Andreas Niederberger, Philipp Schink (Hg.): Globalisierung. Ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart – Weimar: Metzler 2011, 450 S., ISBN 978–3–476–02272–1.
Die Handbuch-Reihe des Stuttgarter Metzler Verlages durfte mit seinen Ethik-Bänden inzwischen für viele Lehrende in den Disziplinen der philosophischen oder theologischen Ethik sowie der Sozialethik oder auch der angewandten Ethik zum unverzichtbaren Handwerkszeug geworden sein und fraglos auch auf studentisches Interesse stoßen. Zu den zuletzt erschienen Handbüchern gehört der von Andreas Niederberger und Philipp Schink herausgegebene Band zur Globalisierung.
In den frühen 1990er Jahren hat sich die Bezeichnung „Globalisierung“ etabliert – und zwar in der Tat als globaler Begriff. Bemerkenswerterweise gehörte der Schweizer Theologe Hans Kung zu den ersten, die den Terminus für den wissenschaftlichen Diskurs aufgenommen haben. Die englischsprachige Ausgabe zu „Projekt Weltethos“ (München 1990) erschien unter dem Titel „Global Responsibility“ (1993). In seinem späteren Band „Weltethos für Weltpolitik und Weltwirtschaft“ (1997) setzt er sich ausführlich und sehr differenziert mit dem Phänomen der Globalisierung auseinander. Im deutschen Sprachraum hat sich dann insbesondere der Soziologie Ulrich Beck mit einer Reihe an Publikationen der Globalisierungsthematik zugewandt (u. a. Was ist Globalisierung? 1997). Auch die von der Stiftung für Entwicklung und Frieden regelmäßig herausgegebenen Bestandsaufnahmen zu „Globale[n] Trends“ befassen sich seit rund zwei Jahrzenten (1993) mit internationalen Problemen und Herausforderungen im Weltmaßstab.
Wie vielfaltig das Phänomen, oder präziser: die Phänomene der Globalisierung sich darstellen, wird besonders deutlich, wenn man sich mit den zahlreichen Abhandlungen im Handbuch Globalisierung auseinandersetzt. Dabei wird unübersehbar, was ohnehin von unterschiedlichen Stimmen immer wieder angemahnt wird: dass Globalisierung weit mehr umfasst als allein die ökonomische Dimension. So veranschaulicht bereits der erste Teil des Handbuches (S. 9–94) das thematische Spektrum, das Standardthemen wie Politik, Ökonomie, Recht oder Religion(en) umfasst, aber ebenso speziellere Fragestellungen wie Kollektive Gewalt, Technik und technische Prozesse oder Geschlechterverhältnisse aufgreift.
Lasst sich angesichts dieser thematischen Vielfalt, „Globalisierung“ überhaupt auf einen Begriff bringen? Dieser Frage – unter Berücksichtigung der historischen und entwicklungsgeschichtlichen Dimension sowie unter Einbeziehung von begrifflichen Abgrenzungen – etwa von ‚Globalität’ – gehen die beiden Herausgeber Niederberger und Schlink in ihrer Einleitung ausführlich nach (S. 1–8).
Das zweite Kapitel greift – unter der Forschungsperspektive – weithin die Themenkreise aus dem ersten Teil wieder auf; dass nun für die Abschnitte dieses Teils Disziplinen wie Literaturwissenschaft, Medien- und Kulturwissenschaft oder Ethnologie notiert werden, verdient zumindest eine eigene Erwähnung.
Im dritten Kapitel geht es um eine Ausdifferenzierung in „Kernthemen der Globalisierungsdiskussion“. Sechs Problembereiche werden hier sortiert: zunächst geht es um Allgemeine Kontroversen (III.1), dann um den Bereich der Ökonomisch- sozialen Kontroversen (III.2), drittens um Politische Gestalt und politische Konsequenzen (III.3). Der vierte Abschnitt ist überschrieben mit Identität, Gemeinschaft und Religion (III.4), im fünften Unterteil werden Neue Technologien und Ökologie (III.5) thematisiert und der sechste Unterteil schließt mit Ausführungen zur Globalisierungskritik (III.6).
Ein vierter Hauptteil (IV.) fuhrt in einem Glossar eine Vielzahl an Begriffen auf, die für den Globalisierungsdiskurs von Relevanz sind. Ein Anhang, unter anderem mit Sach- und Personenregister sowie mit Hinweisen zu den Autorinnen und Autoren, beschließt die umfangreiche Publikation.
Keine Frage: Mit dem Handbuch zur „Globalisierung“ liegt ein facettenreiches und weithin gelungenes Arbeits- und Studienbuch sowie ein überaus ergiebiges Nachschlagewerk zu den mit der Globalisierungsthematik verbundenen Phänomenen und Problemstellungen vor. Wer sich intensiv mit dem Band befasst hat, darf sich fraglos als kompetent und mehr als solide orientiert im Globalisierungsdiskurs betrachten.
Als Ziel und Anliegen des Bandes wird eingangs formuliert: „…einerseits zu reflektieren, welche Ereignisse und Entwicklungen es sinnvoll erscheinen lassen, den Begriff der Globalisierung zu nutzen, damit man sie bestimmen und in einen Zusammenhang mit anderen Ereignissen und Entwicklungen bzw. deren Hintergründen setzen kann. Andererseits soll nachgezeichnet werden, welche neuen, vielleicht auch problematischen Deutungen von Phänomenen bzw. entsprechenden Herangehensweisen in der human- und kulturwissenschaftlichen Forschung die Referenz auf diesen Begriff ermöglich hat“ (S. 1f). Sowohl durch die grundsätzlichen Fragen, die aufgeworfen werden und sich auf Theorie wie auf Empirie beziehen, als auch aufgrund der Vielseitigkeit der thematischen Perspektiven, genügt das Handbuch seiner eigenen Zielsetzung bestens. Anfragen und Kritikpunkte ergeben sich in erster Linie hinsichtlich der Struktur des Bandes und der Abfolge der bereichsspezifischen Thematisierungen. Bei zwei Wissenschaftler, die politisch-philosophisch und in diesem Kontext, soweit dies über deren Schrifttum wahrnehmbar ist (insbesondere bei Andreas Niederberger), stark normativ ausgerichtet sind, ist es doch etwas erstaunlich, dass stets der Ökonomie die „Pole-Position“ in den einzelnen Hauptteilen gewahrt wird. Gewiss, Politik bzw. politische Themen oder Strukturfragen folgen meistens auf der zweiten Position, aber dass etwa Ökologie bzw. ökologische Fragstellungen erst weit hinten im Band (S. 333 ff. bzw. S. 355 ff.) zu finden sind, darf als Provokation betrachtet werden. Ebenfalls fragwürdig bleibt, warum in Kapitel III.2 empirisch akzentuierte Fragestellungen (Hunger und Armut – S. 231 oder Migration und Flucht – S. 249) in unmittelbarer Nachbarschaft zu einer theoretisch und stark normativ orientierten, nebenbei bemerkt sehr gelungenen, Darstellung zu Normativen Modellen globaler Gerechtigkeit (S. 241) zu finden sind. Aus meiner Sicht hatte es sich nahe gelegen, sämtliche praktischen Herausforderungen mit globaler Reichweite in einem eigenen Kapitel zusammenzufuhren – analog zum Strukturprinzip der beiden ersten Hauptteile. So wirkt überdies der Unterteil III.4, allein von den Überschriften her, die keinerlei expliziten Bezug zur Globalisierungsthematik aufweisen, als inhaltlicher Fremdkörper in der Gesamtabfolge von Hauptteil III. Die Verbindung von Technik, Natur und Ökologie erscheint nahe liegend, irritiert aber doch in dem existierenden Mix, etwa zwischen Internet einerseits und Klimawandel andererseits, wie er in III.5 (S. 345ff bzw. 355.) zu finden ist. Querverweise in den einzelnen Beitragen auf andere Beitrage einzubauen, ist wahrlich aufwändig – aber es wäre für das praktisch-konkrete Arbeiten mit dem Handbuch dennoch hilfreich.
Trotz der meinerseits (auswahlweise) aufgeführten Kritikpunkte, lohnt es sich, dieses vielseitige und ergiebige Werk zu nutzen – und zwar dem Wortsinn entsprechend: Es immer wieder in die Hand zu nehmen und darin zu studieren.
Schlussendlich wird man gespannt sein dürfen, mit welchen thematisch orientierten Handbüchern, die bereits in Vorbereitung sind, der Metzler Verlag uns in den nächsten Jahren bedienen und – wie stets wissenschaftlich fundiert – versorgen wird.
Johannes J. Frühbauer, Luzern