Energie ist eine Frage der Gerechtigkeit

Gerechtigkeit und Wohlstand können auf Dauer nur gesichert werden, wenn sich der kohlenstoffbasierte Stoffwechsel der Industriegesellschaften drastisch ändert. Damit verschiebt sich der Maßstab von Fortschritt: Er wird künftig wesentlich an der Verbesserung der CO2-Bilanz sowie neuen Wegen des Umgangs mit Energie zu messen sein. Aufgrund der vielschichtigen Zusammenhänge von Energieversorgung, Armutsüberwindung und Sicherheit ist die Energiefrage auch für christliche Sozialethik eine Herausforderung ersten Ranges.

Wegen der politisch schwer kalkulierbaren Abhängigkeiten und der Gefahr nicht vorhersehbarer externer Schocks sind die Weltenergiepreise sprunghaft. Das hat zur Folge, dass Anpassungen über Marktsignale für die sehr umfangreichen und langfristigen Investitionen, die im Bereich der Energietechnik nötig sind, betriebswirtschaftlich nicht hinreichend funktionieren. Ebenso wenig genügt es, auf den Fortschritt internationaler Abkommen zu warten. Die dynamische Verknüpfung effektiver Strategien für Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und Klimaschutz im Energiebereich muss auch von einer konsistenten Energiepolitik der Nationalstaaten ausgehen.

Bisher wurde die Effizienz bei der Energieverwendung erst wenig als Geschäftsfeld für Unternehmen oder als Kostenvorteil für Verbraucher erkannt. Gerade hier gibt es jedoch besonders kostengünstige und ressourcenschonende Möglichkeiten. Ihre Entdeckung braucht eine Kombination technischer, unternehmerischer und sozialer Innovationen sowie veränderter Nutzergewohnheiten. Dieses komplexe Feld interdisziplinärer Energieforschung wurde in Deutschland lange vernachlässigt. Auch die Sozialethik sowie die kirchliche Praxis haben hier Nachholbedarf.

Mycle Schneider, Hauptautor des im Auftrag des Bundesumweltministeriums verfassten „Welt-Statusreports Atomindustrie 2009“, widerspricht in seinem Beitrag der These einer „Renaissance“ der Atomenergie: Empirisch belegt sei lediglich eine Renaissance der Ankündigung und Diskussion von Kernenergie. Da es weltweit an Herstellungskapazitäten, Fachpersonal und Kapital mangele, sei mit einem deutlichen Rückgang der Kernenergie zu rechnen, der nur durch massive Laufzeitverlängerungen verzögert oder überbrückt werden könne. Diese Analyse bestätigt sich in Deutschland durch die aktuellen Überlegungen der Bundesregierung zur Verlängerung der Laufzeiten auf bis zu 60 Jahre trotz der ungelösten Probleme der Endlagerung. Schneider weist anhand öffentlicher Stellungnahmen nach, dass die katholische Kirche auf vatikanischer Ebene seit Anbeginn zu den aktiven Verfechtern der Atomkraft gehört, während sich die Hierarchie der evangelischen Kirche in Deutschland vielfach eindeutig gegen die Atomkraftnutzung ausgesprochen hat. Hintergrund dieser auffallenden konfessionellen Differenzen sind auch unterschiedliche Ethikmodelle.

Die Juristin und Politikwissenschaftlerin Nina Scheer stellt die Zukunft der Energieversorgung als eine der größten Herausforderungen für die zivilisatorische Entwicklung der Menschheit dar. Die ökonomischen Potentiale der erneuerbaren Energien seien noch weitgehend unentdeckt. Ein radikales Umsteuern der Energiepolitik sei auch aus menschrechtlichen Gründen ethisch geboten. Diese spezifisch ethische Perspektive auf die Energieproblematik wird durch entwicklungspolitische und schöpfungstheologische Aspekte weitergeführt in Interviews mit Josef Sayer (Hauptgeschäftsführer von Misereor) sowie Erzbischof Raymundo Damasceno Assis (Präsident des lateinamerikanischen Bischofsrates).

Der Sozialethiker Jochen Ostheimer ist überzeugt, dass Kohle in der Stromerzeugung der nächsten Jahrzehnte nach wie vor eine Schlüsselrolle spielten wird. So rückt die Frage, ob dies mit Hilfe der Kohlendioxidabscheidung (CCS) klimaverträglich gestaltet werden kann, ins Zentrum. In seiner Analyse sieht er viele Ambivalenzen dieses technischen Lösungswegs und diskutiert diese in einem kulturtheoretischen Kontext.

Energiepolitische Verantwortung ist heute ein entscheidendes Handlungsfeld wirtschaftlicher Zukunftssicherung und globaler Gerechtigkeit. Die Enzyklika Caritas in veritate bietet hierzu eindringliche Appelle für Effizienzsteigerung im Umgang mit Energie, den Ausbau erneuerbarer Energien und den verbesserten Zugang armer Länder zu Energie (Nr. 49). Sollen diese Impulse wirksam werden, müssen sie auf ordnungsethischer Ebene entfaltet werden.