Medizin ohne Maß?

Giovanni Maio: Medizin ohne Maß? Vom Diktat des Machbaren zu einer Ethik der Besonnenheit. Stuttgart: Trias-Verlag 2014, 219 S., ISBN 978–3–8304–6749–6 (auch als eBook erhältlich).

Die kleine Interpunktion eines Fragezeichens im Titel bestimmt die Tonart dieser neuen Publikation des Giovanni Maio, Lehrstuhlinhaber für Medizinethik mit eigenem Institut an der Universität Freiburg und Mitglied in zahlreichen staatlichen sowie kirchlichen Ethikkommissionen. Als Philosoph und Arzt geriert er sich gedanklich und sprachlich als Meister einer wünschenswerten kommunikativen Disziplin: dem Dialog. Inhaltlich entmythologisiert Maio den „technischen Imperativ“ (Hans Jonas) der modernen Medizin, ohne deren Erfolge zu schmälern. Er möchte medizinfremde Ziele beseitigt wissen und sucht Wege zu einer neuen Medizinkultur, in welcher Arzt und Klient/ Patient befähigt werden „einen Umgang mit der Grenze zu erlernen.“ Dies als Vorraussetzung für ein erfülltes Leben. (15), wie es seit der Antike die Funktion von ethischem Denken ist. Seine postulierte „Ethik der Besonnenheit“ (Conclusio seiner bisherigen Bücher) ruft die existentiellen Themen auf, erschließt durch konfrontierendes öffnendes Fragen neue Dimensionen des Sinnes und nimmt auch den Leser in die Pflicht, sein Verhältnis zur Medizin zu reflektieren. Der Trias-Verlag offeriert damit ein interessantes Experiment, das über die bisher dort üblichen klassischen Medizinbücher hinausweist.
Das Buch beinhaltet neben Pro- und Epilog acht Kapitel. Darunter topaktuell Reproduktionsmedizin (z. B. Social Egg Freezing), Pränataldiagnostik, Organtransplantation und im Rahmen des Alterns und Sterbens das Thema der „aktiven Sterbehilfe“. Das 3. Kapitel ist das Politischste. Sartre habe das Lebensgefühl der Moderne des Machbaren erfasst, so Maio, Biomedizin und Biotechnik bieten dazu wirkungsmächtige Möglichkeiten. Doch wissen wir, was der perfekte (optimierte) Mensch ist, und ob er überhaupt der bessere Mensch wäre? Maio plädiert klug und bewertet besonnen die ökonomischen Parameter der Optimierung, der Effizienz, des Wettbewerbs und der Logik des Herstellens und Verkaufens in der Medizin. Er fordert neue Antworten vom Arzt, dem er einen „hermeneutischen Bedeutungszuwachs“ wünscht, hin zu einer Beziehungsmedizin als einer Heilkunst. Sowohl den kranken Patienten als auch den Dienstleistungs-Klienten bittet er zu prüfen, dem „Erleiden Raum zu geben“, das Gegebensein anzunehmen und eine neue Form des Sinns zu im Verhältnis zur Welt leben, statt sich auf das bloß Zweckhafte zu beschränken (Spiritualität vor allem im Alter). Doch bloß keine Schicksalsergebenheit! Jeder möge jedoch wissen, dass Möglichkeiten schnell zum Zwang werden. Wenn soziale Erwartungen dominieren, passen sich Menschen entsprechend an. Giovanni Maio verachtet die Fremdbestimmung durch die Ökonomie. „Es wird gerne von Autonomie gesprochen, aber im Grunde geht es um Konformität“. (94) Eine fundamentale Kritik an falschen Weichenstellungen (Anreizen) einer zu einseitigen Ökonomisierung des Gesundheitssystems! Eine Kapitalismuskritik?
Die Frage nach der wahren Freiheit und authentischen Autonomie durchzieht alle acht Kapitel. Maio visioniert den vernunftbegabten Menschen mit seiner Einsicht in die „Notwendigkeit der Grenzen des Machbaren“. Und er positioniert sich gegen die Vorstellung, dass ein moderner Mensch glaube, kein Schicksal mehr annehmen zu müssen. „Das implizite Versprechen dieser absoluten Freiheiten“ sei das eigentliche Problem in vielen Bereichen einer modernen Hochglanzmedizin. (97) Die Praxisbeispiele in den Kapiteln sind selbstredend. So geht es in den Kapiteln eins (Reproduktionsmedizin) und zwei (Pränatal- und Präimplantationsdiagnostik) um Gefahren einer modularen Denkweise, welche den Modus der gesellschaftlichen Multioptionalität spiegelt. So kann ein Kind als normiertes makelloses Produkt zum Beispiel zwei Mütter (Eizellenspende oder Leihmutterschaft) und einen fremden Samenspender- Vater haben. Solches Systemdenken bedarf der Logik einer Entpersonalisierung. Was denkt ein Kind, das quasi nur durch Qualitätsprüfung (so bei der PID) wachsen durfte? Sozial Egg Freezing wurde ursprünglich für junge krebskranke Frauen erdacht. Das war vormals der medizinische Nutzen. Heute diene es, so Maio, als Planungsinstrument der „zeitlichen Entkoppelung von biologischer Vorgabe und Fortpflanzung“ und sei nicht mehr medizinisch begründet. Die Idee ist sogar medizinisch risikoreich und hat als Planungsmoment geringe Erfolgsraten für Frauen über 35 Jahren, so die Deutsche Gesellschaft für Gynokologie und Geburtsmedizin. Maio fragt nach, wieso „man lieber die körperliche Integrität der Frau antastet, anstatt die strukturellsozialen Verhältnisse zu verändern.“ Was habe dies mit der Rhetorik der Freiheit zu tun? Er unterscheidet auch genau zwischen dem Ja zur Eigenverantwortung und einer Stigmatisierung, wenn man als „Hilfsbedürftiger ein Normverletzer“ werde. (Kapitel: Gesundheit als Pflicht). In der Organtransplantation (Kapitel 5) setzt sich Maio mit neuen Erkenntnissen zum Hirntod auseinander und fordert bedingungslose Transparenz. Und in der „aktiven Sterbehilfe“ sieht der Ethiker „eine ethische Resignation“, anstatt eine Autonomie im Ausgeliefertsein zu kreieren.
Das Buch fasziniert mit seinen vielen Analysen, Fragen und Antworten. Giovanni Maio´s „Ethik der Besonnenheit“, die er selbst an die Voraussetzungen „Klugheit und Realitätssinn mit innerer Ruhe und einem Primat des Handelnwollen“ gebunden sieht (195 ff.), fordert seine Leserinnen und Leser heraus zu einer neuen Haltung, die sich für jeden lohnt.

Volker Born, Wiesbaden