Wirtschaftsethik

Lütge, Christoph: Wirtschaftsethik ohne Illusionen. Ordnungstheoretische Reflexionen, Tübingen: Mohr Siebeck 2012, 212 S., ISBN 978–3–16–151782–2.

Das Buch enthalt 13 Aufsätze, die in den Jahren 2002 bis 2010 entstanden sind und nach eigener Auskunft „ein Zwischenergebnis meiner wirtschaftsethischen Bemühungen der vergangenen Dekade“ (S. 4) darstellen. Verknupft werden diese Aufsätze im Titel und in einer Einleitung unter dem Motto „Wirtschaftsethik ohne Illusionen“.

Thematisch weist das Buch drei größere Themenblocke auf: A) Wirtschaftsethik, dann B) Ethische Grundlagen und schließlich C) Informationsethik. Während der dritte Teil C) interessante und informierte Überlegungen zum speziellen Anwendungsfeld „Internet“ bietet, werden in den beiden ersten Teilen A) und B) – neben spezifischeren Themen wie „Managergehalter“, „Rentensystem“ oder „Konsum“ – konzeptionelle Überlegungen geboten, die zu einer grundsätzlichen und auch kritischen Diskussion anregen:

1. Im wirtschaftsethischen Teil A) folgt das Buch konzeptionell sehr stringent und bis ins Detail der marktwirtschaftlich orientierten Ordnungsethik, wie sie Karl Homann, mit dem zusammen Lütge auch bereits publiziert hat, in den letzten 25 Jahren entwickelt hat. Hier findet man die von Homann her bekannte These, dass der geordnete (!) „Wettbewerb die Losung vieler unserer Probleme“ (S. 2) sei. Anstatt nun eine vermutlich endlose Debatte über die segensreichen, bei Regelungsdefiziten aber auch ruinösen Wirkungen des Marktwettbewerbs zu fuhren, mochte ich hier nur auf eine konzeptionelle Einseitigkeit des Homann-Lütge-Ansatzes hinweisen: Die Unternehmenspraxis zeigt, dass es neben den von Homann diagnostizierten Dilemmasituationen ebenso viele Situationen gibt, in denen es einfach unklar ist, ob sich moralische Vorleistungen am Ende rechnen oder ob sie kosten. Wenn man nun solche Situationen der Ungewissheit („Kontingenzsituationen“) nur in der Logik von Dilemmasituationen wahrnimmt (in denen Moral nur kostet), verschenkt man ganz entscheidende Gestaltungsmöglichkeiten einer Unternehmensethik.

2. Im philosophisch orientierten Teil B) des Buchs wird vor allem die Frage thematisiert, was die philosophische Ethik, die Lütge als „naturalistische“ Ethik profiliert, zur Losung unserer Gesellschaftsprobleme beizusteuern hat. Eine Antwort auf diese Frage macht sich Lütge selber schwer, weil er an vielen Stellen des Buchs als „Semantik“ einer philosophischen Argumentation allein die ökonomische Vorteilsbegründung“ (S. 120 f.) gelten lasst. Dann drangt sich natürlich die Frage auf: Was bleibt da noch für die Philosophie? Denn ökonomisch codierte Argumentationen oder „anreizkompatible Regelgestaltungen“ (vgl. S. 114) kann die Ökonomik ja auch im Alleingang liefern. Hier sieht Lutge zwei Möglichkeiten: zum einen mochte er die Philosophie als „Interface“ oder als „Forum“ etablieren, und zum anderen erwähnt er mehrfach die „heuristische Funktion“ der Philosophie (z. B. S. 147. 153–155). Nun, während ich die erste Möglichkeit als wenig realistisch erachte (die Einzelwissenschaften warten nicht auf das philosophische „Forum“), scheint mir die zweite Option fruchtbar zu sein – allerdings nur dann, wenn sich die „Heuristik“ nicht in diffusen Visionen erschöpft, sondern präzise im Sinne dessen ausgearbeitet wird, was Karl Popper als philosophische oder „metaphysische Forschungsprogramme“ genannt hat.

Dass das Buch – neben vielen Einzelargumenten – zu solchen Grundsatzdebatten anregt, ist zweifelsohne eines seiner Verdienste.

Michael Schramm, Stuttgart