Althammer, Jörg (Hrsg.): Caritas in veritate. Katholische Soziallehre im Zeitalter der Globalisierung. Berlin: Duncker & Humblot 2013, 264 S., ISBN 978–3–428–13996–5.
Als die Sozialenzyklika von Papst Benedikt XVI., Caritas in veritate, im Jahr 2009 erschien, befand sich die Welt bereits mitten in der Wirtschaftskrise. Der Zeitpunkt konnte daher nicht besser gewählt sein, um auch von kirchlicher Seite Orientierung zu geben und auf die drängenden Fragen der Zeit adäquate Antworten zu geben. Umso größer waren dementsprechend auch die Hoffnungen hinsichtlich der konkreten Problematisierung etwa des Finanzkapitalismus oder einer unkontrollierbaren Globalisierungsdynamik. Vor allem in Deutschland aber waren die Reaktionen auf die Enzyklika ernüchternd. Zu wenig Kritik an Markt- und Globalisierungsprozessen, zu wenig Systematik, stattdessen der Verweis auf die Notwendigkeit der Tugendethik und die moralischen Pflichten des Einzelnen, lautete der Vorwurf. Für einige stellte die Enzyklika Benedikts XVI. gar einen Rückschritt der Katholischen Soziallehre dar: Kann der Begriff der Caritas, den die Enzyklika ins Zentrum der kirchlichen Soziallehre rückt, ausreichen, um den Herausforderungen der Zeit zu begegnen? Hier meldeten nicht wenige Kritiker der Enzyklika Zweifel an. Kurzum: Die Rezeption war keineswegs so positiv, wie man erhoffen konnte. Eine umfassende Auseinandersetzung und einen offenen Zugang hinsichtlich der Grundaussagen von Caritas in veritate liefert nun kurz nach dem Ende des Pontifikats Benedikts XVI. der von Jörg Althammer herausgegebene Band. Schon im Herbst 2009 fand dazu ein interdisziplinäres Symposium in Eichstätt statt, das sich aus unterschiedlichen Blickrichtungen der Enzyklika näherte. Das durch zwei weitere Beiträge ergänzte Ergebnis liegt nun in Form dieses Sammelbandes vor. Dabei kommen unterschiedlichste Interpretationsansätze zur Geltung. Bernhard Emunds etwa macht die oben angedeutete Kritik an der Enzyklika konkret, wenn er in seinem Beitrag „Missionierende Sozialverkündigung?“ auf den (gewollten) Bruch mit der vorhergehenden Sozialverkündigung hinweist: „Die Zentralaussage von ‚Caritas in veritate‘ weicht deutlich von dem theologisch-sozialethischen Profil ab, das die universalkirchliche Sozialverkündigung in den letzten 45–50 Jahren entwickelt hat. Aus Sicht der meisten Sozialethikerinnen und Sozialethiker unterbietet sie das dort bereits erreichte Reflexionsniveau bezüglich der Gestaltung von Institutionen, des Verhältnisses zwischen Kirche und säkularer Gesellschaft sowie der Mitwirkung von Christen und kirchlichen Organisationen an der Lösung sozialer und internationaler Probleme.“ (215) Die diskursive Struktur des Bandes lässt Ursula Nothelle-Wildfeuer in ihrem Beitrag die Frage nach Rückschritt und Fortentwicklung in differenzierter Weise aufgreifen. So muss in der Enzyklika kein unbedingter Bruch gesehen werden: „Diese Betonung der Liebe als ‚Hauptweg der Soziallehre der Kirche‘ (CiV 2) mag angesichts des gängigen Verständnisses von Sozialethik, in dessen Zentrum die Sorge um die soziale Gerechtigkeit steht, überraschen […]. Dass hier aber kein fundamentaler Gegensatz [zur Tradition] besteht, wird deutlich, wenn man sieht, dass der Papst für die Umsetzung eben dieser Liebe in Bezug auf die Entwicklung einer Gesellschaft im Kontext der Globalisierung zwei zentrale Orientierungsmaßstäbe benennt: Gerechtigkeit und Gemeinwohl.“ (241) Ebenfalls findet sich hier die passende Erwiderung auf den Vorwurf, die Enzyklika würde an einer Überbetonung des Naturrechtsdenkens leiden. (244) Alois Baumgartner geht in diesem Zusammenhang auf die generelle Stellung innerhalb der kirchlichen Lehrverkündigung ein, sodass die Frage nach Tradition und Entwicklung auch hier gestellt wird. (29–39) Einen historischen Ansatz verfolgt auch Frank E. W. Zschaler, der die historische Verortung der Enzyklika behandelt. (21–27)
Während sich einige Autoren (Florian Bruckmann, Elmar Nass und Walter Schweidler) in ihren Beiträgen den philosophisch- anthropologischen Grundlagen widmen, gehen Bernhard Sutor und Otto Depenheuer auf Aspekte der Menschenrechte ein. Eine größere thematische Auseinandersetzung erfährt zudem die Thematik der Globalisierung. Arnd Küppers betont die Notwendigkeit, die beiden sozialethischen Grundbegriffe Solidarität und Gerechtigkeit im Kontext der Herausforderung der Globalisierung neu auszubuchstabieren. Dabei wird auf die in der Enzyklika herausgehobene Stellung der Zivilgesellschaft rekurriert und auch auf konkrete Maßnahmen hingewiesen: „Damit sich die Entwicklungsländer aus der Falle der Armut und Machtlosigkeit befreien können, ist die Solidarität der reichen Länder erforderlich, nicht nur der Staaten, sondern auch der Unternehmen und der Zivilgesellschaft, wobei der Papst letztere als treibende Kraft sieht und erhofft.“ (114) Der Thematik der Globalisierung widmen sich auch Jörg Althammer, der die soziale Ordnungspolitik vor diesem Hintergrund beleuchtet (141–157), sowie Hubert Weiger, der den Themenkomplex des Klimawandels behandelt. (189–198) Eine wesentlich durch die Enzyklika angestoßene Debatte wird von André Habisch und Christian R. Loza Adaui angesprochen: Die Gratuität. In ihrem Beitrag „Unentgeltlichkeit als Kategorie Sozialen Handelns: Gesellschaftliches Engagement nach ‚Caritas in Veritate‘“ setzen sich die beiden Autoren mit den Theorien von P. P. Donati, Stefano Zamagni und Luigino Bruni auseinander, verweisen so auf wesentliche Quellen der Enzyklika und analysieren die Unentgeltlichkeit als Kategorie des sozialen Handelns weiterführend. (176 f.)
Der Band bietet wegen seines breiten Zuganges ein außerordentlich umfassendes Bild der Rezeption im deutschsprachigen Raum und versteht es, dem Leser verschiedenste Ansätze einzelner Themen vorzustellen – von starker Kritik bis hin zur deutlichen Würdigung. Die qualitativ hochwertige Auseinandersetzung lädt zur erneuerten Exegese der Enzyklika selbst ein und reflektiert zugleich ihre Stellung innerhalb der Sozialverkündigung der katholischen Kirche.
Marco Bonacker, Mönchengladbach