Arbeit und soziale Gerechtigekiet

Andreas Fisch, Daniela Kirmse, Stefanie A. Wahl, Sebastian Zink (Hg.): Arbeit – ein Schlüssel zu sozialer Gerechtigkeit (Forum Sozialethik Bd. 11), Münster: Aschendorff 2012, 260 S., ISBN 978–3-402–10637–2.

Bei dem hier zu besprechenden Buch handelt es sich um die Dokumentation einer Tagung junger katholischer Sozialethikerinnen und Sozialethiker, die regelmäßig als „Forum Sozialethik“ in der Kommende in Dortmund zusammenkommen, hier also zum 21. Mal im Jahr 2011 zum Thema „Erwerbsarbeit“.

Es mag überraschen oder irritieren, aber man kann als Sozialethiker den Herausgeberinnen und Herausgebern nur zustimmen, wie sie ihre Einführung – also auch und besonders mit Blick auf ihre eigene Disziplin – beginnen: „Lange Zeit war das Thema „Arbeit“ verschwunden aus den Diskussionen um eine sozial gerechte Gesellschaft. Und das, obwohl sich viele gesellschaftstheoretische Konzeptionen auf Arbeit als den zentralen gesellschaftlichen Tatbestand berufen. Diesen Entwürfen ist gemein, dass sie die (kapitalistische) Gesellschaft und ihre Dynamik als ‚Arbeitsgesellschaft’ konstruieren, egal ob sie auf bürgerlichen, liberalen oder marxistischen Traditionen fußt. Charakteristisch für eine Arbeitsgesellschaft ist, dass in ihr „die Verteilung der gesellschaftlichen Güter, der Lebenschancen, des gesellschaftlichen Ansehens und des individuellen Selbstwertgefühls weitgehend über die Erwerbsarbeit geregelt ist“. Damit wird (Erwerb-) Arbeit zu einem Ausgangspunkt für Fragen der Gerechtigkeit und der entscheidende Schlüssel für soziale Gerechtigkeit in einer Arbeitsgesellschaft“ (S. 11).

Nach der Lektüre der einzelnen Beitrage erscheint es mir jedoch nicht unerheblich, dass sie sich bei ihrem Hinweis auf die Arbeitsgesellschaft nicht auf die dann doch in jüngster Zeit dazu geführten Debatten in der eigenen Disziplin beziehen, etwa auf die theologischen Habilitationsschriften zu Erwerbsarbeit und Arbeitsgesellschaft von Torsten Meireis (evgl.) und Matthias Mohring-Hesse (kath.). Der Autor, auf den sich die Autoren hier bei ihrem einführenden Hinweis auf die Bedeutung des Konzepts Arbeitsgesellschaft beziehen und den sie zitieren, der Jesuit G. Haeffner, ist ein wohl verdienter philosophischer Anthropologe, aber eben kein Sozialethiker. Es ist nicht einfach beckmesserisch, wenn man darauf hinweist, dass die zu begrüßende Initiative und die vielen interessanten Argumentationen des Bandes hier schoneine m. E. entscheidende Schwache und Schlagseite mitbekommen. Der verstorbene Münchener Kollege und Mitbruder von G. Haffner, der Sozialethiker Walter Kerber, hat immer wieder darauf insistiert, dass „soziale Gerechtigkeit“ in der klassischen Tugendlehre nicht vorkommt und als Begriff erst in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts in kirchlichen Texten erscheint, und wichtiger noch: Soziale Gerechtigkeit sei ein historisch produzierter Gesamtzusammenhang – so z. B. eindringlich in seinem Artikel Gerechtigkeit im 17. Band der von Franz Bockle 1981 herausgegebenen Enzyklopädie Christlicher Glaube in moderner Gesellschaft (S. 5–11, 20–75).

Eine zweite spontane Beobachtung zu Beginn der Lektüre dieses Buches scheint mir diese Irritation zu unterstutzen: In der kirchlichen Sozialverkündigung, vor allem bei Johannes Paul II., heißt es immer wieder, fast gebetsmühlenhaft: „Arbeit ist der Schlüssel zur sozialen Frage“ – also nicht wie hier „ein Schlüssel zu sozialer Gerechtigkeit“. Er schreibt z. B. seine Enzyklika Laborem exercens „nicht so sehr in der Absicht, die bisherigen Aussagen des kirchlichen Lehramtes aufzugreifen und zu wiederholen. Vielmehr geht es darum, vielleicht mehr als bisher herauszustellen, dass die menschliche Arbeit ein Schlüssel und wohl der wesentliche Schlüssel in der gesamten sozialen Frage ist, wenn wir sie wirklich vom Standpunkt des Wohls für den Menschen betrachten wollen. Wenn die Lösung oder vielmehr die allmähliche Lösung der sozialen Frage, die sich immer wieder neu stellt und immer komplizierter wird, darauf abzielen soll, das menschliche Leben menschlicher zu machen, dann bekommt gerade dieser Schlüssel, die menschliche Arbeit, eine grundlegende und entscheidende Bedeutung“(LE, 3).

„Soziale Frage“ oder „Arbeiterfrage“ war in der katholischen Sozialtradition nicht als – im traditionellen Sinne – caritative Frage, als „Arbeiterernährungsfrage“ verstanden worden, sondern immer als gesellschaftspolitische Frage danach, welchen Platz die neu entstandene Klasse oder der neue Stand in der entstehenden und sich durchsetzenden Industriegesellschaft haben sollte: was diese oder dieser also zur inhaltlichen Bestimmung dessen, was darin als gerecht gelten soll, beitragen soll und kann. Es ist nicht von ungefähr, dass Demokratie als Staatsform und die industriegesellschaftliche Form der Arbeitsgesellschaft parallel entstanden sind bzw. sich in vielen Debatten und Kämpfen durchsetzen konnten. Die ganze Wucht der Frage nach der Bedeutung der Erwerbsarbeit, nach den Funktionen des „Normalarbeitsverhältnisses“ wird erst bewusst, wenn man mit Hannah Arendt der Frage nachgeht, was es bedeutet, dass die Gesellschaft, der (vielleicht) die Arbeit ausgeht, trotzdem eine Arbeitsgesellschaft bleibt. Was zu Ende geht, ist nicht die Arbeitsgesellschaft sondern (vielleicht) die Industriegesellschaft. Dienstleistungsgesellschaft und/ oder Wissensgesellschaft sind Arbeitsgesellschaften.

Meine beiden Vorbemerkungen oder Ahnungen(eine „starke“ Anthropologie als heimliche Voraussetzung und eine eher „unpolitische“ Vorstellung von Gerechtigkeitstheorie) zeigen sich mir dann doch sehr deutlich in der Themenführung bzw. Abfolge des Bandes (was man aber auch nicht überstrapazieren sollte, um einzelnen Beitragen gerecht zu werden):

  • Jochen Ostheimer fragt nach dem Potenzial liberaler Theorien für die sozialethische Reflexion auf Arbeit und Sozialstaat.
  • Christian Stoll sucht in den Kapitalismusanalysen Max Webers nach personaler Arbeit als Leitkategorie einer theologischen Arbeitsethik.
  • Stefanie Wahl sucht mit einer Analyse prekärer Beschäftigung auf dem Hintergrund von Axel Honneths Theorie der Anerkennung nach Misachtungserfahrungen durch Prekarisierung.
  • Martin Schneider untersucht die, wie er sagt, „alten“ Begriffe Ausbeutung und Entfremdung als „Artikulationsformen für Ungerechtigkeitsempfindungen“, die auf eine „Reartikulation und eine normative Begründung angewiesen sind“. Er will so Perspektiven für eine kritische Bewertung des Umbruchs in der Arbeitswelt gewinnen.
  • Die Beiträge von Simone Horstmann über Utopie („zwischen Rationalisierung und Gamification“) und von
  • Sonja Sailer-Pfister über Muße und Beschleunigung bestätigen –zumindest in der hier vorgelegten Abfolge der Tagungslogik- meine Irritationen über die hier zu besprechende Beschäftigung mit dem Thema Erwerbsarbeit in einer theologischen Sozialethik unter der dominierenden Perspektive der „Selbstverwirklichung durch Erwerbsarbeit“ als Schlüssel zu sozialer Gerechtigkeit.
  • Es folgen Beiträge über Fürsorgearbeit und über Werkstatten für Menschen mit geistiger Behinderung und zum Schluss zwei hochaktuelle und kenntnisreiche Beitrage zum kirchlichen Arbeitsrecht.

    Ich empfehle den Lesern, die Lektüre dieses Buches mit diesen beiden Beitragen zu beginnen:

  • Hermann Lührs, Ist der „dritte Weg“ der Kirchen gerecht?
  • Judith Hahn, Rechtliche Einheit als Gerechtigkeit. Kirchenrechtliche Annäherung an die Novellierung der Grundordnung des kirchlichen Dienstes.

Stellen Sie sich, lieber Leser, und der theologischen Sozialethik die Frage, warum kirchliche Arbeit, erst recht Arbeit in Caritas und Diakonie, nicht Erwerbsarbeit sein soll und wer das wie begründet (hat). Eine aktuelle Studie der Hans-Bockler- Stiftung stellt für die Diakonie fest, dass diese Frage nie von Theologen sondern von Juristen (nicht von Kirchenrechtlern) in den Kirchenleitungen festgelegt wurde. Das wäre für die katholische Seite naher zu untersuchen: Hermann Luhrs und Judith Hahn weisen dazu akribisch und kenntnisreich den Weg. Die Ursachen für das Scheitern des Dritten Weges liegen offensichtlich vor allem darin, dass die kirchlichen Arbeitgeber sich weigern anzuerkennen, dass Erwerbsarbeit in Arbeitsgesellschaften auf historisch erstrittene, vielfaltige und komplexe Mechanismen (nicht nur der Lohnfindung) angewiesen ist, die Mitbestimmung, Professionalität, Augenhohe, letztendlich Integration und Inklusion, gesetzliche Sicherheit usw. garantieren müssen. Das ist hochkomplex und auf friedliche Regelung sensibler und konfliktträchtiger Interessen ausgerichtet. Dem sind kirchliche Behörden (mit ihrer noch stärkeren Anthropologie und ihrer noch unpolitischeren Gerechtigkeitstheorie als ich den Autoren in diesem Band unterstelle) nicht gewachsen.

Wenn man nach dem Studium dieser beiden Aufsätze die anderen Beitrage (noch mal) liest und noch einmal in die Einführung schaut, wird man die kritische Funktion des Begriffs „Arbeitsgesellschaft“ in dem Zitat von G. Haeffner vielleicht eher würdigen können. In der Einführung hatten die Herausgeberinnen und Herausgeber geschrieben: „Charakteristisch für eine Arbeitsgesellschaft ist, dass in ihr „die Verteilung der gesellschaftlichen Güter, der Lebenschancen, des gesellschaftlichen Ansehens und des individuellen Selbstwertgefühls weitgehend über die Erwerbsarbeit geregelt ist“.

Abgeschlossen wird der hier vorliegende Band mit zwei Beiträgen, die unter der mir schwer verständlichen Überschrift stehen: Arbeit jenseits von Selbstverwirklichung und Menschenrecht. Stefan Leibold schreibt über: Arbeitest du noch oder lebst du schon? Warum Arbeit im Kapitalismus nicht glücklich macht und die Katholiken das früher auch wussten und Eike Bohlen fragt: Gibt es ein Recht auf Arbeit? Er plädiert für ein bedingungsloses Grundeinkommen als Alternative zu einem Recht auf Arbeit.

Dazu ist mittlerweile fast alles gesagt. Die vielen erstrittenen und erkämpften Funktionen, die das Normalarbeitsverhältnis hatte und hat und mittlerweile ja auch wieder haben soll, werden hier „bedingungslos“ auf die des Einkommens reduziert. Man stelle sich in den heutigen Auseinandersetzungen zur „Lösung“ der Kapitalmarktkrise oder der Staatsschuldenkrise vor, wir hätten uns auf diese einfache Lösung eingelassen. Hat das nicht was von kirchlichem Paternalismus und einer geheimen Sehnsucht nach dem ersten Weg (und der Verabschiedung des dritten und des zweiten Weges) – oder auch nicht? Mich irritiert hier sehr die Leichtigkeit und das lockere Hüpfen über manche argumentative Hürde. Daher empfehle ich noch einmal: Beginnen Sie die Lektüre dieses Bandes mit einem intensiven Studium der beiden Aufsätzen zum kirchlichen Arbeitsrecht!

Heiner Ludwig, Darmstadt