet. Petra Steinmair-Pösel/Michael Brie treten in Commons – Our Common Ground? (203–227) als katholische Sozialethikerin und sozialistischer Philosoph in einen Dialog über „commons“ als mögliche gemeinsame Basis zwischen Katholiken und Sozialisten. Dieser im letzten Abschnitt versteckte Beitrag greift den Titel des Gesamtbandes auf, der bis dahin weitgehend ungeklärt geblieben ist. Was sind eigentlich „commons“ und wie werden sie in den gegenwärtigen katholischen und sozialistischen Debatten aufgegriffen?
„Europe as a Common“ gibt Einblick in einen seit vielen Jahren auf persönlicher und nun auch institutioneller Ebene geführten Dialog zwischen katholischen Denkerinnen und Denkern, v. a. aus der Fokolar-Bewegung, und Vertreterinnen und Vertretern der europäischen Linken. DIALOP erscheint als Herzensprojekt aller Beteiligten, die sich auf ihre je eigene Weise für ein neues Miteinander in Europa einsetzen, jenseits eines von ihnen festgestellten entgleisten Kapitalismus, Neoliberalismus und zunehmenden Autoritarismus. Bereits das Faktum, dass sich hier Menschen aus sich über Jahrzehnte hindurch feindlich gegenüberstehenden Gemeinschaften miteinander auf den Weg machen, ist höchst beeindruckend. Nur in der Überwindung gewaltsamer Polarisierung bei bleibender Aufmerksamkeit für mögliche Differenzen kann es eine Zukunft geben, so der Grundtenor.
Der Sammelband selbst weist hingegen einige Schwächen auf, die nicht übersehen werden können. Mit großem Bedauern ist eine gewisse Nachlässigkeit bei der Zitation festzustellen. Die Zitate sind nicht einheitlich, teilweise unvollständig oder gar falsch (z. B. S. 65 oder S. 87). Wörtliche Zitate sind oft nicht als solche erkennbar (z. B. S. 35). Das macht die Arbeit mit dem Buch sehr schwierig. Auch das Fehlen eines Autor:innen-Verzeichnisses oder zumindest durchgängiger Hinweise auf die Herkunft dieser in den Fußnoten ist zu bemängeln. Eine größere redaktionelle Sorgfalt hätte dem Werk gutgetan.
Es wäre wünschenswert gewesen, an den Beginn des Bandes eine Auseinandersetzung mit dem konkreten weltanschaulichen Hintergrund der Dialogpartner zu stellen. Was ist unter „europäischer Linker“ zu verstehen, wie verhält sich diese zu Kommunismus, Marxismus, Sozialismus? Walter Baier lässt in seinem Anfangsbeitrag eine Distanzierung zum Stalinismus erkennen, der auch österreichische Kommunisten ermordet habe. Aber wie verhält sich die europäische Linke zu heutigen Kommunismen, etwa in Nordkorea, China und andernorts? Ähnliches gilt für die christlichen Partner im Dialog. Es klingt durch, dass die Fokolar-Bewegung wesentliche Trägerin von DIALOP ist, insbesondere wenn die Autor:innen ausführlich auf Chiara Lubich eingehen. Doch es wäre höchst angebracht, genauer zu reflektieren und klar zu stellen, inwieweit genau diese Form der kenotisch-marianischen Spiritualität mit ihrem Fokus auf die Einheit in Pluralität zu einem vertieften Dialog beitragen kann. Wie die einzelnen Beiträge und Erfahrungen des sozialen Engagements der Fokolarini weltweit bezeugen, tut sie das, doch das muss auch transparent kommuniziert werden. Zu bedauern ist auch, dass dem Band eine ausgiebige Diskussion dessen, was eine „transversale Sozialethik“ ist oder sein soll, fehlt.
Summa summarum ist Europe as a Common weniger ein wissenschaftlicher Beitrag, denn das Zeugnis eines über vielen Jahre geführten, intensiven Dialogprozesses, der beispielgebend sein kann für noch ausstehende, aber dringend notwendige Dialoge. Die einzelnen Texte machen deutlich, dass Dialog nicht Belehrung, sondern der herausfordernde Weg wechselseitiger Anerkennung, aber auch Kritik ist, um gemeinsam an den höchst komplexen Problemen der Gegenwart zu arbeiten. Es handelt sich um ein inspirierendes Buch, das einlädt zur weiteren Reflexion über die Bedingungen eines gelingenden Gesprächs, der Notwendigkeit des Aneinander-Werdens. Vielleicht ist es auch der Auftrag, ähnliche Dialogprozesse mit jenen Gruppen und Parteien zu starten, die sich über Jahrzehnte als christdemokratisch verstanden haben, sich allerdings auf vielfache Art und Weise von Kernprinzipien der katholischen Soziallehre entfremdet haben, aber zugleich beanspruchen diese alleinig zu vertreten. Auch und gerade gegenüber Papst Franziskus und seinen Reformbemühungen.
Michaela Quast-Neulinger, Innsbruck