Tierethik

Michael Rosenberger: Der Traum vom Frieden zwischen Mensch und Tier. Eine christliche Tierethik, München: Kösel 2015, 240 S., ISBN/EAN: 9783466371358.

Clemens Wustmans: Tierethik als Ethik des Artenschutzes. Chancen und Grenzen, Stuttgart: Kohlhammer 2015, 190 S. ISBN/EAN: 9783170256392.

Bereits seit mehreren Jahren gibt es in der Philosophie ein reges Interesse an Tieren – auf theologischer Seite jedoch konnte bislang nicht von dergleichen gesprochen werden. Mit Clemens Wustmans „Tierethik als Ethik des Artenschutzes“ und Michael Rosenbergers „Der Traum vom Frieden zwischen Mensch und Tier“ liegen nun gleich zwei überzeugende Bücher vor, die diesem Desiderat begegnen.
Beide bedienen sich dafür eines dreigliedrigen Zugangs, wie er mit Sehen – Urteilen – Handeln als geradezu klassisch in der Sozialethik und verwandten Disziplinen bezeichnet werden kann. Damit ist den Gemeinsamkeiten aber auch schon wieder Genüge getan, denn sowohl in den Inhalten als auch im grundsätzlichen Ansatz unterscheiden sich die beiden Bücher fundamental, weshalb es angeraten scheint, erst ein jedes einzeln vorzustellen um dann abschließend noch einmal eine Zusammenschau zu wagen.
Wustmans, dessen Buch die überarbeitete Version seiner Dissertation darstellt, interessiert sich für die Frage, ob und wie Artenschutz, also die bewusste Konzentration auf Spezies und nicht Individuen, tierethisch gerechtfertigt werden kann. Hierfür stellt er in einem ersten Schritt die „klassischen“ Positionen (Anthropozentrik bei René Descartes, Immanuel Kant und Arthur Schopenhauer, Biozentrik bei Albert Schweitzer und Paul Warren Taylor sowie Pathozentrik bei Peter Singer, Tom Regan, Jean-Claude Wolf und Ursula Wolf) gekonnt und bewusst kritisch vor. Daneben liegt ein Hauptaugenmerk auf der möglichen Rezeption im christlichen Kontext vor dem Hintergrund des dort vertretenen Anthropozentrismus.
Der zweite Schritt ist der Entwicklung einer eigenen Tierethik gewidmet, wofür er knapp (11 Seiten) biblisch-theologische Grundannahmen herausarbeitet. Danach kommt der entscheidende Abschnitt, in dem er eine Verbindung von Hans Jonas Motiv der Verantwortung, Karl Barths Motiv des Gebots und Dietrich Bonhoeffers Verantwortungsethik anstrebt. Das Hauptaugenmerk wird vom Autor dabei auf letzteren gelegt, dem grundsätzlich eine Schlüsselrolle bei der Aufnahme des Verantwortungsbegriffs in die Ethik zugesprochen wird. Diese Verantwortung gelte es wahrzunehmen in einer vielfach komplizierten und sündhaften Welt. Das einfache Streben nach dem Guten erscheint also utopisch, vielmehr müsse „das Erreichen des ‚relativ Guten‘ gegenüber dem ‚relativ Schlechten‘“ (S. 88) als Ziel an- und wahrgenommen werden. Der Autor selbst sieht und betont an verschiedenen Stellen, dass er um die dagegen formulierte Kritik aus Reihen der Tierschützer weiß, macht aber darauf aufmerksam, dass eine Kehrtwende unter anderem in Bezug auf das exorbitante Massensterben schlicht unmöglich sei.
Im dritten Schritt wird die so generierte Tierethik der Verantwortung auf drei Bereiche angewendet: Zoo als Artenschutzanstalt, Populationsmanagement statt Schutz des Individuums und Ökotourismus als Gegenstand ethischer Urteilsbildung. Dabei kommt der Autor zu Ergebnissen, die auf den ersten Blick bzw. intuitiv nicht zwingend zu sein scheinen. Beispielhaft sei an dieser Stelle auf die Frage des „Bread and Cull“ (also die bewusste Aufzucht von „überzähligen“ Jungtieren zu Nahrungszwecken) oder auch die emotional stark aufgeladene Diskussion um Delphinarien verwiesen.
Auf der anderen Seite nun Rosenbergers Buch: Es setzt sich mit dem klassischeren bzw. typischeren Beispiel der Nutztierhaltung (und manchmal erschreckenden Hinweisen auf Parallelen aus der Haustier-/Pet-Haltung) auseinander. Er folgt dabei eher der am einzelnen Tier ausgerichteten individuellen Tierethik. An prominenter Stelle wird darauf verwiesen, dass das vorliegende Buch über viele Jahre hinweg entstanden ist – folgerichtig spiegelt es das Ringen mit sich und anderen um eine angemessene Position deutlich wider. Der Brief an die LandwirtInnen (S. 85) veranschaulicht das Herangehen des Autors, dessen Stil aufgrund der meist einfachen, eingängigen Sprache und des Rückgriffs auf eher unkonventionelle Quellen (Liedtexte von Reinhard May) manchem im ersten Moment als eher unwissenschaftlich erscheinen mag. Sein Interesse am einzelnen Tier macht sich auch am Aufbau des Buches bemerkbar. Anders als Wustmans, der von den unterschiedlichen tierethischen Ansätzen ausgeht, nähert sich Rosenberger ganz klar über die Tiere selbst und damit einhergehend über die Frage, was Tiere ausmacht – und was sie letztlich vom Menschen unterschiedet. Da sich die Mensch-Tier-Differenz offensichtlich, so die herangezogenen Studien, als immer unbedeutender und geringer herausstellt, die Massentierhaltung aber, um die es in dem Buch vor allem geht, durch immer größere Ungerechtigkeit geprägt ist, baut Rosenberger seine Tierethik im zweiten Teil am Gerechtigkeitsbegriff auf. Dazu verweist er zum Beispiel auf die Tatsache, dass ein Schwein „früher“ auch nicht mehr, vielleicht sogar weniger Platz zum Leben hatte, dies aber trotzdem in gewisser Weise gerecht war, weil seine Besitzer ebenfalls unter extremem, heute kaum mehr vorstellbarem Platzmangel litten (S. 148).
Nach einer Zusammenschau biblischer Textstellen zu Tieren, in der sowohl die beiden Schöpfungserzählungen als auch der Bund Gottes mit Noach (und den Tieren!) vertieft dargestellt werden, verortet Rosenberger seinen tierethischen Ansatz in der Leerstelle John Rawls, der die Tiere bewusst und explizit aus seinem Konzept ausgeschlossen hat. Über die theologische Begründung der geschöpflichen Würde (letztlich ist Jesus „inkarniert“, also Fleisch geworden – nicht Mensch (S. 134)) wagt er den Schritt, die Tiere entgegen der Kritik von Nussbaum/Sens als moral patients zuzulassen. Wie sehr dieser Tiergerechtigkeit (für die auch verhaltensbiologische Gründe angeführt werden) sowohl bei Nutztieren als auch bei Haustieren/Pets zuwidergehandelt wird, zeigen Vergleiche mit Menschen in Ausnahmesituationen (S. 154 ff.) oder eine Überprüfung der Palette der Grundbedürfnisse und der Chancen zu deren Befriedigung.
Im dritten Teil nun sucht der Autor nach Möglichkeiten, Achtung vor Tieren (auch und vor allem solchen, die gegessen werden) mithilfe von Ritualen wieder neu zu standardisieren. Dass dabei auf das Schächten im jüdischen und muslimischen Glauben rekurriert wird, kann kaum überraschen – eher schon die theoretische Offenheit dieser extrem ritualisierten Tötungsformen für moderne Errungenschaften wie Betäubung. Doch auch nicht-religiöse Rituale (wie beispielsweise die letzte Fütterung eines Schlachttiers oder die mit der Jagd verbundenen Traditionen) werden in ihrer Bedeutung anerkannt und gewürdigt. Entgegen der Position überzeugter Vegetarier, denen Rosenberger ebenfalls einen Brief widmet, sieht er keinen Zwang zum konsequenten Fleischverzicht. Vielmehr plädiert er für bewussten und reduzierten Konsum tierischer Güter zugunsten der Lebens- (und Fleisch-)Qualität.
So unterschiedlich die Bücher sind, so bemühen sie sich doch beide intensiv darum, die philosophischen Reflexionen um eine theologische Begründung der Tierethik zu ergänzen. Im Sinne der Öffentlichen Theologie suchen beide ständig danach, religiöse Begründungen eben nicht nur als schmückendes Beiwerk im ersten und letzten Kapitel aufzugreifen, sondern konsistent und konsequent in ihre Argumentation einzubinden. Dies führt auch zum von beiden aufrechterhaltenen anthropozentrischen Ansatz, den Wustmans mit dem Hinweis auf die Verantwortung des modernen Menschen im Kontext des Aussterbens unterschiedlichster Rassen begründet. Rosenberger geht etwas weiter, wenn er Tiergerechtigkeit fordert, die sich im gerechten Nutzen und gerechten Lieben ausdrückt.
Spannend ist die gemeinsame Lektüre der beiden Bücher, wenn sie aus ihren je eigenen Blickwinkeln Schwachstellen des heutigen Handelns und der öffentlichen Wahrnehmung aufdecken, wie dies beispielsweise bei der Bewertung bzw. Unterdrückung des Sexual- und Aufzuchtverhaltens von Tieren in ganz unterschiedlichen Kontexten geschieht. Wustmans kommt zu diesem Ergebnis über die Anregung, den Tieren „wenigstens“ die Aufzucht ihrer Nachkommen als Beschäftigung zu überlassen, wobei er betont, dass dieser Nachwuchs wesentlich bessere Lebensbedingungen hat als dies bei den meisten Futtertieren der Fall ist. Rosenberger verweist sowohl auf die extrem unnatürliche Behandlung bzw. Unterdrückung der Mutter-Kind-Beziehung im Zuchtbetrieb oder auch die A-Sexualisierung von Haustieren/Pets. Bemerkenswert ist auch, wie intensiv die Auseinandersetzung mit theologischen Motiven in beiden Büchern ausfällt, scheint sich dadurch doch fast ein „theological turn“ in der Christlichen Sozialethik zu manifestieren (oder zumindest anzudeuten).

Julia Blanc, Belfort/Frankreich