Biographie Carl Sonnenschein

Friedel Doért: Carl Sonnenschein. Seelsorger, theologischer Publizist und sozialpolitischer Aktivist. Münster: Aschendorff 2012, 799 S., ISBN 978–3–402–12948–7.

Die vorliegende Biographie ist als Dissertation am Institut f. Kath. Theologie an der Universität Dortmund entstanden. Der Vf. war 26 Jahre in Iserlohn Leiter einer Carl-Sonnenschein-Schule und hat sich nach seinem Eintritt in den Ruhestand umfassend mit dem Namensgeber seiner Wirkungsstatte auseinandergesetzt. Die voluminöse Arbeit enthalt neben dem eigentlichen Text, der eine Vielzahl von prägnanten Zitaten Sonnenscheins enthalt, eine größere Anzahl von Abbildungen, ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis und eine Zeittafel des Lebens von Carl Sonnenschein (1876–1929). Die Arbeit ist in größere Lebensabschnitte gegliedert, und enthalt fur die einzelnen Lebensphasen entsprechende Sachthemen.

Wohl auch durch Beispiel seines Patenonkels, der Pfarrer in Essen-Borbeck war, veranlasst, entscheidet sich der früh vaterlos gewordene Sonnenschein für den Priesterberuf. Das Studium absolviert er an der Gregoriana in Rom, wo er 7 Jahre im „Germanicum“ lebt. Sonnenschein erwirbt in Rom die zwei Doktortitel in Philosophie und Theologie, wobei es um 1900 noch nicht üblich war, dass man dafür eine längere schriftliche Arbeit anfertigen musste. Durch seine wache Beobachtung der sozialen und politischen Verhältnisse in Rom kommt Sonnen schein in Verbindung mit italienischen Reformkatholiken, die das päpstliche Verbot der politischen Betätigung (aktives wie passives Wahlrecht) nach dem Verlust des Kirchenstaates überwinden wollen. Der eine Priester (Muri), mit dem Sonnenschein in Kontakt ist, wird später exkommuniziert, wahrend der andere (Sturzo) später Begründer der democrazia christiana wird. Sein Primizspruch aus Lk 4,18 (Ich bin gekommen, den Armen das Evangelium zu verkünden) prägt die spätere Einstellung und das ganze Lebenswerk Sonnenscheins.

Nach seiner Rückkehr aus Rom wurde Sonnenschein als Kaplan jeweils für kurze Zeit in drei Gemeinden (1901–1906) eingesetzt, wo er stark aneckte, weil er seine regulären Verpflichtungen als Priester vernachlässigte, sich aber vielfaltig sozial, politisch und gesellschaftlich engagierte, z. B. in den Wuppertaler Streiks, in denen italienische Bauarbeiter als Streikbrecher eingesetzt wurden, auf die Sonnenschein aufgrund seiner Italienischkenntnisse einwirkte. In der Zentrumspartei setzte er sich für Arbeiter als Kandidaten ein.

Sonnenschein wurde 1906 für die Mitarbeit beim Mönchengladbacher Volksverein für das katholische Deutschland freigestellt. Dort sollte er die soziale Studentenarbeit aufbauen. Sonnenschein wollte damit die „Standesdunkel“ und die soziale Distanz der angehenden Akademiker überwinden, die durch eine „Volksgemeinschaft“ von Kopf- und Handarbeitern abgelöst werden sollten. Dies führte zu Konflikten mit den katholischen Studentenverbindungen. In 41 Orten Deutschlands entstanden studentische sozialcaritative Initiativen, die z. T. mit dem Kolping kooperierten, um Gesellen und Studenten ins Gespräch zu bringen.

Zugleich war er entschiedener Anhänger der interkonfessionellen Christlichen Gewerkschaften, was ihm in einigen Bistümern (Breslau, Trier) Redeverbot eintrug. Sonnenschein war Monarchist und unterstutzte die deutsche Expansionspolitik im 1. Weltkrieg (z. B. den Anschluss von Flamen an das Reich). Da er als Feldgeistlicher nicht akzeptiert wurde, unterstutzte er im 1. Weltkrieg die einberufenen Studenten und Akademiker mit einer Vielzahl von Flugschriften. Er reiste auch in besetzte Gebiete, um dort Reden zu halten.

Als nach Ende des 1. Weltkrieges belgische Truppen den Niederrhein besetzten, verließ er fluchtartig Mönchengladbach und zog nach Berlin, wo er in 10 Jahren eine beeindruckende Vielfalt an Aktivitäten entfaltete. Er hatte nichts weniger als das Ziel, mit einem Anteil von 400 000 Katholiken bei rd. 4 Millionen Einwohnern die katholische Kirche zu einer einflussreichen gesellschaftlichen Größe zu machen.

Kernpunkte seiner Arbeit waren zunächst wieder die studentischen Belange und sozialen Notlagen (Wohnungsnot, fehlende Stipendien bzw. Arbeit). Mit dem Entstehen der politischen Interessensvertretungen der Studierenden (Asten) und der Einrichtung von Studentenwerken kam es zu neuen Institutionen, an deren Gründung er beteiligt war. Für Studenten und Akademiker wurde eine Arbeitsvermittlung organisiert. Als Priester ohne Pfarreiaufgaben hielt Sonnenschein soziale Sprechstunden ab, zu denen Hilfsbedürftige aller Art kommen konnten.

Besondere Wirksamkeit entfaltete Sonnenschein nicht nur als Redner und Sprecher im neu entstehenden Radio, sondern vor allem als Schriftleiter der Kath. Kirchenzeitung, deren Auflage er innerhalb weniger Jahre von 25 000 auf 100 000 steigern konnte.

Andere Initiativen betrafen die Einrichtung einer Akademischen Lesehalle (vor allem für kath. Studierende), die Errichtung einer Kath. Volkshochschule in Berlin, den Bau von Wohnsiedlungen für Katholiken in Berlin oder die Gründung von Sportvereinen.

Spirituell regte Sonnenschein durch Evangelienerklärungen am Samstagabend und gemeinsame Wanderungen und Ausfluge einen Freundeskreis an. Dieser und weitere Sponsoren unterstutzen finanziell seine vielfaltigen Aktivitäten. Dabei hatte Sonnenschein Unterstutzer in der neu in die Machtzentren Berlins einrückenden katholischen Elite in Gestalt der Reichskanzler und Minister aus der Zentrumspartei. Sonnenschein gehörte zu den Personen, die das Zentrum auch für Protestanten im Sinne einer christlichen Partei öffnen wollten.

Die Katholiken Berlins sollten durch regionale Katholikentage, aber auch bei Demonstrationen zu konkreten Anlassen (Seelsorgebeschränkung für Geistliche an öffentlichen Krankenhäusern) mobilisiert werden.

Die Biographie und ihr Umfang können der vielseitigen Persönlichkeit und dem vielfaltigen Werk Sonnescheins sowie seines eindrucksvollen Wirkens gerecht werden. Doert zeigt aber auch Grenzen Sonnenscheins auf, wie politische Fehleinschatzungen, ein wenig rücksichtsvoller Umgang mit Mitarbeiter/innen und sein unsystematisches Vorgehen bei vielen Aktivitäten, die vielfach nicht nachhaltig gewesen sind.

Bemerkenswert an der Position Sonnenscheins ist, dass er die Hauptstadt und größte Stadt Deutschlands, Berlin, als pastorale Herausforderung begreift, die er aus kirchlicher Sicht offensiv angehen wollte. Dabei spielt seine soziale Sensibilität für Notlagen und sein Bemühen, diese jeweils konkret anzugehen und dabei auch unkonventionelle Wege einzuschlagen, eine wesentliche Rolle. Ein weiteres hervorzuhebendes Merkmal ist sein Gespür für neue Herausforderungen und Möglichkeiten der Glaubensverkündigung, z. B. im aufkommenden Rundfunk. Insofern stellt Sonnenschein auch für heutiges kirchliches Handeln ein Vorbild dar.

Joachim Wiemeyer, Bochum