O Gott, zerbrich ihnen die Zähne im Mund! Zerschlage, Herr, das Gebiss der Löwen! Wenn er die Vergeltung sieht, freut sich der Gerechte; er badet seine Füße im Blut des Frevlers. Dann sagen die Menschen: «Der Gerechte erhält seinen Lohn; es gibt einen Gott, der auf Erden Gericht hält.» (Ps 58, 7.11 f.)
Terror und Gewalt im Namen der Gerechtigkeit? Der Vers stammt nicht, wie ein erstes unbedarftes Lesen vielleicht nahelegen könnte, aus dem Koran, sondern aus dem jüdisch-christlichen Gebetbuch. Man wagt noch nicht einmal zu denken, was da so unverblümt ausgesprochen wird: „Tochter Babel, du Zerstörerin! Wohl dem, der dir heimzahlt, was du uns getan hast! Wohl dem, der deine Kinder packt und sie am Felsen zerschmettert!“ (Ps 137,8 f.). Die Fluchpsalmen, ein ungeliebtes Kind des Christentums, sind aus dem Stundengebet der katholischen Kirche heute ebenso verbannt wie aus dem evangelischen Gesangbuch, aber es hat Jahrhunderte und Jahrtausende gedauert, die dumpfen Gefühle der Rache und Vergeltung im Licht des universalen christlichen Liebesgebotes zu domestizieren und tief in unserem Bewusstsein zu verankern, dass unser Gott kein gewalttätiger, sondern ein liebender, barmherziger Gott ist.
Eine vielleicht ungewöhnliche Herangehensweise, um dem Phänomen des Terrorismus in unseren Tagen auf den Grund zu gehen. Wie können Menschen in ihrer Verblendung so weit gehen, dass sie ihren Widersachern nicht nur insgeheim „die Pest an den Hals wünschen“, sondern sich das Recht herausnehmen, den (vermeintlichen) Wahrheitsanspruch ihrer Religion oder Ideologie mit Gewalt durchzusetzen, ja sich zu Märtyrern zu stilisieren und sich den Weg ins Paradies freizubomben? Auch wenn der Terrorismus viele Gesichter hat und sich keineswegs nur religiös legitimiert (man denke etwa an den Linksterrorismus der RAF, den Rechtsterrorismus der NSU, den Staatsterrorismus der Nazis), verbreitet derzeit insbesondere der islamistische Terrorismus in der westlichen Welt Angst und Schrecken. Und er ist nicht nur ein Import aus einer, wie man meinen könnte, kulturell und zivilisatorisch „abgehängten“ Weltgegend. Auch aus Europa und Deutschland wollten junge Menschen in Syrien und dem Irak an der Seite von Dschihadisten ein Kalifat, einen Gottesstaat errichten, und auch hier führen sie ihre Schlachten, begehen Anschläge im Namen des IS. Sie leben in unseren Städten, sind Nachbarn und vielleicht unsere Brüder. „Was tust du, wenn dein eigener Bruder sich mit salafistischen Hasspredigern trifft? Wenn dein Bruder plötzlich mehr Trost in der Religion findet als in der Familie? Wenn er bereit ist, für den Islam zu sterben? – Es kann dich alles kosten.“ So kündigte ZDFneo vor einigen Monaten im Netz die aufwühlende Serie „Bruder – Schwarze Macht“ an, in der eine Deutschtürkin, im Hauptberuf Polizistin, versucht, ihren Bruder vor dem Abgleiten in den Terrorismus zu bewahren – und ihre Familie vor dem Zerbrechen.
Täter wie Opfer haben ein Gesicht, einen Namen, eine Geschichte, auch die Freunde und Familienangehörigen all jener, die sich radikalisiert haben und unerreichbar sind. Dieses Themenheft setzt sich mit den Schrecken auseinander, analysiert Ursachen, diskutiert Strategien zur Bekämpfung, entwirft Szenarien der Prävention. Aber hinter den nackten, dürren Opferzahlen von Terrorakten stehen immer Lebensschicksale – derer, die zufällig zur falschen Zeit am falschen Platz waren; die ein Leben lang mit den physischen und psychischen Folgen ihrer Verletzungen zu kämpfen haben; denen der Verlust eines lieben Menschen das Herz im Leibe umdreht - und die doch weiter leben müssen.
„Stark wie der Tod ist die Liebe“ (Hl 8,6) – auch das steht im jüdischchristlichen Gebetbuch, und wo sich dieses erweist, ist es ein Wunder. In seinem Überlebens-Tagebuch richtete Antoine Leiris an die Mörder seiner Frau, die bei dem islamistischen Attentat von Bataclan ums Leben kam, die Botschaft: „Wir sind zwei, mein Sohn und ich, aber wir sind stärker als alle Armeen der Welt. Ich will euch jetzt keine Zeit mehr opfern, ich muss mich um Mevil kümmern, der gerade aus dem Mittagsschlaf aufgewacht ist. Er ist gerade mal siebzehn Monate alt …, und sein ganzes Leben lang wird dieser kleine Junge euch beleidigen, weil er glücklich und frei ist.“1 An ihn musste ich denken beim Lesen der folgenden Beiträge.
„Ich umarme ihn. Er zeigt mir das offenste Lächeln, das ich seit Freitag gesehen habe. Ein Lächeln, das nicht anders kann als sagen: «Ich lebe». Ja, er lebt.“2
1 Leiris, Meinen Hass bekommt ihr nicht“, 60–61.
2 Ebd. 84.