Bernhard Grümme: Bildungsgerechtigkeit – Eine religionspädagogische Herausforderung (Religionspädagogik innovativ, Bd. 7), Stuttgart: W. Kohlhammer 2014, 254 S., ISBN/EAN: 9783170242197.
Die OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, hat es mit dem Ergebnis ihrer Studie „Bildung auf einen Blick“ auf den Punkt gebracht: Die Gesellschaft von heute hat nicht nur politisch oder wirtschaftlich betrachtet ein Gerechtigkeitsproblem, sondern vor allem auch im Bereich der Bildung. Wie Menschen ihr Dasein gestalten und an gesellschaftlichen Prozessen teilhabe n können, hängt maßgeblich vom eigenen Bildungsstandard und den Zugängen zur Bildung ab. Während allerdings in Wissenschaften wie Pädagogik, Philosophie oder Soziologie bereits ein breit angelegter Diskurs über Bildungsgerechtigkeit geführt wird und auch in einigen theologischen Disziplinen die Dringlichkeit dieses Thema längst erkannt worden ist, hat die Religionspädagogik „hier einen blinden Fleck“, konstatiert Bernhard Grümme, Religionspädagoge der katholisch-theologischen Fakultät an der Ruhr-Uni Bochum. Die Ursache sieht er unter anderem in der jahrelangen Entpolitisierung des Fachs. Dass es aber eine ureigene Aufgabe der Religionspädagogik sein sollte, sich mit Bildungsgerechtigkeit zu befassen, hat für den Autor nicht nur mit der Relevanz des Themas zu tun, das Marianne Heimbach-Steins als „die soziale Frage der Gegenwart“ bezeichnet, Grümme sieht auch theologische und religiöse Zusammenhänge, die eine Erörterung als maßgeblich erscheinen lassen. Ihm geht es aber nicht nur um Argumentationslinien, warum sich Religionspädagogik einmischen sollte, er formuliert auch ganz konkrete Inhalte eines solchen Beitrages, erläutert didaktische Überlegungen für den Religionsunterricht und setzt sich mit den Entwicklungen in der Kindertheologie auseinander.
Gemäß dem Dreischritt „Sehen – Urteilen – Handeln“ geht der Bochumer Professor zunächst auf empirische Resultate zur Bildungssituation in Deutschland ein. Indem Grümme zum einen den Chancenspiegel der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahre 2012 und den Bericht von Vernor Munoz, Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen, zum Bildungssystem in der Bundesrepublik aus dem Jahr 2007 zugrunde legt, benennt er auf vier Felder, die entscheidenden Einfluss auf offensichtliche Bildungsbenachteiligungen haben: soziale Herkunft, Inklusion, Migration und Geschlecht. Ungerechtigkeitsstrukturen verdichten sich nach Darstellung von Grümme dann noch einmal an einer besonderen Stelle des Bildungswesens, nämlich in der Hauptschule, die aus seiner Sicht für die Religionspädagogik eine Art Bewährungsprobe darstellt, ist diese hier doch eigentlich zu einer Selbstreflexion herausgefordert, ihre „Standortgebundenheit im bildungsbürgerlichen Milieu“ zu überdenken.
Die Herausforderung, der sich der Verfasser im Anschluss an die Verwerfungen im Bildungswesen zuwendet, ist gleichsam schwierig und wichtig: Wenn stets von Gerechtigkeit die Rede ist, sieht es Grümme für erforderlich an zu klären, was dieser Begriff eigentlich beinhaltet. Die Ansätze sind von ganz unterschiedlicher Natur, beinhalten – verkürzt gesagt – zum Beispiel grundlegende Fragen der Güterverteilung, nehmen gesellschaftliche Implikationen in den Blick oder erörtern, wer denn eigentlich die „Prinzipien der Gerechtigkeit bestimmt“. Während Grümme zum einen selbst Eckpunkte eines Gerechtigkeitsdiskurses benennt, zu denen u. a. „politische Strukturen der Gerechtigkeit, die auch die gesellschaftlich- politischen Implikationen ethischer Perspektiven markieren“, gehören, nimmt er zum anderen – vor allem im Rückgriff auf den jüdischen Denker Emmunael Lévinas – theologische Dimensionen in den Blick. Die Konkretisierung erfolgt bei Grümme durch die Einbindung der biblischen, der christlichenjüdischen Tradition, die von der Parteilichkeit Gottes geprägt ist. „Überkommene Gerechtigkeitsprinzipien“ definiert Grümme neu, wenn er bei Tauschgerechtigkeit darauf abhebt, dass die Würde des jeweils schwächsten Partners zu achten ist, und darüber hinaus betont, dass Beteiligungsgerechtigkeit allen Menschen die Chance auf Partizipation bieten soll, Verteilungsgerechtigkeit die Option für die Armen bedeutet und Verfahrensgerechtigkeit Gleichheit vor dem Gesetz beinhaltet.
Nachdem der Verfasser dargelegt hat, dass Bildung in der Tradition des Bildungstheoretikers Wolfgang Klafki Emanzipation und Aufklärung beinhaltet und religiöse Bildung eine Parallele darstellt, da auch sie darauf abzielt, sich für die Selbstbestimmung des Menschen stark zu machen, arbeitet Grümme drei innere Verbindungslinien von Bildung und Gerechtigkeit heraus.
- Aus sozialethischer Perspektive betrachtet, greift hier insbesondere das Menschenrecht auf Bildung, in den Allgemeinen Menschenrechten, dem Grundgesetz, der UN-Kinderrechtskonvention und der Konvention der Vereinten Nationen für Menschen mit Behinderung verankert. Es handelt sich um ein Befähigungsrecht, dem man zur Durchsetzung verhelfen muss, erläutert der Theologe, und sieht darin zugleich eine Basis, dass der Einzelne verantwortlich in der Gesellschaft mitwirken kann. In jüngster Zeit, führt der Autor aus, habe zudem der Begriff der Beteiligungsgerechtigkeit an Relevanz gewonnen, die den Menschen durch seinen eigenen Beitrag und seine eigene Teilhabe in die Lage versetzen soll, sich in der Gemeinschaft selbst zu verwirklichen.
- Pädagogisch betrachtet, ergibt sich eine Verknüpfung von Bildung und Gerechtigkeit schon allein dadurch, dass dem Menschen die Selbstentfaltung genommen wird, wenn man ihm Bildung vorenthält. Doch genau das will eine Pädagogik der Teilhabe verhindern und stattdessen ermöglichen, dass ein jeder in unterschiedlichen Bereichen menschlicher Existenz (Arbeit, Politik, Kunst, Wissenschaft etc.) partizipieren kann.
- Die religionspädagogische Sichtweisehebt darauf ab, den Menschen als Gottesebenbild zu sehen, was sowohl Menschenwürde bedeutet als auch die Chance umfassen sollte, sein Leben zu entfalten und zu gestalten.
Wie nun eine Bildungsgerechtigkeit konkret ausgestaltet sein sollte, dazu untersucht der Autor Begrifflichkeiten wie Chancengleichheit, die nach seinen Ausführungen im Kontext von Schule und Bildung angesichts ganz unterschiedlicher Voraussetzungen der Kinder und Jugendlichen in Schieflage gerät, oder Schwellengerechtigkeit, mit der – vereinfacht formuliert – gemeint ist, dass „jedes Kind zumindest den Grundbestand an Kompetenzen erreicht“, den es zu einer „autonomen Lebensgestaltung“ benötigt. Der Verfasser lässt unzweifelhaft erkennen, dass er mit einem solchen Befähigungsansatz sympathisiert, auf dem übrigens auch der frühere US-Präsident George W. Bush sein Konzept „No child left behind“ aufbaute. Allerdings fragt Grümme auch danach, „wer eigentlich zuständig ist für die Befähigung“, wer welche Pflichten hat und welche Rolle Kirche und Staat einnehmen. Letztlich sieht der Autor aber auch Grenzen der Bildung selbst, weil sie allein nicht in der Lage ist, Bildungsgerechtigkeit herzustellen. In einer Religionspädagogik, die politische Dimensionen aufnimmt und einbezieht, erkennt Grümme aber sehr wohl die Möglichkeit, „Situationen von Bildungsgerechtigkeit und Bildungsungerechtigkeit wahrzunehmen“. Dabei bezieht er auch ganz deutlich die Sicht der Neuen Politischen Theologie mit ein, die auch aus biblischem Verständnis heraus auf einen durchaus kritischen oder innovativen Beitrag der Religionen zum zivilgesellschaftlichen Diskurs abhebt. Daraus leitet Grümme konkrete Aspekte und Inhalte einer Religionspädagogik ab, wie Option für die Armen, Befähigung zum kritischen Urteil, Befreiung aus Verhältnissen von Unmündigkeit, Ausbeutung und Unterdrückung und Identitätsbildung.
Wenn dieser Weg beschritten wird, sind nach Darstellung des Autors Weichenstellungen inner- und außerhalb des Schulsystems erforderlich. Schulintern nennt er längeres gemeinsames Lernen, Ganztagsschulen und ein Lernen, das der Unterschiedlichkeit der Schüler gerecht wird, als mögliche Steuerungsinstrumente, extern müsste aus seiner Sicht vorschulische Bildung ausgebaut, eine Erziehungspartnerschaft zwischen Eltern und Schule gefördert und die Kompetenz der Lehrer hinsichtlich ihrer eigenen Gerechtigkeitswahrnehmungen gestärkt werden. Indem der Autor Vorschläge für eine Unterrichtssequenz unterbreitet, die Gerechtigkeit zum Thema hat, ergänzt er seine Überlegungen um eine äußerst praktische Note, die auch in seinen Erläuterungen zur Kindertheologie zum Vorschein kommt. Die „Herausforderungen durch bildungsferne Kinder“ sich zu stellen, sieht er als erforderlich an, um nicht abstrakt und ideologieanfällig zu werden.
Theo Körner, Dortmund