Caritas und Diakonie im Spannungsfeld

Soziale Dienstleistungen können 1. durch staatli­che und kommunale Träger, 2. durch privatwirtschaftli­che und gewinnorientierte Unternehmen sowie 3. durch religiöse und gemeinnützi­ge Anbieter, die wiederum in Verbänden zusammen­geschlossen sein können, bereitgestellt werden, oder auch 4. durch Mischsysteme dieser An­bieterformen. Deutschland weist im in­ternationalen Vergleich, durch den ho­hen Anteil an religiösen und freige­meinnützigen Wohlfahrtsverbänden, vor allem der mit ihrer jeweiligen Kir­che verbundenen Diakonie und Caritas, eine Besonderheit auf. So ist die deut­sche Caritas mit mehr als 6 200 Einrich­tungen und mit über 693 000 (2018) Be­schäftigten, der größte nichtstaatliche Arbeitgeber in der gesamten EU. Die deutsche Caritas hat mehr hauptamt­liche Mitarbeiter*innen als alle übrigen Caritasverbände in der EU zusammen.

Dass das deutsche System sich auch in der jüngsten Vergangenheit relativ gut bewährt hat, lässt sich anhand von vier zentralen sozialen Herausforde­rungen des letzten Jahrzehnts ablesen: 1. Von allen EU-Ländern hat Deutsch­land seit Jahren die geringste Jugend­arbeitslosigkeit. Kirchliche Wohlfahrts­verbände bieten durch eine Vielzahl von Berufsfachschulen, Hochschulen für angewandte Wissenschaften, be­rufliche Orientierung durch Freiwilli­gendienste, aber auch durch Praktika sowie Hilfe für Arbeitslose (außerbe­triebliche Ausbildung) und subventio­nierte Beschäftigung vielfältige Aus­bildungs- und Arbeitsplätze sowie so­ziale Hilfen an. 2. Deutschland hat seit 2015 mehr Flüchtlinge aufgenommen als alle anderen EU-Länder zusam­men. Zwar hat dies auch in Deutsch­land soziale Verwerfungen hervorge­rufen, jedoch schreitet die Integration in den Arbeitsmarkt und die Gesell­schaft voran. Im Kontext der Globali­sierung, ist in vielen Ländern die Un­gleichheit der Einkommensverteilung gestiegen. 3. Unter allen wichtigen In­dustrienationen (G 20) weist Deutsch­land die geringsten Einkommensunter­schiede auf, weil ein ausgebauter So­zialstaat die sich im Markt ergebenden Einkommensunterschiede deutlich re­duziert. 4. Bisher konnte Deutschland mit seinem Gesundheitswesen auch die Coronakrise relativ gut bewältigen. Of­fensichtlich kann ein System, in dem Kirchen und kirchliche Wohlfahrtsver­bände auf die öffentliche Meinungsbil­dung im Sinne der sozialen Gerech­tigkeit einwirken, zivilgesellschaftliche Solidaritätspotenziale (Ehrenamt und Spenden) entfalten und mobilisieren sowie ein realpolitisches Gewicht ha­ben. So wird die Sozialanwaltschaft der Kirchen in der konkreten Gesetzgebung und der Mittelverteilung wirksam und kann das humane Zusammenleben ei­ner Gesellschaft maßgeblich fördern.

Kirchliche Wohlfahrtsverbände se­hen sich immer neuen Herausforde­rungen durch neue soziale Problem­lagen ausgesetzt: durch den gesell­schaftlichen Wandel in Deutschland, den hohen Anteil von Personen mit Migrationshintergrund, der Abnahme kirchlicher Bindungen und den daraus erwachsenen Problemen der Mitarbei­tergewinnung, der Veränderungen des Sozialstaates durch die Einführung marktwirtschaftlicher Steuerungsele­mente und staatlicher Lenkung so­wie der Qualitätskontrolle. Zwischen staatlichen Erwartungen, betriebswirt­schaftlichen Konkurrenzkonstellatio­nen und binnenkirchlichen Ansprü­chen an das christliche Profil und die Kirchlichkeit von Diakonie und Cari­tas, treten Spannungen auf. Solche Fra­gestellungen werden in den Beiträgen dieses Heftes thematisiert.

Der evangelische Theologe Holger Böckel wirft in seinem Beitrag die Fra­ge nach dem Profil christlicher Organi­sationen auf, wenn dieses nicht mehr auf der christlichen Überzeugung der Mit­arbeitenden beruht, wenn bis zu 70 Pro­zent der Mitarbeitenden einer Einrich­tung keine Kirchenmitglieder mehr sind. Die Caritasdirektorin des Erzbis­tums Berlin, Ulrike Kostka, schildert die Rolle der Caritas im säkularen Um­feld, wo die Mehrheit der Bevölkerung sowie der Mitarbeitenden keine Chris­ten (mehr) sind. Sie führt Ansatzpunk­te an, um das christliche Profil zu be­wahren und zu stärken. Die Politikwis­senschaftler Lukas Kiepe und Wolfgang Schroeder schildern die Umbruchpro­zesse der kirchlichen Wohlfahrtsverbän­de. Sie diagnostizieren ein Spannungs­feld zwischen den Interessen der ein­zelnen Einrichtungen von Diakonie und Caritas und dem übergeordneten Ver­bandsinteresse. Der Tübinger Sozialethi­ker Matthias Möhring-Hesse konstatiert eine durch gesellschaftliche Verände­rungen und politische Rahmensetzung veränderte Bedingung des deutschen Sozialstaates für die Kirchlichkeit der Caritas. Damit wird Diakonia als Grund­vollzug der Kirche prekär.