Ethik der Freiheit

Hübner, Jörg: Ethik der Freiheit. Grundlegung und Handlungsfelder einer globalen Ethik in christlicher Perspektive, Stuttgart: Kohlhammer 2012, 509 S., ISBN 978–3–17–021644–0.

Das spezielle Anliegen Hübners, Mitarbeiter am Lehrstuhl für Christliche Gesellschaftslehre der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Bochum, ist es, die zentrale Rolle der in der evangelischen Ethik bisher eher unterbelichteten affektiven Komponente der Freiheit darzustellen, also Freiheit „als ein Bündel aus Affekten oder auch als ein Gefühl“ zu fassen. Die Arbeit gliedert sich in zwei Teile. Im ersten werden Grundlegungsfragen behandelt, während es im zweiten um konkrete Bewährungsfelder geht.

Nach einer differenzierenden Einführung beschäftigt sich der erste Teil zunächst mit den biblischen Grundlagen, wobei Paulus im Mittelpunkt steht. Hübner sucht zu zeigen, dass die paulinische Freiheitsbotschaft philosophisch im Referenzrahmen der Stoa stehe und die christlichen Hellenisten darum als die eigentlichen „Erfinder“ der neutestamentlichen Freiheitsbotschaft und ihrer affektiven Akzentuierung zu gelten hätten. Die reformatorische Rezeption dieser Freiheitsbotschaft wird am Beispiel Luthers und Melanchthons erörtert. Bei aller Würdigung der Freiheitsschrift Luthers von 1520 wird kritisiert, dass diese sich auf die Innerlichkeit des Christen beschränke und damit sowohl die allgemein menschliche als auch die soziale Dimension der Freiheit ausblende. Die umfassender ausgelegte Grundlegung Melanchthons überwinde diese Engführung und gebe zugleich der affektiven Komponente Raum.

Affekte bzw. Emotionen sind nach Hübner energiegeladen, dynamisch und kreativ, sie steuern die Wahrnehmung, sind eudämonistisch zielgerichtet, enthalten Überzeugungen hinsichtlich der Objekte, die sie zugleich praktisch bewerten, fungieren als Träger schon der frühkindlichen Kommunikation und bestimmen so maßgeblich die ganze Lebensführung des Menschen. In dieser Aufwertung der Affekte scheint sich Hübner der empiristischen Gefühlsethik David Humes anzunähern. Dabei sind positive (z. B. „Überraschung, Freude und Interesse“) und negative Affekte (z. B. „Trauer, Wut, Ekel oder Scham“) zu unterscheiden. Interessant wäre hier die Frage, worin sich die menschliche Affektivität von jener der Tiere unterscheidet, deren „Praxis“ wir doch zumeist anders interpretieren als die menschliche.

Hübner fasst Freiheit als Bündel positiver, mit Freude verbundener Affekte im Sinne einer „Gefühls-Familie“ von „Zufriedenheit, Liebe und Glück“. Ethik der Freiheit ist demnach „Hermeneutik der Freude“. Bewirkt wird dieses glückhafte Freiheitsgefühl durch den Geist Gottes, der die Affekte positiv transformiert und bündelt. Damit scheint es sowohl in der Tradition der scholastischen theologischen Tugenden (Glaube, Hoffnung und Liebe) zu stehen, die sich als virtutes infusae ganz der göttlichen Gnade verdanken, als auch in jener der „Freiheit eines Christenmenschen“ bei Luther.

Natürlich wird zwischen den aufgewerteten Affekten und dem Wirken des Geistes Gottes die Luft außerordentlich dünn für die eigenständige Bedeutung der Moralität, für praktische Vernunft, individuell zurechenbare Verantwortung und vor allem für die Willensfreiheit (etwa im Sinne von Aristoteles oder Kant). Das ist seit Luthers De servo arbitrio (1525) in einer evangelischen Ethik nicht anders zu erwarten. Auch Hübner versucht, die Rolle der Willensfreiheit zu minimieren. Dabei hat er sicher Recht, wenn er auf die jeden Menschen prägenden Grenzen und Bedingtheiten der Freiheitsspielräume und Alternativen verweist, etwa auf Gewissheitsstrukturen, die biographisch, kulturell oder milieubedingt vorgegeben sind und sich affektiv auswirken. Aber so unterschiedlich sich diese auch ausprägen mögen, sie scheinen nichts an der Grunderfahrung zu ändern: einerseits der Differenz zwischen dem, was ich aus Selbstliebe subjektiv möchte und dem, wovon ich weiß, dass ich es sollte, weil ich mir gewiss bin, dass es objektiv gut ist, sowie andererseits der Gewissheit, dass die Entscheidung bei mir liegt und meinen moralischen Wert bestimmt. Hier scheint der Kern der moralischen Subjektivität zu liegen, auch dann wenn Menschen differenter Gewissheitsstrukturen Gut und Böse material unterschiedlich beurteilen. Nach Kant hängt die Würde des Menschen damit zusammen, dass er moralisches Subjekt ist. Und nur wenn er das ist, scheint Sünde zurechenbar und der Mensch erlösungsbedürftig zu sein.

Im Bestreben, die Bedeutung der Willensfreiheit zu minimieren, sieht Hübner „Übereinstimmungen zwischen Theologie und Neurowissenschaften“. Derartige Koalitionen scheinen theologisch nicht ungefährlich, denn der strikte methodische Empirismus der Neurowissenschaften schließt nicht nur alle Kausalität aus transzendentaler Freiheit prinzipiell aus, sondern ebenso jedes Einwirken des Geistes Gottes auf unsere Affekte. Gegenüber diesen Reduktionismen sollte die Theologie eher bestrebt sein, transzendierende Sinndimensionen offen zu halten und zu begründen.

Die Handlungsfelder des zweiten Teils gliedert Hübner durch sieben „den geistgewirkten Freiheitssinn begleitende Affekte“: Achtung des Menschen und seiner Freiheitsrechte, Ehrfurcht vor dem Leben, Kommunikation und Partnerschaft, Kreativität, Mut zur Entwicklung, Phantasie sowie Ermutigung zur Teilhabe. Jeder dieser Abschnitte ist dreigeteilt und entfaltet seinen speziellen sozialethischen Themenbereich nach den drei in der Einleitung eingeführten Reflexionsstufen der Freiheit: Subjekthaftigkeit, soziales und politisches System der Freiheiten und Transzendenzbezug.

Das Buch ist sehr gut lesbar und verarbeitet klar, kenntnisreich und differenziert ein weit gespanntes theologisches und sozialethisches Problembewusstsein, auf dessen thematische Vielfalt hier nur sehr partiell eingegangen werden kann. Leider bietet das es keine Register.

Arno Anzenbacher, Mainz