Bernhard Emunds: Politische Wirtschaftsethik globaler Finanzmärkte, Wiesbaden: Springer Gabler 2014, 491 S., ISBN/EAN: 9783658047115.
Bernhard Edmunds stellt die Frage nach dem Bestehen und Wirken globaler Finanzmärkte auf erfrischende Art einmal anders. Nicht die globalen Finanzmärkte in ihrem transnationalen Gefüge, denen nationale Regierung ohnmächtig ausgeliefert sind, nicht die Gier der Banker oder anderer individueller Akteure als potentielle Ursache der Finanzkrise interessieren ihn, sondern die internationalen Vernetzungen von nationalen Banken und Akteuren, die ein solches System erst ermöglicht. Welche institutionenethische Regeln herrschen auf Finanzmärkten, und wie wirken diese auf die Menschen? Die von der Finanzkrise Betroffenen sind jene, die an internationalen Finanzgeschäften überhaupt nicht beteiligt sind, und die auch in ökonomischen Mainstream-Theorien schlichtweg übersehen werden. Welche Regeln sind ethisch verantwortbar und wer kann sie aufstellen? Edmunds multidisziplinäres Buch richtet sich vor allem an zwei Lesergruppen: an ÖkonomInnen, deren Mainstream-Ansatz kritisch hinterfragt wird und mit postkeynesianischen und finanzkeynesianischen Ansätzen erweitert wird. Für diesen Leserkreis ist aber vor allem auch die ethische Hinterfragung ihrer Theorien erfrischend neu und erhellend. Etwa, dass Win-Win-Situationen nicht per se, automatisch gut sind, wenn sie nämlich Auswirkungen auf Dritte haben. Die zweite Adressatengruppe sind katholische TheologInnen und Ethiker, deren ethische Anforderungen an die Finanzwirtschaft beleuchtet werden. Vier Kriterien,
- demokratische Selbstbestimmung,
- grundsätzliche Rechte aller Menschen
auf Mindeststandards,
- die Wirkung wirtschaftlicher Institutionen
auf das allgemeine Wohlstandsniveau
und
- Vorstellungen des guten Wirtschaftens,
werden als Begründung ethischer Anforderungen für die Analyse herangezogen. Edmunds durchforstet die Literatur der christlichen Soziallehre, die Sozialenzykliken der Päpste, die einschlägigen Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils und der Römischen Bischofssynode nach Beiträgen zu Finanzwirtschaft. Internationale Solidarität und der Anspruch auf ein universales Gemeinwohl sind darin zentrale Begriffe. (Er plädiert hingegen auch für den Anspruch auf ein nicht universales Gemeinwohl). Die Entkoppelung der Finanzmärkte vom realen Sektor und die Übervorteilung der Industrieländer sind zentrale Kritikpunkte der christlichen Literatur. Für TheologInnen ist das Buch interessant, weil es eine breite Fülle theologischer Literatur mit dem doch ansonsten sehr sperrigen Thema Finanzen verbindet.
Die Lösungsansätze, die sich aus der multidisziplinären Analyse von Bernhard Edmunds ergeben, geben Hoffnung: Wir sind nicht ohnmächtig der Willkür globaler Finanzmärkte ausgeliefert, sondern müssen uns um eine Ökonomie und Ethik finanzwirtschaftlicher Institutionen, ihrer gesamtwirtschaftlichen Auswirkung und ihrer politischen Gestaltung zuerst auf gesellschaftlicher (nationaler) Ebene bemühen. Demokratische Selbstbestimmung und Menschenrechte auf Mindestversorgung sind zuerst auf nationaler Ebene herzustellen. Dann erst erfolgt die Bearbeitung der zweiten Stufe: die internationale und transnationale Gestaltung der Finanzmarktregeln und ihrer Auswirkungen auf das Wohlstandsniveau der Armen, der Peripherieländer, und auf die Möglichkeit eines guten Wirtschaftens. Edmunds plädiert für eine Stärkung der finanzethischen Diskussion und appelliert vor allem an die Kirchen, für eine differenziertere Sicht der Finanzwissenschaft einzutreten, und an die politische Öffentlichkeit, Druck für Veränderung zu erzeugen.
Ich möchte hier auch an die ÖkonomInnen plädieren, dieses Buch zu lesen und die Automatismen der Ökonomen, wie „Wettbewerb ist gut“, „Wachstum ist besser“ und „Win-Win-Situationen“ sind am besten, kritisch im Hinblick auf das Wirken von Finanzmärkten zu hinterfragen.
Das Buch von Edmunds ist ein bereicherndes Buch, und sein Beitrag zu einer Diskussion der ethischen Grundlagen der globalen Finanzmärkte dringend nötig. Was aber noch fehlt, ist der politikwissenschaftliche Diskurs: Wie gelangen wir zu demokratisch selbst bestimmten Regeln und Institutionen in Zeiten der Postdemokratie? Wie soll das gelingen in Zeiten, in denen jene die wir wählen, nicht jene sind, die die Politik gestalten können? In einer Situation, in der Institutionen, die nicht demokratisch legitimiert sind, die nationalen Wirtschaftspolitiker vor sich hertreiben? Edmunds antwortet darauf, dass wir zunächst auf nationaler Ebene ansetzen müssen. Er erwähnt zwar den Diskurs von Habermas über die Abnahme der Kongruenz von Beteiligten und Betroffenen (S. 263). Dieser gilt aber auch auf nationaler Ebene. Edmunds schlägt vor, dass auf nationaler Ebene die Betroffenen bei den Entscheidungsfindungen als Delegierte ihrer Gruppe Stimmrecht bekommen und miteinbezogen werden. Aber wer soll diese Regel bei abnehmender Kongruenz auf nationaler Ebene durchsetzen? Hier muss die Antwort noch konkretisiert werden, obgleich Edmunds zahlreiche Akteure der nationalen und internationalen Finanzmärkte sehr klar und deutlich beschreibt.
Insgesamt handelt es sich um ein sehr gut geschriebenes Buch, von immenser ökonomischer, gesellschaftlicher und politischer Relevanz mit einer deutlichen Botschaft an Kirche und Politik: die wirtschaftsethische Grundlage von Finanzmärkten in den Vordergrund zu stellen und das Hauptaugenmerk auf die nationale Ebene und deren Akteure zu lenken, d. h. in den Bereich des Machbaren zu gehen, statt in der Apathie der globalen Ohnmacht zu verharren.
Brigitte Unger, Düsseldorf und Utrecht