Festschrift Wilhelm Korff

Markus Vogt (Hrsg.): Christliche Sozialethik – Architektur einer jungen Disziplin. Akademischer Festakt zum 85. Geburtstag von Wilhelm Korff, Archiv der LMU München 2012, 94 S., ISBN 978–3–926163–76–9.

Im November 2011 vollendete der Münchener Sozialethiker Wilhelm Korff sein 85. Lebensjahr. Korff gehört zu den wesentlichen Impulsgebern der Erneuerung der Christlichen Sozialethik, die sich – im Gegensatz zu anderen theologischen Disziplinen – erst relativ spät nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil entwickelt hat. Äußeres, aber programmatisches Zeichen dafür war die von Korff 1979 angestrebte Umbenennung seines Münchener Lehrstuhls von „Soziallehre“ zu „Sozialethik“. Dabei soll der Begriff „Sozialethik“ in Abgrenzung zur „Soziallehre“ erstens stärker die Bedeutung empirischer Sozialwissenschaften für die Ethik sowie die Unterscheidung zur „Individualethik“ verdeutlichen. Sozialethik ist wesentlich Ethik gesellschaftlicher Institutionen und Strukturen. Sozialethik bringt zweitens die Frage der „sozialen Gerechtigkeit“ als Ort der Entstehungsbedingungen des Faches im Kontext der sozialen Frage des 19. Jh. zum Ausdruck und hatte damit einen wirtschaftsethisch ausgerichteten Schwerpunkt. Drittens wird die Frage der Menschenrechte in allen drei Formen zu einem zentralen Ausgangspunkt der Sozialethik.

Für die Kath. Theologie hat Korff wichtige Impulse als der für ethische Fragen zuständige Herausgeber des Lexikons für Theologie und Kirche gesetzt, in ökumenischer Hinsicht mit dem Handbuch Christlicher Ethik. Mit den beiden von ihm herausgegebenen voluminösen Werken „Lexikons der Bioethik“ und „Handbuch der Wirtschaftsethik“ hat Korff weit über die Christliche Sozialethik hinaus Maßstäbe für eine interdisziplinär arbeitende Ethik gesetzt. Die Anerkennung, die sein Werk innerkirchlich gefunden hat, kommt in dem Grußwort von Kardinal Marx zum Ausdruck. Die Festansprache der Bundesministerin Anette Schavan unterstreicht die politische Relevanz der Sozialethik Korffs, vor allem seine Überlegungen zur Güterabwägung und zum Kompromiss in der Politik. Dem Herausgeber, Schüler und Nach-Nachfolger Korffs auf dem Münchener Lehrstuhl, Markus Vogt, gelingt es prägnant, die wesentlichen konzeptionellen Ansätze des Jubilars herauszustellen, vor allem sein positives Verhältnis zur modernen Gesellschaft, das Verständnis der menschlichen Vernunft als Kreativ- und nicht allein als Abbildeorgan. Daher gibt es nicht nur eine Gehorsamsverantwortung gegenüber Normen, sondern auch eine menschliche Gestaltungsverantwortung für Normen. Auch das Wesen des Menschen ist nicht festgelegt, sondern steht zur eigenen Selbstverwirklichung offen.

Bemerkenswert an diesem anregenden und lesenswerten Band ist, dass sich der Jubilar nicht auf ein schlichtes Dankeswort beschränkt, sondern seine Konzeption der Christlichen Sozialethik formuliert und dabei auf seine gegenwärtigen Forschungsfragen eingeht. Seine weiterführenden Bemühungen zur Profilierung der Konzeption einer Christlichen Sozialethik werden in einem ausführlichen Anhang geschildert. Damit enthält der Band nicht nur die übliche Dokumentation eines Festaktes, sondern ist zugleich ein Forschungsbericht. Zentrale Herausforderung ist dabei, dass angesichts der Ausdifferenzierung moderner Gesellschaften immer vielfältigere Bereichsethiken von Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Medien, Umwelt usw. vorliegen, aber zugleich die Problematik einer notwendigen Kohärenz und Integration besteht. Gibt es einen Kern einer allgemeinen Sozialethik als Ausgangspunkt und Grundlage von Bereichsethiken?

Es wird sodann eine systematische Gliederung der allgemeinen Sozialethik skizziert, für die Korff in ganz unterschiedlichen Schriften Vorarbeiten geleistet hat. Abschließend wird das Konzept der historischen Genese einer Systematik von Bereichsethiken skizziert. Dabei wird zwischen einer religiösen Gebotsethik (Dekalog), einer aus der griechischen Philosophie geprägten und von Thomas v. Aquin christlich rezipierten Tugendethik sowie einer neuzeitlichen Pflichtenethik unterschieden. Es ist zu hoffen, dass es Korff noch gelingt, mit dem skizzierten Projekt einen weiteren wichtigen Grundlagenbeitrag für das Selbstverständnis der Christlichen Sozialethik zu leisten. Mit der Vielfalt der von Korff vorgelegten und herausgegebenen Publikationen hat er für das Fach zentrale Impulse gegeben, an denen sowohl in Grundlagenfragen wie in einer Vielzahl von Anwendungsfragen der Bereichsethiken kein Wissenschaftler in der Christlichen Sozialethik und darüber hinaus vorbeigehen kann.

Joachim Wiemeyer, Bochum