Gerhard Kruip, Dietmar Müßig, Raphael Zikesch (Hg.): Neo-Extraktivismus in Bolivien. Chancen, Risiken, Nachhaltigkeit. Münster: Aschendorff 2019, 333 S., ISBN 978-3-402-10650-1
Seit über 500 Jahren werden in Bolivien nicht erneuerbare Ressourcen abgebaut – ohne Rücksicht auf die ökologischen Folgen. Dieser „Extraktivismus“ wird im Titel des vorliegenden Sammelbandes um das Element „Neo“ ergänzt. Das deutet auf etwas Neues hin, das im Buch später näher definiert werden wird. Der Untertitel „Chancen, Risiken, Nachhaltigkeit“ spricht zudem an, dass es sich um einen komplexen Problemhorizont handelt, für den es keine einfachen Lösungen gibt. Der 17 Beiträge fassende Sammelband ist hervorgegangen aus dem internationalen und interdisziplinären Seminar „Neoextraktivismus und andine Kosmovision – Analyse aus Sicht christlicher Sozialethik“, das die Katholisch-Theologische Fakultät der Johannes Gutenberg-Universität Mainz zusammen mit der Fundación Jubiléo in La Paz und der Diözesanstelle Weltkirche des Bistums Hildesheim im August 2016 in La Paz/ Bolivien veranstaltet hat.
Die Herausgeber des Bandes weisen darauf hin, dass die deutschen Teilnehmer*innen während des Seminars häufig Vorschläge für aus ihrer Sicht gute Lösungen gemacht haben. „Aber in der Mehrzahl der Fälle reagierten die bolivianischen Teilnehmenden darauf mit dem Hinweis, dass die Ideen zwar auf den ersten Blick als gut erscheinen mögen, dass es aber wegen der bolivianischen Kultur und typisch bolivianischer Mentalitäten unmöglich sei, sie in der Situation Boliviens umzusetzen“ (S. 325). Für ein tieferes Verständnis der Problemzusammenhänge reicht ein eurozentrischer Blickwinkel also nicht aus, sondern es bedarf eines fundierten Verständnisses der historischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge in Lateinamerika und in Bolivien im Speziellen. Genau diesen Zugang erschließt nicht nur das grundlegende Seminar, sondern auch der Sammelband. Die Beiträge sind nicht nur von den deutschen Dozent*innen und Seminarteilnehmer*innen, sondern auch von den bolivianischen Teilnehmer*innen verfasst. Die ursprünglich in spanischer Sprache verfassten Artikel wurden sorgfältig von einigen deutschen Seminarteilnehmer*innen übersetzt. Auffällig ist ein klarer roter Faden durch das Buch: Der Band setzt sich nicht aus lose zusammenhängenden Texten zusammen, sondern folgt einer klaren inhaltlichen Struktur. Auch qualitativ sind die Texte auf einem einheitlichen Niveau und bauen aufeinander auf.
Der Band beginnt mit zwei Vorworten, einem des Erzbischofs Edmundo Abstaflor von La Paz und einem von Bischof Norbert Trelle des Bistums Hildesheim. Darauf folgt das Einleitungskapitel der Herausgeber, das neben einem Überblick über die Artikel des Bandes ethische Instrumente für eine sozialethische Bewertung des Neo-Extraktivismus vorstellt. Schwerpunkte bilden dabei kontraktualistische Gerechtigkeitskonzepte und Nachhaltigkeit. In medias res geht ein historischer Überblick über verschiedene Etappen des Extraktivismus in Lateinamerika von Rodrigo Corzo García. Ganz allgemein definiert er den Extraktivismus als eine Aktivität „bei der der Natur Ressourcen in großem Ausmaß, in einer hohen Intensität und zum Zweck des Exports des unverarbeiteten Rohstoffs entnommen werden“ (S. 32). Die Anfänge dieser Praxis gehen auf die Kolonialzeit zurück. Auch die befreiten Republiken setzten die extraktivistischen Tätigkeiten im Zuge einer allgemeinen Kapitalknappheit und der bereits existierenden Verstrickungen in die Weltwirtschaft fort. Dies verstärkte sich durch den Neoliberalismus ab Mitte der 1960er Jahre und mit dem Wirtschaftsprogramm des Washington Consensus ab 1989. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts kamen in Lateinamerika mehrere linksgerichtete Regierungen an die Macht. Ihr Ziel war es unter anderem, durch die Gelder, die bei der Verstaatlichung von Unternehmen im Rohstoffsektor frei wurden, soziale Rechte und Sozialleistungen auszubauen. Da dies sogar zu einer Erweiterung der extraktivistischen Aktivitäten führte, kann nun von einem Neo-Extraktivismus gesprochen werden. Héctor Córdova legt in seinem historischen Überblick über den Bergbau in Bolivien einen Schwerpunkt auf die Förderung von Metallen. Er zeigt, wie der Bergbau die Geschichte des Landes durchzieht und kritisiert, dass dieser in den letzten zehn Jahren größtenteils in privater Hand lag und deshalb die Erlöse der Bevölkerung kaum zu Gute kamen. Christopher Rohles diskutiert den Extraktivismus als Entwicklungsmodell und geht insbesondere auf die sog. „Holländische Krankheit“ ein. Sie bezeichnet einen negativen volkswirtschaftlichen Effekt, der in den 1960er Jahren bei der Erschließung großer Erdgasmengen in den Niederlanden aufgetreten ist. In dessen Folge wurde die inländische Währung aufgewertet, was zu Problemen beim Export führte. Letztlich zieht Rohles aber das Fazit, dass die wirtschaftlichen Probleme rohstoffreicher Länder auf ein ganzes Geflecht aus verschiedenen Faktoren zurückzuführen sind.
Das zweite Kapitel des Bandes untersucht die ökonomische Bedeutung des Neo-Extraktivismus und charakterisiert Bolivien als sog. „rentier state“, also als eine Rentenökonomie, die vor allem auf der Ausbeutung von Rohstoffen basiert. Raphael Zikesch nimmt dabei die Entwicklung der staatlichen Ölrenten und Magalí Condori Salas die des Minensektors unter die Lupe. Klar wird dabei, dass die einseitige Konzentration der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung auf neo-extraktivistische Tätigkeiten nicht nachhaltig ist und die Gewinne in viel stärkerem Maße zu einer Diversifizierung der Wirtschaft genutzt werden sollten.
Kapitel drei geht auf die ökologischen Probleme des Neo-Extraktivismus an den Beispielen des Lithium-Abbaus (Artikel von Elisabeth Wagener) und des Gold- Abbaus (Artikel von Héctor Córdova) ein. Im nächsten Kapitel sind die sozialen und politischen Probleme des neo-extraktivistischen Systems zusammengefasst. Sarah Christ beleuchtet die Situation der Kinderarbeiter in den Minen von Potosí. Zwar gibt es Kinder- und Jugendschutzgesetze, jedoch sind diese schwer zu kontrollieren. Und in einigen Fällen führen sie sogar zu einer Verschlimmerung der Lage. So dürfen in einigen Fällen die Kinder nicht wie ihre erwachsenen Kollegen zu den Pausenzeiten die Mine verlassen, sondern müssen, um nicht erwischt zu werden, den ganzen Tag unter Tage bleiben. Benjamín Miguel Gutiérrez Herbas fokussiert auf die Bergbaukooperativen. Diese haben sich zu Zeiten des Neo-Liberalismus herausgebildet. Da die derzeitige Politik ein Ineinandergreifen der Formen staatlicher, privater und genossenschaftlicher Investitionen anstrebt, gewinnen die Bergbaukooperativen, die wiederum häufig von internationalen Investoren beeinflusst sind, erheblich an politischem Einfluss. Christopher Rohles und Raphael Zikesch untersuchen in ihrem Beitrag, wie der neo-extraktivistische politische Kurs die Regierung des bis November 2019 amtierenden Präsidenten Evo Morales stabilisierte. In seiner Amtszeit haben sich die Exporte von nicht nachwachsenden Rohstoffen fast verdreifacht und die Regierung hat die Bevölkerung an den Einnahmen durch Direkttransfers und durch Subventionen auf Erdöl und Erdgas beteiligt. Die Kehrseite der Verbesserungen im sozialen und gesundheitlichen Bereich sind jedoch Korruption und Verstöße in den Bereichen politischer und gesellschaftlicher Freiheiten. Überdies zeigt das Beispiel Bolivien die Abhängigkeit einer auf Rohstoffrenten aufbauenden Wirtschaft von steigenden Weltmarktpreisen auf.
Im Kapitel „Neo-Extraktivismus und andine Kosmovisionen“ gibt Augusto Díaz einen Einblick in mythenbehaftete Weltsichten in Bolivien, die Erklärungen für die Beziehung zur Natur bieten können, aber auch in einen mythischen Zyklus des Extraktivismus fallen können und dadurch dessen Problematik verstärken. Edith Wittenbrink thematisiert die Verehrung des Tío, des Minenteufels, in den Stollen der Bergleute und arbeitet diese in ihrem religiösen Kontext und in ihrer gesellschaftsstabilisierenden Funktion heraus. Das Konzept des Vivir Bien wird von Dietmar Müßig samt seinen problematischen Verstrickungen mit dem Extraktivismus vorgestellt. Als Schlüssel auf dem Weg zur Überwindung des Neo-Extraktivismus arbeiten sowohl Ana Lucía Mamani Espinal als auch Silvia Bodemer die Menschenrechte heraus. Aktive Menschenrechtsgruppen zeigen die zerstörerische Kraft des Neo-Extraktivismus für Mensch und Natur auf und fordern die Regierung dazu auf, das moderne System des Menschenrechtsschutzes, dessen internationale Verträge sie auch unterschrieben haben, in stärkerem Maße umzusetzen.
Der Sammelband schließt mit einem als „Empfehlungen“ betitelten Kapitel der Herausgeber. Der Reichtum an nicht erneuerbaren Ressourcen wird darin weder als Segen noch als Fluch aufgefasst. Vielmehr verdeutlichen die Autoren mit einer Vielzahl an Empfehlungen, dass es letztlich an der Fähigkeit der Regierungen liege, den Abbau dieser Ressourcen sinnvoll zu planen und mit den Einnahmen klug und effizient umzugehen. Damit der Staat dazu fähig werde, müsse er seine institutionellen Schwächen überwinden, was „einen grundlegenden Wandel der politischen Kultur des Landes“ (S. 330) voraussetze. Wie die Herausgeber des Bandes und Autoren dieses abschließenden Artikels herausstellen, die nach eigenen Angaben „die besonderen politischen Bedingungen in Bolivien nicht so gut kennen wie die Einheimischen“ (S. 325), handelt es sich bei den Empfehlungen um eine externe Sichtweise. Die Entscheidung solche externen Empfehlungen einer Zusammenfassung der von bolivianischen und deutschen Autoren verfassten Beiträge und deren Ergebnissen vorzuziehen, wirkt ein wenig wie ein Fremdkörper in dem sonst sehr auf Interdisziplinarität und Internationalität setzenden Band.
Sebastian Kistler, München