Grunwald, Armin: Ende einer Illusion. Warum ökologisch korrekter Konsum die Umwelt nicht retten kann, München: Oekom, 2012, 123 S., 9,95 €. Paech, Niko: Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie, München: Oekom, 2012, 155 S.,14,95 €.
Reller, Armin/Holdinghausen, Heike: Wir konsumieren uns zu Tode. Warum wir unseren Lebensstil ändern müssen, wenn wir überleben wollen, Frankfurt a. M.: Westend Verlag, 2011, 190 S., 12,99 €.
Drei engagierte Kommentare zu aktuellen Entwicklungen. Drei Analysen, warum die bisherigen Schritte hin zu einer nachhaltigen Welt nicht sonderlich weit getragen haben. Drei Plädoyers, was sich ändern muss. Drei neue Bücher zur gegenwärtigen Konsumgesellschaft, alle drei wissenschaftlich fundiert, für die interessierte Allgemeinheit geschrieben und gut lesbar, aber in unterschiedlicher Weise mit Biss und Verve.
Der für seine Ideen zu einer Postwachstumsökonomie bekannte Wirtschaftswissenschaftler Paech untersucht die Frage, ob die seit einigen Jahren geläufige Zauberformel des qualitativen Wirtschaftswachstums – die Entkopplung des BIP vom Ressourcenverbrauch – realistisch ist. Auf der „green economy“ ruhten ganz verschiedene Hoffnungen. Sie vermöge die „drei Säulen der Nachhaltigkeit“ in einer allseits zustimmungsfähigen win-win-Formel miteinander zu vereinbaren: wirtschaftlichen Wohlstand, sozialen Ausgleich und Umweltschutz. Paechs Position dazu ist eindeutig. Er hält ein solches Wirtschaftsmodell für trügerisch. Er will daher dem Leser „den Abschied von einem Wohlstandsmodell erleichtern, das aufgrund seiner chronischen Wachstumsabhängigkeit unrettbar geworden ist“ (Paech 7). Dazu erklärt er ihm in drei Thesen, dass erstens das allgemein wertgeschätzte Wohlstandsniveau wirtschaftliches Wachstum benötige und damit unweigerlich die Umwelt „plündere“ und dass zweitens die Versuche, Wirtschaftswachstum und Umweltverbrauch zu entkoppeln, im besten Fall versagten, normalerweise aber die Ressourcenverschwendung sogar verschlimmerten. Drittens skizziert Paech in einer positiven Vision die Vorzüge einer Postwachstumswirtschaft.
Die modernen Wohlstandsgesellschaften hingegen lebten über ihren Verhältnissen. „Sie entgrenzen ihren Bedarf erstens von den gegenwärtigen Möglichkeiten, zweitens von den eigenen körperlichen Fähigkeiten und drittens von den lokal oder regional vorhandenen Ressourcen.“ (Paech 10). Der massive und vielfältige Einsatz von „Energiesklaven“ führe unabänderlich zu einem gravierenden Verstoß gegen intergenerationelle und globale Gerechtigkeit.
Wie sich dies im Alltag genau vollzieht, stellen Reller, Professor für Ressourcenstrategie, und die taz-Jouralistin Holdinghausen eindrücklich dar. Sie erzählen sehr anschaulich Stoffgeschichten und machen auf diese Weise deutlich, welche Wege ganz alltägliche Stoffe wie etwa Baumwolle, Zucker oder Kupfer oder kaum bekannte Elemente wie die „Seltenen Erden“ von der Wiege bis zur Bahre gehen. Stoffströme dieser Art seien schon aus der Antike bekannt. Doch mit der Industrialisierung hätten sie sprunghaft zugenommen und verstärkten sich wechselseitig – was auch der Grund dafür sei, dass eine „grüne Wirtschaft“, die energie- und rohstoffintensive Produktionsweisen durch „leichtere“ Alternativen ersetzen wolle, kaum möglich sei (wie auch Pech in seiner zweiten These darlegt). Denn, um ein Beispiel zu nennen, auch die Anlagen zur Erzeugung von Wind- oder Sonnenstrom beanspruchten in ihrer Erzeugung viele Ressourcen und viel Energie, und ihre Entsorgung sei bislang nicht ökologisch sauber geregelt.
Die gigantischen Stoffströme, die die Weltwirtschaft am Laufen hielten, seien alles andere als harmlos. Dies habe verschiedene Gründe. So würden durch den großflächigen Abbau von Rohstoffen oder durch die Agrarindustrie Landschaften und somit Lebensräume zerstört. Des Weiteren würden Stoffe in großem Ausmaß freigesetzt, deren Wirkung mehr oder weniger vollständig unerforscht sei. Dies gelte für Kunststoffe oder Nano-Partikel in gleicher Weise. Und dann sei da noch der Müll: Giftmüll und scheinbar harmloser Plastikmüll, der etwa im Pazifik eine riesige Insel bilde und in die Nahrungskette gelange.
Doch nicht nur die Umweltbelastungen und -zerstörungen seien ein gewaltiges Problem. Diese Art des verschwenderischen Wirtschaftens sei auch höchst unklug. Zahlreiche wertvolle Rohstoffe gingen infolge einer nachlässigen Entsorgung tonnenweise verloren. Sie würden in winzig kleinen Partikeln in alle Winde zerstreut und stünden für eine weitere Nutzung nicht mehr zur Verfügung. Stoffströme würden nicht zu Wiederverwertungsketten geschlossen, weil der Abbau von Rohstoffen für jeden einzelnen Akteur viel preiswerter als das Recyceln sei. Kollektiv betrachtet sei dies jedoch eine aberwitzige Verschwendung.
Was kann dagegen getan werden? Und vor allem: Wer kann etwas tun? Damit setzt sich Grunwald, Experte für Technikfolgenabschätzung, auseinander. Er geht die wichtigsten Akteursgruppen durch und untersucht, ob sie den „Schlüssel zu Nachhaltigkeit“ (Grunwald 17) hätten. Spätestens das Scheitern der großen Weltklimaverhandlungen zeige, dass ein solcher Schlüssel auf keinen Fall in der Politik zu finden sei. Die Wirtschaft sei ebenfalls kein „Motor der Nachhaltigkeit“ (Grunwald 21). Paech würde hier differenzieren. Die strukturellen Wachstumszwänge, die Nachhaltigkeit verhinderten, könnten zumindest teilweise durch eine „Ökonomie der Nähe“, d. h. durch „eine Verkürzung der Produktionsketten bis zur Lokal- oder Regionalversorgung“ (Paech 114), aufgebrochen werden. – Zuletzt legt Grunwald dar, dass auch die Zivilgesellschaft, die in aktuellen Diskussionen so gerne als letzter verbliebener „Hoffnungsträger“ (Grunwald 23) angerufen werde, die großen Erwartungen nicht zu erfüllen vermöge.
Und so scheint nur noch der verantwortliche Konsument übrig zu bleiben, der Verbraucher, der, wie Paech in seiner dritten These entfaltet, den Wert der Suffizienz für sich entdeckt. Nach Grundwald ist dies recht illusorisch. Er zählt all die Hürden auf, die sich einem ökologisch verantwortungsbewussten Verbraucher stellen, wie etwa die Informations- und Wissensdefizite oder paradoxe Systemeffekte (so könne der ökologisch begründete Boykott einer gefährdeten Fischart dazu führen, dass die Fischer sie wegen des Preisverfalls um so stärker befischten). Außerdem wirkten etliche umweltverträgliche Güter dadurch kontraproduktiv, dass sie beim Hersteller und/oder beim Verbraucher das ökologische Gewissen beruhigten, so dass umweltschädliches Verhalten in anderen Bereichen um so leichter ausgeblendet werde (wofür alle drei Bücher eindrückliche Beispiele liefern). Vor allem aber stelle sich bei der erforderlichen kollektiven Mobilisierung von Konsumenten ein moralisches Problem ein. Die Entscheidung für ein bestimmtes Produkt sei eine private Entscheidung, die in der liberalen Gesellschaft als solche nicht angetastet werden dürfe (was nicht ausschließe, dass der Gesetzgeber schädliche Produkte oder Produktionsweisen verbiete). Wenn nämlich der private Konsum in den Dienst des Gemeinwohls gestellt werde, griffen die für den öffentlichen Raum konstitutiven Transparenzverpflichtungen auf das Private über; und das sei als totalitär abzulehnen.
Nachhaltigkeit, so Grundwalds Fazit, sei „als öffentliche Aufgabe an[zu] erkennen“ (Grunwald 89). Als eine solche sei sie nicht so sehr eine Angelegenheit des Konsumenten (diese Verantwortung bleibe natürlich nach wie vor bestehen), sondern des Bürgers. Diese Rollenunterscheidung ist für Grunwald zentral. Der Einzelne wird also nicht aus seiner Verantwortung entlassen, aber die Verantwortung wird spezifisch adressiert. Zwar stimmt Grunwald mit Paech methodisch darin überein, dass für eine Nachhaltigkeitsbewertung eine holistische Sichtweise erforderlich sei, dass es also nicht weiterführe, einzelne Techniken als solche als (nicht) nachhaltig zu qualifizieren. Doch die von Paech geforderte „Subjektorientierung“ (Paech 97) lehnt Grunwald zwar nicht ab, sie ist ihm jedoch zu pauschal.
Im Hintergrund steht das von Grunwald mit entwickelte „integrative Konzept von Nachhaltigkeit“, dem zufolge angesichts des globalen und systemischen Charakters nachhaltiger Entwicklung das Attribut „nachhaltig“ nur auf den weltgesellschaftlichen Entwicklungspfad im Ganzen angewandt werden könne. Daher komme der Rahmenordnung die zentrale Bedeutung zu; für diese sei die Politik zuständig. Für die Politik wiederum trage in einer Demokratie der Bürger die Letztverantwortung, etwa indem er sich für einen Nachhaltigkeits-TÜV für Gesetze (Grunwald 101) einsetze oder für gesetzliche Bestimmungen zur Kostenwahrheit von Produktpreisen (was alle vier Autoren fordern). Nur so sei zu erreichen, dass die ökologisch problematische „Primärproduktion, also die Gewinnung der Bodenschätze, teuerer als die Sekundärproduktion“ (Reller/ Holdinghausen 182), d. h. die Wiederverwertung, werde. Diese politische Bürgerverantwortung kann Paech wiederum um eine subjektive Komponente erweitern. Der engagierte Einsatz für „kreative Subsistenz als Ersatz für Industrieoutput“ (Paech 120), d. h. für verschiedene Formen von Selbstversorgung und nachbarschaftlicher Kooperation, respektiere nicht nur die liberalen Grenzen für staatliche Eingriffe in individuelle Entscheidungen. Vielmehr werde die im emphatischen Sinn politisch-gemeinsame Gestaltung des gemeinsamen Nah-, Wirtschafts- und Lebensraums verstärkt, etwa durch gemeinschaftliche Nutzung von Werkzeugen oder Gärten.
Jedes der drei Bücher entfaltet stringent, anschaulich und gut verständlich einen Gedankengang: Reller/Holdinghausen gleichermaßen wissenschaftlich informierend wie auch ein wenig alarmistisch (schon der Bucheinband zeigt eine Müllhalde und spricht auf der Rückseite von der Sintflut), Paech engagiert und zuweilen polemisch, Grunwald eher analytisch und mit einer doppelten Stoßrichtung: gegen moralisierende Drohreden gegen Konsumenten und für die politische Verantwortung der Bürger für Nachhaltigkeit. Jedes der drei Bücher gibt ungemein zu denken, auch weil die Vorschläge z. T. etwas visionär wirken. Wenn sie miteinander ins Gespräch gebracht werden, erweisen sich die Fokussierungen und Zuspitzungen als umso anregender.
Jochen Ostheimer, München