Rainer Hagencord, Anton Rotzetter: Jahrbuch Theologische Zoologie Bd. 1/2014. Neue Wahrnehmung des Tieres in Theologie und Spiritualität. Berlin u. a.: LIT Verlag 2014, 144 S., ISBN 978–3–643–12363–3.
Seit 1951 gibt es in Münster ein „Institutfür Christliche Sozialwissenschaften“. Der Name „christliche Sozialwissenschaften“ war als ein Programm- und Kampfbegriff gegen eine sich als deskriptiv und wertfrei verstehende Sozialwissenschaft entstanden. Das Institut ist den meisten Leserinnen und Lesern dieser Zeitschrift bekannt. Weniger bekannt dürfte dagegen derzeit noch das Münsteraner „Institut für Theologische Zoologie“ sein, das es seit 2009 gibt. Die Wahl des Institutsnamens hat in diesem Fall weniger mit einer Abwehrhaltung gegenüber einer wertfreien Naturwissenschaft zu tun, sondern verweist auf das Anliegen, (nicht-menschliche) Tiere in die Theologie zu holen. Man will, wie Klaus Müller im Vorwort darlegt, Aristoteles‘ „philosophischer Zoologie“ eine „theologische Zoologie“ an die Seite stellen. Es geht den beiden Gründern des Instituts, dem Münsteraner Theologen und Biologen Rainer Hagencord und dem Schweizer Kapuziner und Franz-von-Assisi-Experten Anton Rotzetter, darum, neue, weniger tiervergessene Zugänge zur Theologie zu eröffnen. Wie auf der Website des Instituts dargelegt wird, will man „im Dialog mit den Naturwissenschaften und vor allem dem Evolutionsparadigma die lange fällige Distanzierung von einem biblisch unhaltbaren Anthropozentrismus“ vorantreiben und sich darum bemühen, den Blick auf die „sensiblen ökologischen und politischen Fragen der Massentierhaltung [und] des überhöhten Fleischkonsums“ zu lenken, die zur „Vernichtung ganzer Ökosysteme und der Verelendung der so genannten Dritten Welt“ beitragen. Mit dieser Feststellung wird der enge Zusammenhang zwischen „theologischer Zoologie“ und „christlicher Sozialwissenschaft“ deutlich.
Im November 2012 fand der erste Kongress des „Institutes für Theologische Zoologie“ im Franz-Hitze-Haus in Münster statt. Das vorliegende, von den beiden Institutsgründern herausgegebene Jahrbuch dokumentiert diesen Kongress. Am Beginn seines Vorwortes bedankt sich Rotzetter bei den Verantwortlichen des Franz-Hitze-Hauses und bei anderen mit einladenden Personen aus Diözese und Universität für die Unterstützung und wertet diese als „ein starkes Zeichen gegen die sonst übliche Gleichgültigkeit kirchlicher Amtspersonen und Institutionen, aber auch der großen Mehrheit der Christen gegenüber dem Thema ‚Tier‘.“ (9) Am Ende seines Vorwortes spricht Rotzetter die Hoffnung aus, der Tagungsband möge auf eine „wohlwollende und kritische Leserschaft“ (16) treffen. Was den Rezensenten des Buches betrifft, ist dies jedenfalls der Fall.
Das Buch widmet sich dem Thema einer neuen Wahrnehmung des Tieres in Theologie und Spiritualität aus der Sicht unterschiedlicher Autoren und aus unterschiedlichen fachlichen Blickwinkeln: einem biblischen, einem naturwissenschaftlichen, einem geisteswissenschaftlichen und einem praktischen. Dies bedingt ein gewisses Maß an Überschneidungen und Wiederholungen, Unschärfen und literarischer Heterogenität.
Rainer Hagencord, der sich seit mehr als einem Jahrzehnt intensiv und kompetent um die theologische Würdigung der Tiere bemüht und hoch verdient gemacht hat, stellt in seinem Beitrag anhand der fiktiven Gottesreden des Hiob-Buches eine biblische Spiritualität vor, „in der es neben Gott und den Menschen noch Raum gibt für eine eigenständige Natur und ihre Repräsentanten, die Tiere.“ (25) Der biblischen Überlieferung zufolge seien Mensch und Tier dezidiert aufeinander bezogene, voneinander existentiell abhängige Geschöpfe des einen Gottes und Teilhaber des einen Bundes, Gesegnete von je eigenem Wert. Der Verhaltensbiologe Andreas Haemisch verweist auf neuere wissenschaftliche Studien, die zeigen, dass nicht nur Primaten, sondern auch Nicht-Primaten, speziell Rabenvögel, aber auch Ratten und Fledermäuse, über komplexe kognitive Fähigkeiten verfügen. Als menschliches Proprium wertet Haemisch die Verwendung einer symbolisch codierten Sprache. Ich frage mich allerdings, inwiefern dies mit den Forschungsarbeiten des US-amerikanischen Psychologen Roger Fouts in Einklang zu bringen ist, der schon Ende der 1970er Jahren entdeckte, dass Schimpansen fähig sind, die amerikanische Gebärdenoder Zeichensprache der Gehörlosen zu erlernen und diese extensiv, kreativ und innovativ zu benutzen.
Der geisteswissenschaftliche Abschnitt ist der umfangreichste des Buches. Der Religionspädagoge Ralf Gaus arbeitet in seinem Beitrag vor allem die Folgen einer zoologisch informierten Theologie für den Religionsunterricht heraus. Die Moraltheologin Simone Horstmann erörtert die Frage nach den epistemischen Voraussetzungen der christlichen Tiervergessenheit; ein spannendes und wichtiges Thema, das aber leider in einem mitunter abgehobenen philosophischen Jargon vorgetragen wird, der dem katholische Akademien frequentierenden Bildungsbürgertum nicht zugemutet werden sollte. (Ich weiß das, weil ich selbst zwei Jahre lang hauptberuflich an einer solchen Einrichtung gearbeitet habe.) Der ehemaligen Lübecker Bischöfin und Kuratoriumsvorsitzenden des Instituts für Zoologische Theologie, Bärbel Wartenberg-Potter, dagegen gelingt es ausgezeichnet, nachvollziehbare Verbindungen zwischen Tierethik und feministischer Theologie herzustellen. Wie alle Referentinnen und Referenten der Tagung geht auch Wartenberg-Potter von einem sich allmählich durchsetzenden Paradigmenwechsel aus, von einem – wie sie es nennt – „Paradigma der Domination“ zu einem der „Einwohnung“.
Im abschießenden praktischen Teil widmet sich der evangelische Pfarrer und Vorsitzende der „Aktion Kirche und Tiere“ („AKUT“), Ulrich Seidel, der Gestaltung von Gottesdiensten für Mensch und Tier. Das geschieht mit Kompetenz und Humor. Im Anschluss daran ist der das Tier liturgisch thematisierende Schlussgottesdienst dokumentiert. Was im praktischen Abschnitt des Bandes leider fehlt, ist der im Rahmen der Tagung gültige Speiseplan. Dieser würde nämlich verraten, ob der theologisch und liturgisch angemahnte Paradigmenwechsel zu Mitgefühl und Gerechtigkeit gegenüber Tieren auch entsprechende kulinarische Auswirkungen hatte.
Kurt Remele, Graz