Lazaros Miliopoulos: Das Europaverständnis christlicher Kirchen im Zuge der Europäisierung: Ein Konvergenzprozess? Paderborn: Schöningh 2015, 357 S., ISBN 978–3–506–77993–9.
Es handelt sich bei dem Bd. um eine politikwissenschaftliche Habilitationsschrift, die 2014 an der Universität Bonn angenommen wurde. Für die Veröffentlichung wurde der Text vor allem dahingehend aktualisiert, dass einige Ansprachen von Papst Franziskus (zum Teil fälschlicherweise als Franziskus I. bezeichnet) ergänzend aufgenommen wurden.
Da das Erkenntnisinteresse in dem Europaverständnis christlicher Kirchen liegt und es die Absicht ist, gleichgewichtig verschiedene christliche Konfessionen zu berücksichtigen, beschränkt sich die Untersuchung auf zwei Zeiträume, nämlich 1993 (Inkrafttreten Maastrichter Vertrag) bis 2005 und 2005 bis 2013. Der Untersuchungsbeginn ist auch dadurch bedingt, dass erst seit Beginn der 1990er Jahre nach Ende des Kommunismus orthodoxe Kirchen ihre Positionen frei entwickeln und entfalten können. Dies gilt vor allem für die russisch-orthodoxe Kirche, welcher in dem Bd. neben dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomäus von Konstantinopel breiter Raum eingeräumt wird. Die Zäsur 2005 wird mit dem in diesem Jahr gescheiterten Vorhaben des Verfassungsvertrages begründet. Faktisch behandelt der Bd. die Entwicklung des Europaverständnisses in der Orthodoxie, bei Katholiken und mit geringer Aufmerksamkeit bei Protestanten, während die anglikanische Kirche ausdrücklich nicht zu Wort kommt, obwohl diese wegen der Austrittsdebatte in Großbritannien aktuell von Interesse wäre.
Zunächst wird herausgestellt, dass „Europa“ durch Zusammenschlüsse, institutionelle Vertretungen in Brüssel und eine wachsende Anzahl von Stellungnahmen zunehmend kirchliche Bedeutung gewonnen hat. Stellungnahmen gibt es u. a. zu verschiedenen Aspekten des europäischen Selbstverständnisses („christliches Abendland“) sowie zu Grundsatzfragen des europäischen Zusammenschlusses (Gottesbezug in EU-Verfassung), zur Rechtsstellung christlicher Kirchen im Europarecht und zu Einzelthemen der europäischen Politik (z. B. Migrationspolitik, Wirtschafts- und Sozialunion, Embryonenforschung etc.). Methodisch wird so vorgegangen, dass verschiedene Zugangsweisen zu Europa thematisiert und anschließend Texten christlicher Kirchen zugeordnet werden. Dabei ist aber problematisch, wenn Grußworten, Gelegenheitsansprachen oder Predigten – z. B. von Johannes Paul II. – ein identischer Stellenwert zuerkannt wird, wie bischöfliche Stellungnahmen, die von Expertengruppen vorbereitetet sowie eingehend diskutiert und differenziert wurden.
Hinsichtlich der religionsrechtlichen Positionen wird herausgestellt, dass ein Laizismus französischer Prägung abgelehnt wird. Stattdessen plädiert der Verfasser für ein Modell, das die Trennung zwischen Kirche und Staat mit der Anerkennung der öffentlichen Stellung der Kirchen verbindet und kirchliche Kooperation mit den Staaten in verschiedenen Aufgabenfeldern zulässt.
Für das Pontifikat von Papst Benedikt wird herausgearbeitet, dass die Zusammenarbeit mit der Orthodoxie intensiviert und Gemeinsamkeiten herausgestellt wurden (z. B. Verteidigung des traditionellen Verständnisses von Ehe- und Familie). Dabei erhält eine eher pessimistische Deutung der Entwicklung der westeuropäischen Länder Raum. Kardinal Marx als COMECE-Vorsitzender deutet die europäische Freiheitsgeschichte seit der französischen Revolution sehr viel offener. Auf Veranlassung des Ökumenischen Patriarchen zeigt sich die Kath. Kirche gegenüber einem EU-Beitritt der Türkei aufgeschlossen.
Knapp wird abschließend auf das Verhalten der Kirchen zur Finanz- und Eurokrise seit 2008 eingegangen.
Der Bd. informiert gut über Unterschiede und Gemeinsamkeiten christlicher Kirchen. Während sich die orthodoxen Kirchen in den EU-Mitgliedsstaaten den europäischen Grundlagen hinsichtlich demokratischer, rechtsstaatlicher und pluraler Prinzipien – wenn auch teilweise widerstrebend – geöffnet haben, fällt die Sonderstellung der russischorthodoxen Kirche ins Auge. Das Außenamt der russischen Kirche schaltet sich durch seinen Chef Hilarios selbst innerhalb der Europäischen Union in die Dialogprozesse ein. Es wird entsprechend Stellung bezogen, indem moderne Gesellschaften (einschließlich der Religionsfreiheit) als relativistisch und säkularistisch abgelehnt werden. Deutlich werden Unterschiede zwischen Orthodoxie und protestantischen Kirchen im Verständnis von Pluralismus in einer modernen Gesellschaft herausgestellt. Besonders wird die Problematik thematisiert, ob in der Orthodoxie Nation, Ethnie und Religion entkoppelt werden können – eine Thematik, die auch im katholischen Kontext (Polen, Irland, Kroatien) relevant ist und der im Kontext der Aufnahmebereitschaft von muslimischen Flüchtlingen gegenwärtig eine besondere Bedeutung zukommt.
Erstaunlich für eine politikwissenschaftliche Habilitationsschrift ist das Fazit. Hier finden sich eher theologische Reflexionen, aber kaum sozialwissenschaftliche Analysen. Aus politikwissenschaftlicher Sicht hätte gefragt werden können, ob und wie christliche Kirchen bei einem Ausweg aus den verschiedenen europäischen Krisen hilfreich sein könnten und welche Rolle sie dabei im Verhältnis zu anderen Akteuren (nationale Regierungen, Gewerkschaften und Unternehmen, Parteien etc.) einnehmen.
Joachim Wiemeyer, Bochum