Bernhard Emunds, Hans Günther Hockerts (Hg.): Den Kapitalismus bändigen. Oswald von Nell-Breunings Impulse für die Sozialpolitik, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2015, 276 S., ISBN 978–3–506–78117–8.
Die beiden Herausgeber stellen in ihrer Einleitung den Band vor und versuchen das Denken Nell-Breunings aktuell einzuordnen. Im ersten Beitrag analysiert der Sozialethiker Hermann-Josef Große-Kracht den Kapitalismus-Begriff bei Nell-Breuning. Dem schließt sich das Korreferat des Soziologen Berthold Vogel an, der für Nell-Breuning ein tendenziell eher harmonisches als konfliktives Gesellschaftsverständnis konstatiert.
Der Zeithistoriker Hockerts behandelt die Problematik der Vermögensverteilung an Produktionsmitteln und die Idee des Investivlohns. Hockerts macht deutlich, dass die Vorstellungen vom Investivlohn nicht nur auf Vorbehalte im Unternehmerlager stießen, sondern entschieden von der größten und einflussreichsten Gewerkschaft, der IG-Metall, abgelehnt wurden. Nell-Breuning selbst maß ab Mitte der 1960er Jahre den ausgebauten sozialen Sicherungssystemen und der Mitbestimmung größere Bedeutung bei als der Vermögensbildung. Der Sozialethiker Emunds setzt Nell-Breunings Überlegungen in Beziehung zum Bestseller von Piketty. Emunds hält den Lösungsansatz Nell-Breunings zur Korrektur der Vermögensverteilung durch Investivlohn nicht mehr für zeitgemäß, sondern plädiert wie Piketty für eine schärfe Besteuerung.
Anschließend stellt der Theologe Jonas Hagedorn den Einstellungswandel Nell-Breunings zur Forderung nach Mitbestimmung der Arbeitnehmer heraus und unterstreicht dabei verschiedene Phasen der Weiterentwicklung seiner Forderungen, vor allem bis hin zu einer umfassenden Neuordnung der Unternehmensverfassung. Friedhelm Hengsbach diskutiert Erfahrungen mit der Mitbestimmung und neuere Herausforderungen, z. B. die Internationalisierung der Konzerne und die Beteiligung ausländischer Mitarbeiter sowie die Institutionalisierung von Umweltinteressen in Unternehmensorganen.
Die Frage der gerechten Entlohnung der menschlichen Arbeit thematisiert der Historiker Dietmar Süß. Bei Nell-Breuning steht das „männliche Ernährer-Modell“ der Familie im Vordergrund, so dass ein „gerechter Lohn“ nicht nur der Versorgung einer Einzelperson dient, sondern für eine Familie ausreichen muss. Später wendet sich Nell-Breuning auch der nichtkommerziellen Arbeit im Haushalt und dem Ehrenamt zu und plädiert angesichts der hohen Arbeitslosigkeit der 1980er Jahre für eine Arbeitszeitverkürzung mit Lohnverzicht.
Die Soziologin Ilona Ostner thematisiert das Themenfeld „Arbeit, Lohn, Familie“. Ostner betont, dass Feminismus zur Reduktion von Arbeit auf Erwerbsarbeit beigetragen habe. Sie kritisiert den Ersatz von Sorgearbeit durch „Care“ im öffentlichen Diskurs. Radikale Feministinnen weisen die Wahlfreiheit für Frauen zwischen Erwerbs- und Sorgearbeit zurück. Ostner kritisiert die gegenwärtige einseitige gesellschaftspolitische Orientierung in Deutschland auf das Haushaltsmodell von zwei Voll-Zeit-Erwerbstätigen.
Der Sozialethiker Arnd Küppers verhandelt die Bedeutung der Tarifautonomie bei Nell-Breuning. Ähnlich wie bei der Mitbestimmungsfrage hat sich Nell-Breunings Position seit der Weimarer Republik stark verändert. Dort war wegen der Möglichkeit der staatlichen Zwangsschlichtung keine echte Tarifpartnerschaft begründet worden. In Nell-Breunings Konzeption der berufsständischen Ordnung sollten freie Gewerkschaften bestehen können. In der Nachkriegszeit trat er für eine am Gemeinwohl orientierte Lohnfi ndung ein. Während Küppers bei Nell-Breuning eine Entwicklung hin zur Akzeptanz der Sozialen Marktwirtschaft sieht, betonen andere Beiträge seine anhaltende Distanz.
Der Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder ergänzt Überlegungen zur Tarifautonomie angesichts gegenwärtiger Herausforderungen, wie sie sich durch die Globalisierung nach Ende des Ost-West- Konflikts ergeben haben. Arbeitgeber bedienen sich nicht mehr des Instruments der Aussperrung, um Gewerkschaftsforderungen entgegen zu treten, sondern ein Teil der Arbeitgeber entweicht dem Tarifsystem, indem sie den Arbeitgeberverbänden nur noch als Mitglied ohne Tarifbindung (OT) angehören. Ebenso ist es zu einem radikalen Umbruch der Gewerkschaftslandschaft gekommen, indem durch verschiedene Zusammenschlüsse nun lediglich noch drei (IG-Metall, IG Chemie, Verdi) der verbleibenden acht DGB-Gewerkschaften 75 % der Mitglieder repräsentierten. Außerhalb des DGB haben Berufsgewerkschaften hohe Bedeutung erlangt (Piloten, Lokführer, Ärzte etc.). Konfl iktlinien zwischen DGB-Gewerkschaften wurden etwa deutlich, als die IG-Metall und die IG-Chemie einen gesetzlichen Mindestlohn zunächst ablehnten, während er von ver.di befürwortet wurde. Außerdem wird das kirchliche Arbeitsrecht kurz erwähnt.
Die Historikerin Kuller behandelt die Problematik der Drei-Generationen-Solidarität. Während Nell-Breuning sich vor dem Zweiten Weltkrieg noch kritisch zur Sozialversicherung geäußert hatte, war er wichtiger Verfechter der Rentenreform von 1957. Angesichts der demographischen Entwicklung hat sich Nell-Breunig noch im Alter von fast 90 Jahren mit der Weiterentwicklung der Rentenversicherung auseinandergesetzt. Dieser Beitrag wird von dem Soziologen Franz-Xaver Kaufmann ergänzt. Kaufmann weist darauf hin, dass Beamte, Selbstständige, Versicherte in berufsständischen Versorgungswerken (z. B. Ärzte) nicht in den Solidaritätsverbund der Rentenversicherung einbezogen sind. Das gleiche gelte für die höheren Einkommen von Angestellten jenseits der Bemessungsgrenze. Kaufmann plädiert für eine gesellschaftliche Sicherung des Humanvermögens an Stelle der Drei-Generationen-Solidarität.
Der Historiker Winfried Süß greift das Thema „Die Arbeitsgesellschaft ordnen“ auf. Für Nell-Breuning war „Sozialpolitik“ pragmatischer „Reparaturbetrieb“ und daher zu unterscheiden von einer Sozial- oder Gesellschaftsreform. In diesem Grundlagenbeitrag werden die Prägung, Methodik und Wandlungsprozesse von Nell-Breunings Denken herausgestrichen.
Der Beitrag wird durch den Sozialethiker Matthias Möhring-Hesse ergänzt, der normative Fundamente des Sozialstaates mit den Zentralbegriffen „Solidarität“ und „Subsidiarität“ fundiert. Über Nell- Breuning hinausgehend weist Möhring- Hesse dem Sozialstaat einen unverzichtbaren Stellenwert für die moderne Industriegesellschaft zu. Möhring-Hesse problematisiert einige neuere sozialstaatliche Entwicklungen (Agenda 2010) und plädiert selbst für eine normativ anspruchsvolle Solidarität als Grundlage des Sozialstaats.
Den Abschluss bildet ein Beitrag des evangelischen Sozialethikers Traugott Jähnichen, der die Bedeutung Nell-Breunings aus protestantischer Sicht schildert. Er würdigt die weniger staatszentrierte Position im Vergleich zu protestantischen Vorstellungen, sowie die Kritik Nell-Breunings an ordoliberalen Vorstellungen, nur marktkonforme Steuerungselemente zulassen zu wollen. Er meint einige „antiliberale Affekte“ in Nell-Breunings Position, etwa zu Handel oder in Finanzmärkten, feststellen zu können.
Der Band ist sehr lesenswert, weil er die Haltung Nell-Breunings und manche Wandlungsprozesse in seinem mehr als hundert Jahre dauernden Leben präzise aufzeigt und damit seine Bedeutung als „Nestor“ der katholischen Soziallehre erschließt. Auf wichtige Beiträge Nell-Breunings, etwa zum Bodenrecht, zur Wohnungsfrage oder zu Finanzmärkten, wird dagegen nicht eingegangen. Es ist reizvoll, zu den einzelnen Themen jeweils den zweiten Beitrag zu lesen, in dem die Thematik Nell-Breunings im Hinblick auf aktuelle Fragestellungen fortgeschrieben wird. Diese Beiträge können zu weiterführenden Diskurse wichtige Anstöße geben.
Kritisch ist anzumerken, dass nicht eingehend thematisiert wird, ob der Blick Nell-Breunings auf die Gesellschaft nicht von der Sozialstruktur der Weimarer Republik mit einem hohen Anteil ungelernter Arbeit geprägt wurde, während die Arbeitnehmer sich in der Nachkriegszeit nach 1945 immer höher qualifi zierten, sie also in großen Ausmaß „Humankapital“ erworben haben, was den Gegensatz von „Arbeit“ und „Kapital“ sowie die damit unterstellte Machtperspektive obsolet werden lässt. Der Erwerb von beruflicher Qualifikation ist demnach für die Arbeitnehmer wichtiger als die Beteiligung am Produktionsmitteleigentum. Eine solche Interpretation hätte Konsequenzen für die Rolle und Bewertung von Produktionsmitteleigentum,
Gewerkschaften und Mitbestimmung.
Joachim Wiemeyer, Bochum