Biographie Joseph Höfner

Norbert Trippen: Joseph Kardinal Höffner (1906–1987). Band I: Lebensweg und Wirken als christlicher Sozialwissenschaftler bis 1962. Paderborn: Schöningh-Verlag 2009, 352 S., ISBN 9783506767004

Wie man unbeirrbar die Pläne seines Bischofs übergehen, statt dessen seine eigenen verfolgen kann und trotzdem oder gerade deswegen wissenschaftlich und kirchlich höchst erfolg- und einflussreich werden kann, das (und weitaus mehr) erfährt man als Leser/in in der von dem Kölner Kirchengeschichtler Norbert Trippen verfassten glänzenden Biographie über den früheren Bischof von Münster (1962– 1969), späteren Kölner Erzbischof (1969–1987) und Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz (1976–1987) Joseph Kardinal Höffner. Der erste Band dieses auf 2 Teile angelegten Lebensbildes beschäftigt sich mit Höffners Wirken als christlicher Sozialwissenschaftler.

Nach Studium (1926–1934) und Priesterweihe (1932) in Rom und mit einem ebendort erworbenen philosophischen (1929) und einem theologischen (1934) Doktortitel war Höffner zunächst als junger Kaplan in der Industriearbeiterpfarrei St. Johann in Saarbrücken (1934–1937) tätig gewesen. Schon bald aber (1937) wurde er – mit spezieller Förderung durch den Trierer Generalvikar Heinrich von Meurers – zum Studium der Christlichen Gesellschaftslehre in Freiburg freigestellt. Ursprünglich war allerdings die Rede vom Studium der Staatswissenschaften gewesen, was Höffner dann auch zu seinem eigentlichen Studienbereich erklärte. Höffner studierte höchst konsequent und erfolgreich, er erreichte 1938 die zweite theologische Promotion bei Theodor Müncker (die nötig war, weil die römische im nationalsozialistischen Deutschland nicht anerkannt wurde), das volkswirtschaftliche Diplom im Februar 1939, die volkswirtschaftliche Promotion bei Walter Eucken Anfang 1940 und die moraltheologische Habilitation, das Verfahren war kriegsbedingt erst 1944 abgeschlossen. In dieser Habilitationsschrift klingt eins der zentralen Themen Höffners an: sein Einsatz für die Menschenwürde und Menschenrechte. Es geht um „Christentum und Menschenwürde. Das Anliegen der spanischen Kolonialethik im Goldenen Zeitalter“ – vordergründig ein historisches und damit absolut unverfängliches Thema, beim genaueren Zusehen aber ein wichtiger Beitrag zur Kritik am menschenverachtenden nationalsozialistischen Regime. Große und nachhaltige Anerkennung brachte ihm diese Arbeit nicht nur von Seiten der Theologen, sondern auch und speziell von Seiten der Völkerrechtler.

Höffner hat die ganze Freiburger Studienzeit über (1937–1939) immer wieder in der Seelsorge mitgearbeitet, er ist auch bereits 1939 wieder in die Seelsorge im Bistum Trier (Kail an der Mosel) zurückgegangen, um dort die letzte große wissenschaftliche Arbeit fertigzustellen. In diese Phase fällt auch Höffners erst vor wenigen Jahren bekannt gewordenes und geehrtes Engagement – er versteckte mit seiner Schwester zusammen ein jüdisches Mädchen und eine jüdische Ärztin mit ihrem Mann bei einer Familie bzw. in seinem Elternhaus in Horhausen und rettete so beiden das Leben.

1945 wurde Höffner am Trierer Priesterseminar zunächst der Lehrstuhl für Pastoraltheologie übertragen, erst als das Seminar zur Theologischen Fakultät Trier erhoben wurde, wurde die Lehrstuhlbezeichnung um die Christliche Gesellschaftslehre ergänzt. Auch wenn bald deutlich war, dass Höffner für Trier überqualifiziert war und er selbst auch gern wegen der Nähe zum Ruhrgebiet und der dort virulenten sozialen Frage alsbald dem an ihn ergangenen Ruf an die katholisch-theologische Fakultät in Münster gefolgt wäre, dauerte es noch bis 1951, bis der Trierer Bischof ihn „freigab“. Dort gehörten zu Höffners Hörern, Schülern und Doktoranden nicht nur Theologen, sondern auch Volkswirte und Philologen; er wurde zum hoch geschätzten Gesprächspartner von Unternehmern, Gewerkschaftlern, Sozialverbänden und auch Bischöfen, da er zu der Zeit weithin der einzige Theologe war, der über derart fundierte und differenzierte theologische, sozialethische, nationalökonomische und staatswissenschaftliche Kenntnisse verfügte. Lehre und Vermittlung waren für den Wissenschaftler Höffner ganz zentral. Nach seinem wissenschaftlichen „Meisterstück“ (S. 304), der Habilitation folgten keine weiteren Forschungsprojekte mehr, aber seine unermüdliche Mitarbeit an diversen Beratungs- und Gutachterprojekten in (Sozial) Politik – hier ist u. a. zu nennen das Gutachten zur Reform der Sozialleistungen, die sog. Rothenfelser Denkschrift (1955) im Auftrag von Bundeskanzler Adenauer und der nicht ohne seine Beteiligung entstandenen sog. Schreiberplan zur Rentenreform –, Wirtschaft und Kirche machte ihn zu einer zentralen Gestalt des Katholizismus und der Sozialgeschichte der noch jungen Bundesrepublik. Daneben war Höffner auch engagiert bei der Gründung der Ruhr-Universität Bochum und speziell der Errichtung einer katholisch-theologischen Fakultät dort; er pflegte internationale wissenschaftliche Kontakte (USA, Chile). Er arbeitete u. a. als geistlicher Berater von dessen Gründung an beim Bund Katholischer Unternehmer (BKU) mit, war seit 1952 Leiter des Sozialreferats im Zentralkomitee und wirkte maßgeblich mit bei der Konzeption und Gründung der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle Mönchengladbach. Höchst bedeutsam sind ebenfalls seine Aktivitäten als Berater in den wissenschaftlichen Beiräten des Arbeits-, Familien- und Wohnungsbauminsteriums.

Über all diesen Beiträgen Höffners steht allerdings sein „Erfolgsschlager“, die „Christliche Gesellschaftslehre“ (1. Auflage 1962, zahlreiche weitere Auflagen, 1997 von Lothar Roos in überarbeiteter und ergänzter Neuauflage erschienen), mit der er ursprünglich nur einen Überblick über die Christliche Gesellschaftslehre für seine Hörer und für die in der Weiterbildung Tätigen zu verfassen beabsichtigte. Das zum Klassiker gewordene Lehrbuch stellt das Ergebnis seiner Lehr- und Vortragstätigkeit dar, ist inzwischen in viele Sprachen übersetzt, was ihm auch zur Verbreitung in nicht dem christlichen Gedankengut nahestehenden Kulturkreisen verholfen hat.

Die hier vorgelegte Biographie beindruckt durch die höchst gelungene Verbindung von chronologischer und systematischer Darstellung des Lebens und Wirkens von Joseph Höffner als katholischem Sozialwissenschaftler. Die einzelnen Kapitel sind größtenteils vom Thema her jeweils systematisch ausgerichtet und werden dann chronologisch bearbeitet. Eine englischsprachige Summary sowie ein ausführliches Personen-, Orts- und Sachregister erweisen sich als sehr hilfreich für den Gebrauch des Bandes. Für alle sozialwissenschaftlich interessierten Theologen/-innen, aber auch für alle theologisch-ethisch interessierten Sozial-, Politik- und Wirtschaftswissenschaftler ist dieses Buch eine äußerst lesens- und empfehlenswerte Biographie eines einflussreichen Wissenschaftlers und Priesters, aber zugleich auch eine spannend geschriebene Geschichte der jungen Bundesrepublik. Ein Muss in jedem theologischen und sozialwissenschaftlichen Bücherschrank!

Ursula Nothelle-Wildfeuer, Freiburg