Marianne Heimbach-Steins: „… nicht mehr Mann und Frau“. Sozialethische Studien zu Geschlechterverhältnis und Geschlechtergerechtigkeit. Regensburg: Friedrich Pustet 2009, 384 S., ISBN 978–3–7917–2195–8
Diese Publikation basiert auf Studien der Münsteraner Sozialethikerin seit 2001, die nun weitergeführt wurden. Heimbach-Steins entwirft eine geschlechtergerechte Sozialethik, reflektiert ihre Maßstäbe wie Behinderungen und Perspektiven.
Der erste Teil des Buches mit dem Titel „Sichtbehinderungen“ präsentiert Bestandsaufnahmen zu Frauenbild und Geschlechterverhältnis in der kirchlichen Soziallehre und wissenschaftlichen Sozialethik des 20. Jahrhunderts. Die Analysen weisen eine „weitgehende Blindheit“ gegenüber geschlechterspezifischen Herausforderungen der Gesellschaftsgestaltung auf bzw. verdeutlichen das Bedingungsgefüge herrschender Geschlechterverhältnisse. Die Diagnose einer „Sichtbehinderung“ bezieht sich folglich nicht nur auf eine gesellschaftsanalytische Wahrnehmung, sondern auch auf die normative Reflexion. Für die Auseinandersetzung unterscheidet sie drei Ebenen: die anthropologische, die gesellschaftlich- politische und die normativethische Ebene.
Unter „Sichtachsen“ im 2. Teil werden Frauen-, Menschenrechte und Geschlechtergerechtigkeit fokussiert. Die biologische Differenz zwischen männlichem und weiblichem Geschlechtskörper mit den kulturellen Deutungsmustern eröffnet Perspektiven auf den Zusammenhang zwischen Körperbildern, personaler Identität, Relationen sowie deren gesellschaftlich-politischen Rahmenbedingungen. Mit dem Ziel gesellschaftlicher „Gleichheit“ wurde nach Modellen bzw. Mitteln gefragt, wie sie z. B. in Quotierungen Anwendungsfelder fanden – begleitet von heftigen, auch juristischen Debatten, mit dem Erfahren positiver Wirkungen wie Grenzen. Unter der Leitidee Gerechtigkeit werden verschiedene Theorien und Diskurse um Gleichheit und Differenz beleuchtet und „die Genderkategorie als Instrument der sozialethischen Analyse eingeführt“. Im Blick auf die Menschenrechte und Bildungsgerechtigkeit wird dies verdeutlicht. Eine „genderbewusste christliche (Sozial)Ethik“ bzw. Geschlechterdifferenz und universalistische Ethik werden reflektiert und Ansätze für einen kontextsensitiven Universalismus auf den Genderaspekt hin konkretisiert. Unter der Überschrift „Unsichtbar Gemachte(s) sichtbar machen“ skizziert Heimbach-Steins Anforderungen an eine christliche Sozialethik als kontextuelle Ethik mit gendersensitiven Konturen.
Stärke dieser Publikation ist es, den theoretischen Diskurs anhand von Gegenstandsbezügen mit unterschiedlichen Positionen aufzuzeigen, Zusammenhänge herzustellen und Perspektiven zu betonen. Dies fordert nachhaltig zur institutionellen wie individuellen Reflexion heraus. Ursachen für das Gebundensein der gesellschaftlichen Verhältnisse an die Kategorie Geschlecht werden in verschiedenen Kontexten entlarvt. Systematisch untersucht die Autorin die Texte und Positionen christlicher Sozialethik und greift philosophische Ansätze wie juristische Aspekte auf. Wissenschaftlich fundiert, sprachlich an vielen Stellen faszinierend, klar strukturiert und handlungsbezogen bietet der Band historisch wie aktuell eine sehr ansprechende Zusammenschau für Frauen und Männer in Wissenschaft und Praxis, für Interessiert wie Engagierte in Sachen Geschlechtergerechtigkeit. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis, Personen- und Sachregister verdeutlichen die Recherche und intensive Auseinandersetzung der Autorin mit dieser vielschichtigen Thematik.
Ulrike Gentner, Ludwigshafen