Bernhard Emunds: Damit es Oma gutgeht.Frankfurt/Main: Westend Verlag 2016, 224 S., ISDN 978-3-86489-129-8.
Das vorliegende Buch setzt sich mit einem aus sozialpolitischer und gesellschaftlicher Sicht hochsensiblen Thema, den ost- und südeuropäischen Arbeitnehmerinnen, die in deutschen Privathaushalten Pflegearbeit leisten – den sogenannten „Live-In-Pflegekräften“ – auseinander. Es weist hier auf die Entwicklung einer prekären Form von Erwerbsarbeit in Deutschland hin, stellt deren verschiedene Facetten sowie die Perspektive der Angehörigen dar und hinterfragt kritisch die Rahmen- und Beschäftigungsbedingungen der 24-Stunden-Kräfte. Fragen wie: „Wo macht Erwerbsarbeit Menschen krank, wo nimmt sie ihnen die Luft zum Leben? Welche Formen der Erwerbstätigkeit erschließen denen, die arbeiten, dagegen gute Chancen der persönlichen Entfaltung und der gesellschaftlichen Beteiligung? Wie kann die gesellschaftlich notwendige Arbeit gerecht organisiert werden?“ (S. 13) sind zentral für die kirchlichen Sozialtraditionen, denen sich Emunds verbunden fühlt und hinter denen die Einsicht steht, dass eine gerechte Arbeitsorganisation der Schlüssel für eine gerechtere Gesellschaft ist (S. 13). Dabei rückt die Qualität der Erwerbsarbeit der Live-In-Kräfte in den Fokus. Emunds unterzieht sie einer Bewertung nach den ethischen Mindeststandards, den Kriterien gerechter und menschenwürdiger Arbeit. Auf Grundlage der gewonnenen Erkenntnisse formuliert er Handlungsempfehlungen und Forderungen, vor allem an die deutsche Politik.
Das Buch entstand als Teil des von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten und am Nell-Breuning-Institut in zwei Stufen durchgeführten Forschungsprojektes „Ausländische Pflegekräfte in Privathaushalten“. Der Abschlussbericht der ersten Stufe des Projektes (2011/2012) – eine kleine empirische Studie – lieferte viele Konzepte und Einschätzungen für dieses Buch. Ebenso flossen Erfahrungen aus seiner Studie „Wen kümmert die Sorgearbeit? Gerechte Arbeitsplätze in Privathaushalten“ mit ein. Diese wurde 2014/2015 durch die von der Deutschen Bischofskonferenz beauftragte interdisziplinäre Sachverständigengruppe „Weltwirtschaft und Sozialethik“ erarbeitet. Als Projektleiter profitierte Emunds von den in diesem Gremium geführten Debatten sowie von den dort vertretenen Kompetenzen und Expertisen der Mitglieder und vom inhaltlichen Austausch mit der Projektmitarbeiterin. Zentrale Passagen des Kapitels fünf sind auf diese Zusammenarbeit zurückzuführen.
In acht Kapiteln schlägt Emunds einen weiten Bogen:
- von den persönlichen Motiven der
Live-In-Pfl egkräfte aus Mittel- und
Osteuropa für die Aufnahme der
24-Stunden-Pflege und
- den gesellschaftlichen Gründen für
die Entwicklung der prekären Erwerbsarbeit
- über die Vermittlungspraxis und den
damit verbundenen Beschäftigungsstatus
„regulär/irregulär“ sowie
- über die Lebenssituation der Pflegebedürftigen
und
- die häuslichen Beschäftigungsbedingungen
- bis hin zur Sozialethik der Pflegearbeit
und
- den Möglichkeiten zur Regulierung
dieser Arbeitsverhältnisse, die er von
der Politik einfordert.
Das letzte Kapitel bietet Hinweise zur
24-Stunden-Pfl ege für Angehörige.
Kapitel eins beschäftigt sich vorrangig mit den Gründen der Angehörigen für das sich Einlassen auf diese besondere bzw. „problematische“ Beschäftigungsform. Diese werden den Motiven der Live-In-Pflegekräfte gegenüber gestellt und eingebettet in die gesellschaftlichen und internationalen Rahmenbedingungen, die die Entwicklung der prekären Pflegearbeit begünstigen.
Im zweiten Kapitel werden die Vertragspartner (Pflegebedürftige, ihre Angehörigen und Vermittlungsagenturen) vorgestellt sowie die übliche Vermittlungspraxis abgebildet (S. 15).
Kapitel drei greift die Perspektive der Angehörigen auf und geht der Frage, Legalität/Illegalität der Beschäftigungsverhältnisse nach. Dies geschieht unter besonderer Berücksichtigung der Arbeitszeit und der daraus resultierenden rechtlichen Problematik.
Kapitel vier nimmt die Perspektive der Live-In-Pflegekräfte ein und skizziert ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen unter dem Dach der Pflegebedürftigen. Dabei wird das besondere Profi l der Erwerbsarbeit herausgearbeitet; die Belastungen des Pflegealltags, die dauernde Präsenz und Abrufbereitschaft und die Verschränkung des Arbeitsverhältnisses mit den Beziehungen zwischen den Beteiligten (S. 16).
Im Kapitel fünf wird die Pflegearbeit der Live-In-Pflegekräfte sozialwissenschaftlich eingeordnet. Emunds geht der Frage nach „(…) warum die Pflegearbeit gesellschaftlich so wenig wertgeschätzt wird.“ (S. 16). Er begreift sie als eine Form von Sorgearbeit und verortet sie innerhalb der gesellschaftlichen Arbeitsteilung (S.16).
Die ethische Sichtweise auf die 24-Stunden-Pflege wird im Kapitel sechs dargestellt. Im Mittelpunkt der Darstellung stehen die Qualität der Erwerbsarbeit und ihre Auswirkung auf das Leben der Live-Ins. Emunds nimmt hier eine Bewertung der Qualität nach den Kriterien gerechter und menschenwürdiger Arbeit vor. Deutlich werden Gerechtigkeitsdefizite der 24-Stunden-Pflege sichtbar, ebenso der fehlende Schutz der Pflegekräfte vor menschenunwürdiger Behandlung durch die Arbeitgeber, die auf einen politischen Handlungs- bzw. Regelungsbedarf im Hinblick auf die Weiterentwicklung dieses Pflegearrangements hinweisen (S. 17).
Kapitel sieben ist der politischen Fragestellung gewidmet. Emunds kritisiert die Zurückhaltung der Politik bezogen auf eine gerechtere und menschenwürdigere Gestaltung der Beschäftigungsverhältnisse der 24-Stunden-Pflege und formuliert hierzu selbst einen dreiteiligen Vorschlag (S.17):
- Sonderregelung bei der Festsetzung der Arbeitszeit;
- ein an Konditionen gebundener Pflegezuschuss;
- eine verpflichtende Begleitung der Pflegehaushalte (S. 159-170).
Kapitel acht greift erneut die Angehörigenperspektive
auf und unterbreitet
einige Hinweise und Empfehlungen
für die potentiellen Arbeitgeber zur
24-Stunden-Pflege (S. 17).
Mit der ethischen Herangehensweise
an die Bewertung der Qualität der Sorgearbeit
gelingt es Emunds, die 24-Stunden-
Pfl ege in ihrer derzeitigen Ausgestaltung
in Frage zu stellen, indem er sowohl
auf Gerechtigkeitsdefi zite in den
Beschäftigungsbedingungen als auch
auf die Möglichkeit menschenunwürdiger
Behandlung der Live-In-Pfl egekräfte
durch ihre Arbeitgeber hinweist. Damit
appelliert er an das Bewusstsein der Gesellschaft,
insbesondere an die am Prozess
Beteiligten. Offen kritisiert er die
deutsche Politik, weil sie sich ihrer Verantwortung
entziehe, und er fordert ausdrücklich
und mit Nachdruck die Regulierung
der Beschäftigungsverhältnisse
der 24-Stunden-Praxis. Seine Vorschläge
„aus der Schmuddelecke herauszukommen“,
sind ideenreich, aber in Bezug
auf ihre Umsetzbarkeit zu überprüfen.
Der Vorschlag zur Verpfl ichtung auf
Begleitung der Pfl egehaushalte als ein
notwendiger Schritt scheint am ehesten
umsetzbar zu sein.
Durch den appellhaften Charakter
werden in diesem Buch die negativen
Seiten des zur Debatte stehenden
Pfl egearrangements stark hervorgehoben
und die positiven Aspekte teilweise
ausgeblendet. Die umfassende Abbildung
der Entwicklung der 24-Stunden-Pfl ege
in Deutschland, die gute Lesbarkeit und
klare Struktur machen auf dieses Buch
neugierig und laden ein, sich auf das Thema
einzulassen.
Helene Ignatzi, Nürnberg