Postfossile Mobilität

Jörg Schindler/Martin Held unter Mitarbeit von Gerd Würdemann: Postfossile Mobilität. Wegweiser für die Zeit nach dem Peak Oil. Bad Homburg: VAS – Verlag für Akademische Schriften 2009, 301 S., ISBN 978–3–88864–422–1

Der Verkehrsbereich ist in verschiedener Hinsicht eine besondere Ursache von „Energieverbrauch“, denn die Bereitstellung von Verkehrswegen wie auch der Verkehr selbst sind in hohem Maße ressourcen- und materialintensiv. Wie soll es aber weitergehen angesichts des damit verbundenen Flächenverbrauchs, der klimaschädlichen CO2-Emissionen und des absehbaren Zeitpunkts, des Peak Oil, ab dem die Erdölproduktion aus geologischen, technischen und wirtschaftlichen Gründen nicht weiter erhöht werden kann und stattdessen tendenziell abnimmt? Die Autoren argumentieren, dass die bisherige Konzentration auf Verkehr anstelle des umfassenderen Bedürfnisses Mobilität aufgegeben werden muss, um den nicht nachhaltigen „fossilen Verkehr“ durch ein breiteres, zukunftsfähiges Konzept der „Mobilität“ zu ersetzen. Dazu werden zunächst die bisherigen „Treiber“ des fossilen Verkehrs, das reichliche und billige Erdöl, die voraussichtlich katastrophalen Folgen eines „Weiter so“ und die trügerischen fossil-nuklearen Hoffnungen auf „Verlängerungsmöglichkeiten“ erörtert.

Es folgen Schritte zur Umorientierung von der „Ortsveränderung“ hin zur allgemeinen „Beweglichkeit“. Die Autoren diskutieren in diesem Kontext zwei alternative Pfade des Übergangs zur postfossilen Mobilität: Ausgehend von der Konzeption der „Leitplanken – auf dem Weg zu einer zukunftsfähigen Mobilität“ wird ein „realpolitischer Übergang“ diskutiert, der von dem bestimmt ist, „was politisch jeweils gerade noch für durchsetzbar gehalten wird“ (s. 256). Beim zweiten Pfad „Klima- und Ressourcengerechtigkeit“ wird die Forderung der Entwicklungs- und Schwellenländer nach Klima- und Ressourcengerechtigkeit als Ausgangspunkt akzeptiert (vgl. ebd.). Beide Pfade erkennen die Notwendigkeit des Übergangs von einer fossilen Verkehrspolitik zu einer postfossilen Mobilitätspolitik an, aber der zweite wird weniger als eine Abfolge politisch gerade noch durchsetzbarer Maßnahmen verstanden, sondern als systemischer Ansatz der seine eigene Dynamik entwickelt, die dazu benutzt wird, die Übergangsphase hin zur postfossilen Mobilität zu verkürzen.

Ein solcher Übergang ist auf Akteure in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik angewiesen. Diese Akteure werden identifiziert und von den Verfassern in einen „Aufbruch“ mit einbezogen, der die Langwierigkeit der Übergangsprozesse, ihre Unvermeidlichkeit und die Notwendigkeit mentaler Neuorientierung thematisiert. Das Buch gibt nicht nur in leicht fasslicher Weise einen guten „Sachstandsbericht“ über die Energieproblematik im Verkehrsbereich, sondern darüber hinaus auch nützliche Anregungen bei der mentalen und realen Neuorientierung, die allerdings noch der weiteren Konkretisierung in künftigen Publikationen bedürfen. Besonderes Gewicht kommt dabei nach der Analyse der Verfasser dem proaktiven Denken und Handeln zu, dessen es ganz offenkundig bedarf, wenn man die Wiederholung solch dramatischer Konstellationen verhindern will, wie sie sich gegenwärtig im „Peak Oil“ manifestieren. Ein Element dieses proaktiven Denkens liefern die Autoren dieses Buches schon darin, dass sie in „Peak Oil“ nicht so sehr ein katastrophenähnliches Problem, sondern mehr Chance zu einem neuen Denken und Handeln sehen. Wie dieses im Einzelnen aussieht, das zu bestimmen wird wohl in erster Linie Aufgabe der heranwachsenden Generationen sein.

Hans G. Nutzinger, Kassel