Wohlfahrtspflege in Deutschland

Stefanie Lingenfelser, Freie Wohlfahrtspflege in Deutschland. Sozialwirtschaftliches Handeln zwischen ethischen und ökonomischen Anforderungen, Marburg: Metropolis 2011, Reihe Hochschulschriften, Band 134 [Dissertation], brosch., 358 S., ISBN 978–3–89518–852–7.

Die Frage der Art und des Umfangs der Bereitstellung sozialer Dienstleistungen hat für die sozialethische Reflexion des Sozialstaats erhebliche Bedeutung. Das gilt erst recht dann, wenn der Bereich des sozialwirtschaftlichen Handelns – wie in Deutschland im Fall der Freien Wohlfahrtspflege – zum einen stark ausgebaut ist und zum anderen durch die besondere Form der staatlich mandatierten, aber im Wesentlichen von nicht-staatlichen Akteuren erbrachten Dienstleistungen geprägt ist. Aktualität gewinnt die Thematik durch die vielfach diagnostizierte „Ökonomisierung“ der Sozialen Dienste. Die am Diakoniewissenschaftlichen Institut der Universität Heidelberg von Stefanie Lingenfelser als Dissertation vorgelegte Schrift „Freie Wohlfahrtspflege in Deutschland. Sozialwirtschaftliches Handeln zwischen ethischen und ökonomischen Anforderungen“ behandelt also ein sozialethisch ausgesprochen relevantes und aktuelles Thema. Im Wesentlichen geht es der Autorin um das Problem, wie Ethik und Ökonomik im Allgemeinen und wie ethische und ökonomische Orientierung im Feld des sozialwirtschaftlichen Handelns im Besonderen aufeinander zu beziehen sind.

Die Arbeit umfasst drei große Kapitel, nämlich Begriffsbestimmungen (auf etwa 30 Seiten), Ausführungen zur Positionierung der Freien Wohlfahrtspflege in Deutschland (auf etwa 80 Seiten) und die Erörterung sozialwirtschaftlichen Handelns im Kontext der Wirtschafts- und Unternehmensethik (auf etwa 160 Seiten). Eine knappe „Schlussbetrachtung“ (auf knapp zehn Seiten) schließt das Buch ab. Die einleitenden Begriffsbestimmungen dienen offenbar vor allem einer soliden Statik der Arbeit, insofern sie die ethisch-theoretischen Fundamente der folgenden konkreten, auf die sozialwirtschaftliche Praxis bezogenen wirtschafts- und unternehmensethischen Überlegungen darstellen. Die Arbeit wirkt an dieser Stelle, als solle eine umfassende Einführung in die Ethik sozialwirtschaftlichen Handelns vorgelegt werden. Dabei durften sich doch derartig grundsätzliche Ausführungen zu Ethik und Moral, zu den Stufen der moralischen Entwicklung nach Kohlberg, zu teleologischer und deontologischer Ethik etc. eher an den ethischen Laien richten als an Personen, die sich ohnedies regelmäßig mit der Thematik befassen. Analoges gilt für „Ökonomie und Ökonomik“ sowie für die „Sozialwirtschaft“, wobei die Erörterungen bei aller Grundsätzlichkeit mit jeweils rund zehn Seiten recht knapp gehalten sind. Allerdings werden die Themen in den folgenden Kapiteln weitergeführt: Zuerst wird die besondere deutsche Situation der Freien Wohlfahrtspflege geschildert, was auch die Darstellung eines den Spitzenverbanden gemeinsamen „Pathos ihrer Gründungsgeschichten, die alle an die Solidarität einer Gesellschaft und deren sozialverantwortliches Handeln anknüpfen“ (S. 88), einschließt. Mit dieser These verknüpft die Autorin die Freie Wohlfahrtspflege in Deutschland von vornherein mit moralischen Motiven (also nicht [nur] mit politisch-pragmatischen Motiven). „Die stärksten Wurzeln der weltanschaulichen Prägung entstammen dabei der jüdischen und christlichen Tradition, d. h. wissenschafts- theoretisch der theologischen Ethik.“ (Ebd.) Mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit wird dabei die Sozialethik in die theologische Ethik eingeordnet und gegenüber „säkulare[n] Weltanschauungen“ abgegrenzt, die ihrerseits „ein eher heterogenes philosophisches Bild“ zeigen (S. 92). Genannt werden in einem „Überblick hervorstechender Konzepte philosophischer Ethik“ im Anschluss an Guido Krupinsky (S. 93): „Eudamonismus und Hedonismus“ (als „materiale Ethik“ mit dem „Prinzip Freude“); „Utilitarismus“ (als „materiale Ethik“ mit dem „Prinzip Gemeinwohl“); „Friedrich Schleiermacher“ (als „materiale Ethik“ mit der „Einheit von Tugend-, Pflichten- und Güterlehre“); „Jean-Paul Sartre“ (als „Bindeglied von materialer und formaler Ethik“ mit seiner „Ethik der absoluten Verantwortung“); „Hans Jonas“ (ebenfalls als „Bindeglied von materialer und formaler Ethik“ mit einer „Zukunftsethik“ und dem „Prinzip Verantwortung“); die „Goldene Regel“ (als „formale Ethik“ mit dem „Prinzip Gegenseitigkeit“); „Immanuel Kant“ (als „formale Ethik“ bzw. „Vernunftethik“ mit dem kategorischen Imperativ); „Jürgen Habermas“ (mit der Diskursethik als formale Ethik und dem „Streben nach Konsens“); „John Rawls“ (mit einer „Gerechtigkeitsethik/ faire Ausgangssituation“ als „Vereinigung materialer und formaler Ethik“). Zum einen lasst diese Übersicht mit ihren Zuordnungen zu Prinzipien und zu formaler bzw. materialer Ethik manche Ruckfragen zu, zum anderen wird kaum erörtert, welche „Konzepte“ in welcher Weise für welchen der Wohlfahrtsverbande mit „säkularer Weltanschauung“ Bedeutung haben. Die an sich fragwürdige Übersicht wird also noch nicht einmal wirklich verwendet, um ethische Orientierungen säkularer Wohlfahrtsverbande zu klaren und wirkt deshalb deplatziert. Umgekehrt bleiben aber auch die Ausführungen zur christlichen Sozialethik sehr undifferenziert, wenn etwa stark unspezifisch formuliert wird: „Grundlage der Sozialethik bilden Glaube und Evangelium, aus denen sich die Prinzipien der Personalität und der Gerechtigkeit ableiten.“ (S. 89) Der christlichen Tradition, vor allem der katholischen Soziallehre musste man doch Motive ethischer Theoriebildung über die biblischen Texte hinaus zuordnen. Das Problem dieser Gegenüberstellung der ethischen Orientierung christlich-religioser auf der einen und säkularer Wohlfahrtspflege auf der anderen Seite (der jüdische Verband wird hier schlichtweg übergangen) ist, dass der Eindruck entsteht, dass zwei an sich völlig unterschiedliche Hintergrundmotive (eben theologische Ethik einerseits und säkulare Ethik andererseits) im sozialverantwortlichen Handeln der Wohlfahrtspflege gewissermaßen zufällig „aufeinander treffen“ (so auch die entsprechende Formulierung der Autorin S. 88). Das aber ist nach Auffassung des Rezensenten weder für die ideengeschichtliche Entwicklung der theologischen Ethik und der Sozialethik noch für jene der „säkularen“ Ethik eine zutreffende Annahme; vielmehr durfte es vielfaltige Verflechtungen beider Diskurse geben.

Den Schwerpunkt des Buches bildet qualitativ und quantitativ das Kapitel über „Sozialwirtschaftliches Handeln im Kontext der Wirtschafts- und Unternehmensethik“. Auch hier schlagt sich zunächst die eigentümliche Gegenüberstellung von theologischer Ethik und nun „philosophisch-ökonomischen Ansätzen“ nieder, wenn in einem Abschnitt über „Theoretisch-strategische Konzeptionen“ die drei Wirtschaftsethiken von Horst Steinmann/Albert Lohr, Peter Ulrich und Peter Homann und daneben entsprechende „Theologische Reflexionen“ (näherhin „Ansätze theologische [sic] Wirtschaftsethik“) erläutert werden. Vor allem die Ansätze von Ulrich und Homann werden anschaulich und präzis dargestellt. Dabei wird jeweils die systematische Pointe der Ansatze – Lebensdienlichkeit und integrative Perspektive mit einer fundierenden Funktion der Ethik bei Ulrich, Verbindung von Ethik und Ökonomik mit tendenzieller Verflüssigung der ethischen in der ökonomischen Rationalität bei Homann – herausgearbeitet, jeweils in einem Abschnitt „Résumé und kritische Anmerkungen“ einer kritischen Reflexion unterzogen und in einem ausgewogenen Fazit in den wirtschaftsethischen Diskurs eingeordnet. In den nachfolgenden „theologischen Reflexionen“ in Bezug auf die Wirtschaftsethik wird der Bezug auf die Bibel erneut arg strapaziert, wobei biblische Motive, die in ethischer und/oder ökonomischer Hinsicht an sich vage bleiben, freimutig mit weit reichenden ethischen und ökonomischen Reflexionen verknüpft werden, freilich wiederum mit betonter Abgrenzung gegenüber nicht-christlicher Ethik. „Christliche Vorstellung [sic] von Verantwortung und Gerechtigkeit im Horizont des Heilsgeschehens verbinden sich […] zu einer ethischen Reflexion, die ihre Spezifität und Andersartigkeit aus der christlichen Lebenswirklichkeit gewinnt.“ (S. 198 f.) „Arbeit und Beruf“, „Eigentum und Besitz“ sowie „Geld und Zins“ werden als „zentrale ökonomische Schlusselbegriffe“ der Bibel identifiziert, aber fast gar nicht erläutert. Zum Beispiel stehe „Eigentum […] in enger Verbindung mit dem Begriff der Freiheit, was zu einer besonderen Bedeutung der Sozialpflichtigkeit des Eigentums fuhrt.“ Weder wird erläutert, inwiefern das Eigentum mit dem Freiheitsbegriff in Verbindung steht und auf welche Stellen oder auf welches Motiv der Schrift diese Behauptung zurückzuführen sein konnte noch wird angedeutet, welcher biblische (?) Freiheitsbegriff zugrunde gelegt wird. Rätselhaft bleibt auch, warum gerade die (angebliche) Verbindung des Eigentums mit dem Freiheitsbegriff zu einer besonderen Bedeutung der Sozialpflichtigkeit des Eigentums fuhren sollte (man konnte ja annehmen, dass gerade das Gegenteil der Fall ist). Die Darstellung der „Ansätze theologische Wirtschaftsethik“ ist dann auf insgesamt sechs Seiten (drei für die katholische, drei für die evangelische Perspektive) so knapp und tendiert so stark zur Zuspitzung konfessioneller Klischees, die in dieser extremen Form im sozialethischen und wirtschaftsethischen Diskurs langst obsolet sind, dass sie kaum noch zu verantworten ist: „Wahrend auf katholischer Seite vor allem die lehramtliche Sozialverkündigung maßgebend für die theologischen Reflexionen auf und über die Ökonomie ist, trifft man auf protestantischer Seite verstärkt auf ein heterogenes Bild wissenschaftstheoretischer Reflexionen.“ (S. 205)

Viel überzeugender (und ganz offensichtlich mit viel mehr Aufwand und Ernsthaftigkeit erarbeitet) gelingen die Ausführungen zu den strategisch-operativen Handlungskontexten, also zur Unternehmensethik im Hinblick auf die Sozialwirtschaft. Wie bereits die wirtschaftsethische wird auch die unternehmensethische Reflexion präzis und anschaulich durchgeführt und sehr plausibel auf den Bereich der Sozialwirtschaft bezogen. Gemessen an der vorausgegangenen strikten Unterscheidung von theologisch-ethischer und säkular-ethischer bzw. philosophisch-ethischer Reflexion überrascht es jetzt zwar, dass die außerhalb des theologischen Diskurses entwickelten unternehmensethischen Konzeptionen ganz reibungslos auf den Bereich der Diakonie bzw. der christlichen Organisationen der Freien Wohlfahrtspflege bezogen werden können und das zuvor so betonte christliche Proprium nun kaum noch erwähnt wird. Aber der Sache tut das keinen Abbruch, denn Aspekte und Motive bzw. Konzepte wie Sustainability, Corporate Citizenship, Unternehmenskultur, Corporate Governance und die Rolle der Führungskraft werden überzeugend in den sozialwirtschaftlichen Kontext gewissermaßen eingearbeitet.

Die Autorin bezeichnet ihr Buch selbst – mit einer ganz leichten Tendenz zum unbescheidenen Eigenlob – als „Gewinn sowohl für die wissenschaftliche Reflexion, [sic] als auch für die Praxis der sozialwirtschaftlichen Arbeit der Freien Wohlfahrtspflege in Deutschland“ (S. 23). Es biete ein „umfassendes Bild der komplexen Zusammenhange von ethischen und ökonomischen Anforderungen“ (ebd.) und überdies durch die „umfangreichen Literaturbezuge zu den einzelnen Themen“ die Möglichkeit, „die einzelnen Themenstellungen zu vertiefen und zu reflektieren“ (S. 17). „Als übergeordnete Erkenntnis der facettenreichen wissenschafts- wie handlungstheoretischen Reflexionen ist“ – so immer noch die Autorin selbst – „abschließend festzuhalten: Die enge Verflechtung aus ethischen und ökonomischen Anforderungen, wie sie sich für die Freie Wohlfahrtspflege in Deutschland darstellt, ist konstruktiv zu bewältigen, indem beide Realitäten ernst genommen und die jeweiligen Potentiale in Hinblick auf das multiple und von meta-ökonomischen Aspekten bestimmte Zielsystem der hybriden Institutionen genutzt werden.“ (S. 305) Der Rezensent mochte sich, vielleicht nicht im überschwänglichen Duktus, aber in der Grundtendenz, diesem Eigenlob anschließen, aber einige kritische Anmerkungen hinzufugen:

(a) Überzeugend erscheint grundsätzlich der weite Bogen, der über die Wirtschaftsethik zur Unternehmensethik fuhrt. Aber welchen Zusammenhang gibt es zwischen den wirtschaftsethischen und den unternehmensethischen Ansätzen? Sowohl Ulrichs als auch Homanns wirtschaftsethische Überlegungen korrespondieren ja mit (oder enthalten selbst) unternehmensethische(n) Überlegungen; in den unternehmensethischen Reflexionen der Arbeit (in denen beispielsweise der Ansatz von Josef Wieland eine wichtige Rolle spielt) bleiben diese Zusammenhange aber weitgehend im Hintergrund, so dass sich die Frage stellt, welche Funktion die Erörterungen zur Wirtschaftsethik für die systematische Gesamtkonzeption des Buches haben.

(b) Überzeugend erscheint grundsätzlich ein sozialethischer Zugriff auf die Thematik, da es, wie eingangs erwähnt, um eine zentrale sozialethische Frage der Ausgestaltung des Sozialstaats geht. Warum aber wird tritt dann die sozialethische Reflexion quantitativ und qualitativ so sehr in den Hintergrund? Sozialethische Interpretationsansätze kommen meist nur kursorisch oder skizzenhaft, kaum gründlich herausgearbeitet ins Spiel und dienen selten als Instrument für eine systematische Analyse und Durchdringung der relevanten Fragstellungen.

(c) Überzeugend erscheint grundsätzlich die Thematisierung von diakoniewissenschaftlichen (und damit theologischen) Gesichtspunkten, wenn es um die Freie Wohlfahrtspflege in Deutschland geht, für die konfessionelle Akteure eine bahnbrechende und bis heute prägende Rolle spiel(t)en. Warum aber wird die theologische Ethik beständig gegenüber nicht-theologischen Ethiken kontrastiert? Das erscheint unangemessen hinsichtlich der Ideengeschichte christlicher, aber auch säkularer Ethik. Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn man die sozialethische Orientierung der Kirchen in Rechnung stellt, die maßgeblichen Einfluss hatten auf die Konstituierung einer so starken intermediären Ebene innerhalb der Freien Wohlfahrtspflege in Deutschland. Dabei stehen die Überlegungen zur theologischen Ethik offensichtlich keineswegs im Zentrum des Interesses der Autorin – das müssen sie natürlich auch nicht, aber es entsteht eben ein Eindruck der Unausgewogenheit, wenn einerseits „Spezifität und Andersartigkeit“ theologischer Ethik betont, diese aber andererseits nicht sorgfältig herausgearbeitet werden.

Insgesamt bietet der Band einen guten und umfassenden Überblick über die ethische Reflexion sozialwirtschaftlichen Handelns. Der unternehmensethische Schwerpunkt wird völlig überzeugend durchgeführt. Der sozialethische Zugang bleibt weniger überzeugend und durfte auch kaum im besonderen Interesse der Autorin gestanden haben. Die wirtschaftsethische Reflexion ist für sich genommen sehr plausibel und präzis, aber es wird nicht ganz ersichtlich, welche systematische Rolle sie für den Gesamtzusammenhang – und insbesondere gegenüber der unternehmensethischen Reflexion – eigentlich spielt. Insgesamt liegt Buch vor, das aus Sicht des Rezensenten zweifellos einen wertvollen und weiterführenden Beitrag zur ethischen Reflexion der Sozialwirtschaft und insbesondere zur ethischen Reflexion der Entwicklung von Organisationen der Freien Wohlfahrtpflege darstellt.

Christian Spieß, Berlin